Deutsche Bahn„Ich kontrolliere keine Tickets mehr, ich will ja lebend nach Hause kommen“

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Egal ob Fernzug, Regionalzug oder Bus: Die meisten Mitarbeiter der Deutschen Bahn haben in ihrem Berufsleben schon irgendeine Art von Übergriff erlebt.
Egal ob Fernzug, Regionalzug oder Bus: Die meisten Mitarbeiter der Deutschen Bahn haben in ihrem Berufsleben schon irgendeine Art von Übergriff erlebt. Lorenz Mehrlich

Die meisten Zugbegleiter und Busfahrer haben schon mal einen Übergriff durch einen Fahrgast erlebt. Hier erzählen sie, wie es dazu kam, was es mit ihnen gemacht hat – und was sich ändern muss.

Von Vivien Timmler, Berlin

Nach dem gewaltsamen Tod des Zugbegleiters Serkan C. ist in vielen Dienststellen der Deutschen Bahn (DB) die Stimmung gedrückt. Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner trauern. Gleichzeitig sind Übergriffe für viele von ihnen nichts Neues. Laut einer Umfrage der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) aus dem Jahr 2024 haben 82 Prozent von ihnen schon mal einen verbalen oder körperlichen Angriff erlebt.

Die Süddeutsche Zeitung hat mit acht Bahn-Mitarbeitern gesprochen, die im Dienst schon einmal angegriffen wurden. Aus Schutz vor persönlichen oder arbeitsrechtlichen Konsequenzen nennt die SZ nur ihre Berufsbezeichnung. Alle Namen und Dienstorte der Mitarbeiter sind der Redaktion bekannt. Was die Mitarbeiter erzählen, zeichnet ein bedrückendes Bild vom Alltag der Zugchefs, Zugbegleiter, Busfahrer und Lokführer in diesem Land. Und verdeutlicht: Es besteht Handlungsbedarf.

Zugbegleiterin im Regionalverkehr:

„Ich habe mittlerweile alles durch. Die verbalen Bedrohungen sind da noch harmlos. Einmal wurde mir ins Auge gespuckt. Und einmal wurde ich mit einem Cuttermesser bedroht. Der Mann hatte kein Ticket, ich musste ihn des Zuges verweisen – und plötzlich kam er mit diesem Messer. Er hat es mir von außen durch die Scheibe gezeigt, da wurde mir ganz anders. Er wurde dafür auch verurteilt, aber mittlerweile ist er wieder da und spricht mich auch an, wenn ich im Zug arbeite. Einmal hat er zu mir gesagt: „Du wirst brennen.“ Ein anderes Mal wollte mir ein Obdachloser mit der Faust ins Gesicht schlagen. Ich habe mit ihm gekämpft und wie durch ein Wunder auch gewonnen, aber eine Halswirbelprellung davongetragen.

Mein Gefühl ist, dass es immer schlimmer wird. Es wäre wichtig, dass wir wenigstens zu zweit auf dem Zug sind, wenn wir schon keine Sicherheitsleute dabeihaben. Ich mache öfter auch mal Nachtschichten bis drei Uhr morgens, das ist allein echt nicht toll. Gut finde ich, dass wir nach Angriffen psychologische Angebote in Anspruch nehmen können. Das hilft mir, mit den Situationen umzugehen.“

Zugchef im Fernverkehr:

„Kleinigkeiten passieren jede Woche. Das Heftigste habe ich mal kurz vor Weihnachten erlebt. Ein junger Typ, der keine Fahrkarte hatte, hat sich auf der Toilette versteckt. Plötzlich ist er rausgestürmt, hat mich angeschrien und aufs Übelste bedroht. So etwas habe ich in über 30 Jahren noch nie erlebt. Als er dann neben mir in die Wand geschlagen hat, hatte ich zum ersten Mal in meinem Berufsleben richtig Angst. Nach zehn Minuten hatte ich ihn so weit beruhigt, dass ich von ihm weggehen konnte. Ich habe mich sofort ins Dienstabteil eingeschlossen und die Polizei verständigt, die ihn festgenommen hat. Er hatte es nicht auf die anderen Fahrgäste abgesehen, nur auf mich. Ich bin mir sicher: Wenn er ein Messer dabeigehabt hätte, hätte er mich abgestochen.

