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Bundesweiter Warntag:Falscher Alarm

Bundesweiter Warntag -  Sachsen

Wie hier in Sachsen hätte es bundesweit auf Smartphones aussehen sollen: Die Warn-App Nina zeigt die Probewarnung an.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Eine App soll Millionen Deutsche vor Notfalllagen warnen - doch beim bundesweiten Probealarm bleibt sie still. Das Bundesinnenministerium bezeichnet die Übung inzwischen als "fehlgeschlagen".

Von Jannis Brühl und Max Sprick

Der Donnerstag sollte ein besonderer Tag werden: Ein bundesweiter Warntag, der das Bewusstsein der Bevölkerung schärft. Für Krisen. Nun ist er natürlich lange geplant gewesen, bevor ein weltweites Virus zur ganz realen Notfall-Lage mutierte. Covid-19 aber spielte ohnehin eher eine untergeordnete Rolle dabei, der Warntag zielte auf eine Naturkatastrophe oder einen Terroranschlag ab, auf eine schockartige Störung des Systems. Und nun muss man sagen: Das Warnsystem selbst erschien gestört.

Zum Beispiel in der App "Nina", der Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). "Gefahr" wird dank Nina bei einer Gefahrenlage in tiefstem Rot am Handy angezeigt. Immerhin: Der Zusatz "Probealarm" sollte nun darauf verweisen, dass es sich nur um eine Übung handelt. Die Meldung wird vom BBK versendet und ist Teil des deutschen Krisenmanagements. Millionen Menschen hatten sich die App auf ihr Handy geladen, um aktuell durch sie vor Erdbeben, Unwettern, Seuchen und sonstigen Notfalllagen gewarnt zu sein. Wenn die App denn funktioniert.

Viele Deutsche erwarteten nämlich am Donnerstag gegen elf Uhr eine solche Push-Mitteilung auf ihrem Gerät: Den vom BBK angekündigten Probealarm, der im ganzen Land durch Sirenen, Lautsprecherdurchsagen und eben staatliche Warn-Apps wie Nina ausgelöst werden sollte. Die Sirenen heulten vielerorts um elf Uhr, in großen Städten wunderten sich die Menschen aber, dass es dort still blieb. In München zum Beispiel, wo ein Feuerwehrsprecher erklärte, dass die Stille ihre Richtigkeit habe: Es gebe in der bayerischen Landeshauptstadt seit vielen Jahren gar keine Sirenen mehr. Sie seien nach Ende des Kalten Krieges nach und nach abgebaut worden. Ebenso in Berlin, wo seit den 1990ern keine Zivilschutzsirenen mehr existieren, weil die Hauptstadt zu dicht besiedelt ist. Der Senatsinnenverwaltung zufolge könne vor Gefahren akustisch nicht genau genug gewarnt werden, also besser gar kein Ton als ein irritierender.

Eine Sirene als Handy-Warnton

Doch nicht nur in München oder Berlin, sondern in ganz Deutschland beschwerten sich auch viele Bürger, die die Nina-App installiert hatten: Ihr Handy habe von sich aus nichts gemeldet. Keine Sirene (die kann man sich als Ton für Nina einstellen), kein Vibrieren, nichts. Um den Probealarm und die Entwarnung überhaupt mitzukriegen, hätte man die App selbst aktiv öffnen müssen - was dem Sinn einer Warn-App allerdings widerspricht, da sie ja von sich aus auf Gefahren aufmerksam machen sollte.

Teilweise sei es zu einer Überlastung des modularen Warnsystems gekommen, teilte später das BBK mit. Grund dafür sei eine gleichzeitige Auslösung einer Vielzahl von Warnmeldungen gewesen. BBK-Präsident Christoph Unger sagte: "Erste Analysen haben ergeben, dass um elf Uhr nicht nur zentral die Warnung ausgelöst worden ist, sondern viele andere angeschlossene Leitstellen ebenfalls eigenständig Warnungen ausgelöst haben, sodass es zu einer Überlastung des Systems gekommen ist. Dies muss für den nächsten Warntag noch viel deutlicher abgestimmt werden." Das aufgetretene "technische Phänomen" liefere aber wichtige Erkenntnisse für den Ausbau des Modularen Warnsystems (Mowas). Soll wohl heißen: Gut, dass es nur im Testfall schiefging, daraus können wir was für den Ernstfall lernen.

Zahl der Downloads von Nina ist stark gestiegen

Auch Katwarn, eine Warn-App des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme, die in die Übung mit eingebunden war, schlug bei vielen Leuten keinen Alarm. Sie war beim rechtsradikalen Anschlag von München 2016 zusammengebrochen, weil gleichzeitig zu dem Alarm nach den Morden am Olympia-Einkaufszentrum noch viele Unwetterwarnungen mitgeteilt werden mussten.

Die Apps sollen eigentlich Teil der Modernisierung des Katastrophenschutzes sein. "Eines haben wir in den vergangenen Jahrzehnten gelernt", sagte vor dem Warntag Martin Voss von der Katastrophenforschungsstelle in Berlin: "Man kommuniziert mit einer Bevölkerung nicht über Lautsprecherwagen oder Sirenen. Zumindest nicht nur."

Die Zahl der Downloads von Nina war während der Corona-Pandemie stark gestiegen, um mehr als eine Million auf jetzt mehr als sieben Millionen. Das liegt vermutlich auch daran, dass staatliche Warn-Apps im Zuge der Krise erstmals vielen Menschen bekannt wurden und Nina ihre Nutzer auch mit Informationen über das Infektionsgeschehen und Gegenmaßnahmen versorgt. Zudem hat das Robert-Koch-Institut eine spezielle Corona-Warn-App herausgegeben, die messen soll, ob jemand sich zu lange zu nah an einem Infizierten aufgehalten hat und deshalb in Quarantäne muss.

Warnung per Direktnachricht

Schon vor dem Test hatten Technikexperten, unter anderem vom Chaos Computer Club, allerdings die Frage gestellt, ob eine App wirklich das einzige Mittel sein darf, mit dem Behörden Massen von Menschen warnen sollten. Andere Staaten nutzen im Katastrophenfall sogenannte Cell-Broadcast-Systeme, mit denen allen Menschen innerhalb einer Funkzelle eine Nachricht aufs Handy geschickt werden kann - zum Beispiel bei einem drohenden Tsunami in manchen Teilen der Welt. Der Staat sendet also direkt über die Mobilfunksysteme. Dazu muss das Handy auch keine Internetverbindung haben, auf die die App angewiesen ist. Verfechter des Cell Broadcasts argumentieren, gerade in Katastrophensituationen könne man so Warnungen versenden, selbst wenn das Netz bereits zusammengebrochen ist. Zudem seien internetabhängige Apps von Betriebssystemen und Software-Einstellungen der Handyfirmen abhängig.

Das Bundesinnenministerium hat den landesweiten Probealarm schließlich als "fehlgeschlagen" bezeichnet. "Die Vorgänge werden jetzt umfassend aufgearbeitet", kündigte das Ministerium in Berlin an. Immerhin, aus diesen Vorgängen des ersten bundesweiten Warntages seit der deutschen Wiedervereinigung kann das BBK lernen. Muss es auch, schließlich soll der Warntag künftig jedes Jahr am zweiten Donnerstag im September stattfinden.

© SZ/dpa/afis
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