Deutscher Filmpreis All diese komischen Typen

Bei der Gala im Palais am Funkturm triumphiert mit "Victoria" das neue Berliner Kino - und Til Schweiger zeigt der Kulturstaatsministerin, was er von ihr hält.

Von Christian Mayer

Treffen sich zwei Berliner Schauspieler kurz vor Beginn der Gala zum Deutschen Filmpreis. Ulrich Matthes hat sich neben der Champagnerbar im Palais am Funkturm postiert. Roben rascheln, man tauscht Bussis aus, jetzt ist die Zeit für kleine Gemeinheiten, man ist ja unter sich. Henry Hübchen schlendert auf den Kollegen zu, fällt ihm um den Hals und sagt grinsend: "Na, wird ja immer gruseliger hier . . . Die janzen Filme, die kann sich doch eh keener mehr ansehen." Matthes antwortet, ein wenig stolz: "Doch, ich hab's geschafft."

Für die Mitglieder der Filmakademie mag die Sichtung all der neuen Kinoproduktionen auch eine Tortur sein, für die Sieger ist der Preis ein Lottogewinn. Drei Millionen Euro schüttet die Bundesregierung beim Deutschen Filmpreis aus, allein deshalb ist die Spannung im Saal verständlich. Und die Show geht schon mal gut los, mit einem blendend aufgelegten Moderator Jan Josef Liefers, der als Hotdog-Verkäufer im Armes-Würstchen-Kostüm die Bühne stürmt - ja, so eine Schauspielerkarriere kann schnell zerschellen, wenn man nicht aufpasst.

Auf der Bühne läuft es dann vor allem für einen Film gut, sehr gut sogar. Für "Victoria", die in einer Nacht gedrehte Wahnsinnsgeschichte eines Bankraubs in Berlin. Im Kino erleben die Zuschauer 140 rauschhafte Minuten und bei der Filmpreisgala ein paar emotionale Höhepunkte, etwa als die völlig unverkrampfte Spanierin Laia Costa erst mal in ihre blauen Stöckelschuhe schlüpft und den Preis für die beste Hauptrolle mit einem Jubelschrei kommentiert. Oder als "Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper nach seinem Luftsprung auf der Bühne an all "die komischen Typen" erinnert, die Regisseure, die sich mit ihren Geschichten plagen und an den Filmen leiden, die sie sich selbst und den anderen qualvoll abringen müssen. "Es geht hier nicht darum zu triumphieren, sondern etwas zu geben", ruft Schipper in den Saal. Das hört sich edelmütig an, wenn man sechs Lolas abräumt (beste männliche Hauptrolle für Frederick Lau, beste Kamera, beste Filmmusik, beste Regie, bester Film), dürfte aber für die Verlierer kein Trost sein. Die mehrfach nominierten Macher von "Elser" oder "Im Labyrinth des Schweigens" müssen sich später bei der Party Mut zutrinken: Die Filme, die sich mit den schwierigsten Kapiteln der deutschen Geschichte befassen, mit dem Widerstand in der NS-Zeit und der juristischen Aufarbeitung der Auschwitz-Verbrechen, gehen völlig leer aus.

Jan Josef Liefers als armes Würstchen verkleidet: So geht der Abend schon mal gut los

So ein Abend lebt, wenn er denn gelingt, von den Überraschungsmomenten, vom spontanen Schlagabtausch. Kulturstaatsministerin Monika Grütters trägt ihren Teil dazu bei: Sie beschränkt sich nicht auf ein braves Grußwort, sondern ledert richtig los und erneuert ihre Kritik an den jungen deutschen Filmemachern, die viel zu harmlos, zu unpolitisch und zu angepasst seien. Im Gegensatz zu den alten Autorenfilmern wie Werner Herzog, Wim Wenders oder Volker Schlöndorff. Herzogs "Fitzcarraldo" muss noch einmal als Beispiel herhalten für den kreativen Irrwitz, den die Kulturstaatsministerin vermisst. Einigen im Saal geht sie damit schwer auf die Nerven, man weiß ja immer genau, wer gemeint ist. Als Til Schweiger den Preis für den besucherstärksten Film abholt, die Lola für seine Alzheimer-Tragikomödie "Honig im Kopf", kämpft er erst mit den Tränen. Er genießt den Beifall, sein Hauptdarsteller Dieter Hallervorden legt liebevoll den Arm um ihn, der Krach bei den Dreharbeiten ist längst vergessen. Dann bricht es aus ihm heraus. "Liebe Frau Grütters, Sie haben gesagt: Herzog, Schlöndorff, Wenders, Sie vermissen den Mut dieser Menschen - ich bin ein großer Verehrer von allen dreien. Aber stellen Sie sich mal vor, ich würde sagen: Die Politiker von heute sind auch nicht mehr so mutig wie Wehner und Strauß und Brandt . . ." Der Rest geht im ohrenbetäubenden Applaus unter, im Gejohle des Publikums. Es ist deutlich, wer dieses Duell gewonnen hat: der Mann, der mit 15 selbst produzierten Filmen insgesamt 35 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt, aber die Kränkungen der Kritiker und Besserwisser immer noch nicht ganz überwunden hat.

Richtig witzig wird es, als der 73-jährige Michael Gwisdek seine Laudatio in eine Stand-up-Comedy umwidmet. Gwisdek spielt sich selbst, einen Schauspieler, der den anderen, jüngeren Gockeln den Erfolg nicht gönnen will; ein Preis ist ja nur ein guter Preis, wenn man ihn selbst kriegt. Sollen die sich mal nicht so aufplustern. "Beim Film seh' ick doch, wat Regie is' und wat von mir." Gwisdek will gar nicht mehr runter von der Bühne, er könnte jetzt noch eine Stunde weiterberlinern, über seine "Gesichtsorgasmen" und andere Darstellermacken, aber dann kriegt er doch noch die Kurve. Einfach herrlich. Für die politische Haltung, auch für das Familiengefühl der Branche ist dagegen die Präsidentin der Filmakademie Iris Berben zuständig; sie wächst immer mehr in die Rolle der alterslosen Patriarchin hinein. Berben übernimmt auch die Aufgabe, die Ehrenpreisträgerin Barbara Baum zu ehren, die Kostümbildnerin, die schon mit Rainer Werner Fassbinder gearbeitet und Hollywoodstars wie Jeremy Irons eingekleidet hat.

Kann man diese langweiligen Danksagungen an die Gremien nicht einfach mal weglassen?

Das Fazit? Diese Filmpreis-Verleihung offenbart auf sehr markante Weise die Stärken und Schwächen des deutschen Films; vor allem die hingenuschelten und gähnend langweiligen Danksagungen an die diversen Filmförderanstalten sind eine wahre Pein. Kann man das nicht einfach mal weglassen, genauso wie den obligatorischen Gruß an Mama und Papa und die Kinder zu Hause vor dem Fernseher, die längst im Bett sein müssten? Eine konzentrierte Dankesrede zu halten, eine würdevolle und nicht nur dahingeplapperte Zwei-Minuten-Rede, ist nur wenigen gegeben. Zum Beispiel der Schauspielerin Nina Kunzendorf, die für ihren Auftritt in "Phoenix" die Auszeichnung für die beste Nebenrolle bekommt.

Ansonsten: Gruseln muss man sich zum Glück überhaupt nicht, an diesem Abend im Westen von Berlin. Da hat Henry Hübchen mal wieder ein bisschen übertrieben.