Mir macht das Arbeiten nach wie vor Spaß, aber mit einigen Leuten ist es schon krass. Verbale Angriffe erlebe ich jeden Tag. Wir fahren ja keinen Zug mehr pünktlich, und die Leute lassen ihren Frust an uns aus. Dabei sind wir die Letzten, die dafür irgendwas können. Es wäre schön, wenn die Leute das erkennen würden.“

Lokführer im Fernverkehr:

„Als Lokführer ist man nicht so oft mit aggressiven Fahrgästen konfrontiert wie als Zugbegleiter. Aber auch ich bin schon mal körperlich angegriffen worden. Vor drei Jahren etwa musste ich den Zug wenden und dafür vom vorderen Führerstand in den hinteren wechseln, also einmal quer durch den Zug laufen. Da ist mir ein Fahrgast aufgefallen, der etwas orientierungslos wirkte. Als ich ihm helfen wollte, hat sich herausgestellt, dass er kein gültiges Ticket hatte. Ich habe ihm dann gesagt, dass er eins kaufen muss, und dann ist er direkt sehr laut geworden. Meine Versuche, zu deeskalieren, haben nichts gebracht. Er ist auf mich zu, hat mich am Kragen gepackt und mir ins Gesicht gebrüllt. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben und habe am ganzen Körper gezittert. Irgendwie konnte ich den Mann zurück auf den Bahnsteig drücken. Dort hat er weiter rumgebrüllt.

Für mich ist die Sache glimpflich ausgegangen, mit ein paar Würgemalen und Blutergüssen am Hals. Extrem geärgert hat mich, dass sich mein Teamleiter nicht für meine Gesundheit, sondern nur für die Anzahl meiner Ausfalltage interessiert hat. Wir Eisenbahner lieben unseren Job, aber weil die Gewalt uns gegenüber schlimmer wird, ziehen sich viele zurück. Die älteren, erfahrenen Zugbegleiter kontrollieren oft auch gar keine Fahrscheine mehr, weil sie nichts riskieren wollen. Helfen würde aus meiner Sicht eine bessere Kameraüberwachung – nicht nur für das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter, sondern auch der Fahrgäste.“

Busfahrerin im Nahverkehr:

„Vor zwei Jahren bin ich spätabends einen Bus an die letzte Haltestelle gefahren, da ist ein sehr angetrunkener Fahrgast eingestiegen und bis hinten durchgelaufen. Ich habe ihn zurück nach vorn gerufen, daraufhin hat er mit den Fäusten gegen die Corona-Schutzscheibe gehämmert. Ich habe die Polizei gerufen, weil ich schon wusste, dass ich das allein nicht schaffe. Die Scheibe ist ja auch keine geschlossene Fahrerkabine. Wenn es jemand darauf anlegt, kann er sie überwinden. Ich hatte keine Chance, den Mann zu beruhigen. Er hat einen Flacon aus seiner Tasche geholt und mich durch die Löcher in der Scheibe mit irgendeinem Zeug besprüht. Bis heute weiß ich nicht, was das war. Zum Glück war ein paar Minuten später die Polizei da und hat ihn in Handschellen mitgenommen.

Was mich extrem enttäuscht hat, war die Reaktion meiner Leitstelle. Die einzige Frage war, wie viel Verspätung ich wegen des Vorfalls hatte. Wie es mir geht, hat niemanden interessiert. Neuerdings werden auch nicht mehr alle Busse mit Kameras ausgestattet. Nur dort, wo der Aufgabenträger es verlangt – aber nicht generell zum Schutz der Mitarbeiter. Was wir bräuchten, wären außerdem geschlossene Fahrerkabinen und Bodycams. Dann würde ich mich sicherer fühlen. Die Leute sind aggressiv, es ist keine Freundlichkeit mehr da. Und ich muss ehrlich sagen: Ich kontrolliere keine Tickets mehr, ich will ja lebend nach Hause kommen.“

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Zugchef im Fernverkehr:

„Wir Zugchefs werden mit allem beleidigt, was das Wörterbuch hergibt. Ich selbst wurde bisher zweimal körperlich angegriffen, beide Male bei einer Fahrkartenkontrolle. Wenn ich merke, dass jemand keinen Fahrschein hat, gehe ich immer weg und rufe die Bundespolizei, damit die zum nächsten Bahnhof kommen kann. Aber im Fernverkehr kann das auch mal eine halbe Stunde oder noch länger dauern. Und man weiß ja nie, was in der Zeit in den Menschen vorgeht.

Manchmal eskalieren Situationen langsam, manchmal aber auch von jetzt auf gleich. Einmal wurde ich erst nur beschimpft und dann plötzlich in die Ecke gedrückt. Allein wäre ich aus der Situation kaum ausgekommen. Zum Glück hat in dem Fall ein Fahrgast geholfen. Für solche Fälle würde ich mir einen Alarmknopf wünschen, damit die anderen Kollegen auf dem Zug wissen: Da ist jemand in Not.“

Zugbegleiterin im Regionalverkehr:

„Zugbegleiterin war immer mein absoluter Traumberuf. Aber er ist härter geworden. Vor ein paar Jahren etwa wollte ich bei einem Mann, der keinen Fahrschein hatte, eine Fahrpreisnacherhebung machen, so heißt das bei uns. Ich habe mir seinen Ausweis geben lassen, wurde beleidigt, bedroht und habe dann gemerkt, dass er bereit gewesen war, mich zu schlagen. Ich habe ihm dann ganz schnell seinen Ausweis wiedergegeben, die Fahrpreisnacherhebung sein gelassen und die Bundespolizei zu Hilfe gerufen. Ich wollte nur noch heil aus der Sache rauskommen.

