Deutsche Bahn und die WM 2006 Im falschen Zug 

Tausende Menschen warten auf den Zug mit den WM-Helden: Szene aus dem Film "Das Wunder von Bern", für den das Modell VT08 umlackiert worden war.

(Foto: Imago)

Jahrelang machte die Deutsche Bahn Werbung mit dem "Original-Weltmeisterzug von 1954". Zur WM im Jahr 2006 setzte sie ihn groß ihn Szene. Nun wird klar: Fritz Walter und alle, die am Wunder von Bern beteiligt waren, haben diesen Zug nie betreten.

Von Markus Balser, Berlin

Die Weltmeisterschaft war im Juni 2006 schon eröffnet, da schickte die Deutsche Bahn einen ganz besonderen Zug auf die Gleise, begleitet von viel Bohei und Franz Beckenbauer. Durchs Land rollte laut Pressemitteilung fortan fein poliert der "Original-Weltmeisterzug von 1954, mit dem die deutsche Nationalelf von Bern zurück nach München fuhr". Genau der Zug also, mit dem die WM-Sieger um Fritz Walter am 5. Juli nach dem Finale aus der Schweiz nach Deutschland reisten und an vielen Bahnhöfen aus den Fenstern heraus Hände schüttelten.

Die Nostalgie des Bahnkonzerns in Bezug auf das "Wunder von Bern" kam damals an. Der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn ließ sich mit Beckenbauer vor dem sogenannten Originalzug fotografieren, auch der damalige Bundespräsident Horst Köhler stieg in den weinroten Zug mit der Aufschrift "Fußball-Weltmeister 1954" und dem historischen DFB-Logo auf dem Triebwagen. Ganze Fernsehsendungen wurden aus den Wagen gesendet, denn so viel greifbare Fußballgeschichte mit dem Prädikat "Original" war ja sonst nicht mehr zu finden. Als der Zug dann 2013 mit Graffitis besprüht wurde, beklagte die Bahn erbost ein Vergehen an einem "historischen Fahrzeug".

Doch zwölf Jahre nach der Weltmeisterschaft in Deutschland stellt sich heraus: Die Geschichte der Bahn war offenbar zu gut, um wahr zu sein. Der Konzern gesteht nun ein ganz eigenes Sommermärchen ein: Das Symbol für Deutschlands Fußball-Historie ist gar nicht das Original. Durchs Land fuhr damals nur ein baugleicher Zug. Der echte WM-Zug von 1954 sei schon in den 80er-Jahren verschrottet worden, teilt das Unternehmen nun in einer Stellungnahme mit.

Und jetzt: Anklage

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Heraus kam die Entgleisung wegen eines Dampflokfestivals

Dem Konzern und bestimmt auch der aktuellen Führung ist die Sache heute ziemlich peinlich. Anders jedenfalls sind die offiziellen Erklärungen nicht zu deuten. "Bei der Vermarktung des Zuges in der Euphorie des Sommermärchens 2006 wurden offenbar die Fakten durch die DB nicht korrekt dargestellt. Dies tut uns leid und wir bitten die Fußballfans im Nachhinein um Entschuldigung", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Heraus kam die Entgleisung in diesen Tagen wegen eines Dampflokfestivals. Denn der Zug mit Diesel-Triebwagen, Modellbezeichnung VT08, steht seit einigen Jahren auf einem Abstellgleis im thüringischen Meiningen. Dort treffen sich Anfang September jedes Jahr bis zu 15 000 Eisenbahnfans zu jenem Festival. Die Bild-Zeitung forderte deshalb Mitte der Woche ihre Leser mit einem Foto des mittlerweile reparaturbedürftigen Zugs auf, eigene Erinnerungen an die Weltmeister-Fahrt mit genau diesem Zug im Juli 1954 zu teilen. Danach gingen bei der Bahn Hinweise ein, dass es sich gar nicht um den Originalzug handelt. Sondern: ein Fake Zug.

Do schau her: Franz Beckenbauer und der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, grüßen 2006 aus dem „Originalzug“.

(Foto: )

Der Konzern nahm sich der Sache an, forschte in Unterlagen nach und fand im eigenen Haus heraus, dass der Originalzug tatsächlich bereits Mitte der 80er-Jahre von der damaligen Bundesbahn verschrottet wurde: wegen seines "nicht reparablen Zustands". Offen ist, ob der Konzern schon 2006 davon wusste, dass damals gar nicht das Original unterwegs war. Einigen Mitarbeitern sei das wohl auch damals schon klar gewesen, heißt es bei der Bahn, aber das Konzern-Marketing sei halt im Überschwang des WM-Sommers ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Nur: Was für ein Zug fuhr dann eigentlich 2006 durch Deutschland?

Im Einsatz hatte die Bahn in den 50er-Jahren 14 dieser Züge, nur dieser eine existiert noch heute. Für die Dreharbeiten zum Kinofilm "Das Wunder von Bern", der 2003 in die Kinos kam, hatte das Team des Regisseurs Sönke Wortmann den Zug restauriert und umlackiert, nach Vorbild des Originalzugs. Danach kam er zurück aufs Abstellgleis. Bis ihn die Marketingmitarbeiter der Bahn wiederentdeckten.

Inzwischen ist der Zug in einem schlechten Zustand, weshalb offen ist, wie es nun mit ihm weitergeht. Eigentümer des Zugs ist das Bahn-Museum in Nürnberg. Die Aufarbeitung und Restauration des Zuges würde die Bahn nach einer ersten Analyse einen deutlichen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Das Museum würde den Zug trotzdem gerne erhalten und auch fahrbereit halten, schafft das aber nach eigener Angabe nicht alleine. Man wolle sich Partner suchen, sagt Museumschef Oliver Götze - man denke dabei auch an den DFB. Der Deutsche Fußball-Bund allerdings hält sich bislang zurück.

Die Deutschen dürften sich so langsam fragen, was von ihrem Sommermärchen eigentlich noch bleibt. Seit Jahren muss sich der DFB Fragen gefallen lassen, ob bei der Vergabe Korruption im Spiel war, es geht da um schwarze Kassen, Stimmenkauf und ähnliche unmärchenhafte Sachen. Die Bahn immerhin, das muss man ihr zugutehalten, ist um Aufklärung bemüht.

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