Zunächst habe ich weitergearbeitet, aber gemerkt, dass ich völlig durch den Wind bin. Zum Glück hatte ich dann eine Stunde Pause. Danach bin ich mit der gleichen Linie zurückgefahren und habe kontrolliert. Plötzlich steigt der Mann wieder ein. Er hatte wieder keinen Fahrschein. Dieses Mal konnte ich die Fahrpreisnacherhebung aber im Nachhinein veranlassen, weil die Bundespolizei zuvor seine Daten aufgenommen hatte.

Die Leute ticken schneller aus als früher. Beleidigungen oder Nötigung, das habe ich auch vor 20 Jahren schon erlebt. Aber die Menschen sind da nicht so schnell handgreiflich geworden. Man hat sich wegen 3,50 Euro keine gefangen. Was hilft, sind Bodycams. Die Leute beleidigen einen zwar weiter, aber sie greifen einen nicht mehr so schnell an. Fakt ist, dass sich etwas ändern muss. Wir kommen allein nicht weiter.“

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Zugchef im Fernverkehr:

„Der heftigste Vorfall, den ich mal erlebt habe, ist schon ein paar Jahre her. Ich hatte einen Fahrgast ohne Fahrschein und ohne Papiere im Zug. Der kann natürlich nicht weiterfahren, also habe ich die Bundespolizei informiert. Es gab absolut keine Anzeichen, dass er irgendwie aggressiv sein könnte. Als er bei der Einfahrt in den nächsten Bahnhof dann aber die Beamten gesehen hat, ist er komplett ausgetickt. Er hat sich meinen Arm gegriffen und mir fast die Hand gebrochen. Die Polizei hat ihn dann mitgenommen, und ich habe Anzeige erstattet, aber Konsequenzen gab es nie. Ich finde, bei solchen Angriffen müsste es eine Verfolgung von Amts wegen geben, wie bei Polizisten. Wenn die Leute keine Konsequenzen zu befürchten haben, ist auch die Hemmschwelle viel niedriger.

Was mich in der Situation aber auch schockiert hat, ist die fehlende Zivilcourage der Menschen. Der Vorfall ist in einem Großraumwagen im ICE passiert, der voll war mit Menschen. Nur ein Einziger hat mir geholfen. Das finde ich schon sehr schade.“

Zugbegleiter im Fernverkehr:

„Ich wurde schon geschubst und angespuckt. Es braucht nur den kleinsten Auslöser und man ist in einer brenzligen Situation. Mittlerweile reicht es schon, wenn die Züge zu voll oder zu spät sind oder jemand keinen Sitzplatz hat. Oder wenn es vorher Gleiswechsel gab und die Leute deswegen genervt sind. Den Frust nehmen sie mit in den Zug und lassen ihn an uns aus.

Im Fernverkehr sind wir immerhin zu zweit auf dem Zug. Das ist aus meiner Sicht zwar zu wenig, aber immerhin noch besser als in den Regionalzügen. Da sind die Kollegen ja komplett auf sich gestellt. Als ich einmal in Uniform mit dem Regio auf dem Weg nach Hause war, hat mich eine Frau um Hilfe gebeten. Ein Fahrgast ist völlig ausgerastet. Ich habe den Kollegen kontaktiert, der eigentlich für den Zug zuständig war, und bin zu dem Fahrgast hin. Warum der aggressiv war? Keine Ahnung. Ich habe versucht, die Situation zu deeskalieren, aber plötzlich hat es Puff gemacht, und schon lag ich auf der anderen Seite des Ganges auf der Sitzgruppe. Das ging alles total schnell. Zum Glück kam dann der Kollege, und zu zweit konnten wir den Fahrgast bändigen. Er hat den ganzen Zug zusammengebrüllt. Ich weiß echt nicht, was passiert wäre, wäre der Kollege allein da gewesen.

Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich wieder klarmachen, dass wir den Job für die Gesellschaft machen. Es muss sich auf jeden Fall etwas ändern. Aus meiner Sicht ist das größte Problem das Besetzungskonzept – und das haben wir uns nicht ausgedacht, sondern Politik und Vorstand. Um Kosten zu sparen, sind wir immer weniger Leute auf den Zügen. Dabei sind wir die Leidtragenden.“

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SZ PlusVon Vivien Timmler (Text) und Friedrich Bungert (Fotos)

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