Der Tod von Marie Trintignant:Als aus der Ruhe Totenstille wurde

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Ein Mensch ist tot, und ein anderer ist zerstört fürs Leben: Der Musiker Bertrand Cantat klammert sich verzweifelt an die Unfalltheorie. Dem Sänger von Noir Désir wird vorgeworfen, die Schauspielerin zu Tode geprügelt zu haben.

(SZ vom 04.08.2003) Ein Mensch ist tot, und ein anderer ist zerstört fürs Leben. Marie Trintignant war schon jenseits aller irdischen Hoffnungen, als sie von einem französischen Ärzteteam in einer mit wichtigen medizinischen Installationen ausgerüsteten Falcon-Maschine nach Paris geflogen wurde. Das Flugzeug trug die Hoheitszeichen der Republik, der Tod der Schauspielerin war fast eine Staatsaffäre. Ein anrührendes Foto zeigt, wie die verzweifelte Mutter noch auf dem Flugfeld mit ihren Händen das Gesicht ihrer Tochter vor den Blicken der Kameras zu schützen versucht. Aus dem tiefen Koma, das eine Woche währte, sollte sie nicht mehr aufwachen, doch durfte Marie Trintignant mit 41 Jahren in ihrem Vaterland sterben, das hatte die Mutter für sie entschieden. Nicht in Litauen, nicht in Vilnius, wo die Tragödie ihren Lauf nahm.

Erlag ihren schweren Verletzungen: Marie Trintignant. (Foto: Foto: dpa)

Ein Nachruf zu Lebzeiten

Nun sind die Nachrufe geschrieben, die Würdigungen ausgesprochen. Die Elite der Republik hat ihr die Reverenz erwiesen, sogar der Premier und der Präsident. Für den Täter, den unglücklichen, ist ein Nachruf zu Lebzeiten fällig, denn Bertrand Cantat ist zerstört fürs Leben. Wenn es doch ein Unfall gewesen wäre, wenn doch nur die Version stimmte, an die er sich klammert in seiner Verzweiflung. Es wäre noch schlimm genug, aber mit den Jahren vielleicht könnte er damit weiterleben. Er wird versuchen, solange wie möglich bei dieser Behauptung zu bleiben - in der schwindenden Hoffnung, dass ihm die Richter und die Familie und die Freunde glauben mögen.

Ein sensibler Mensch in der Welt der Machos

Die aggressive Welt der Machos ist nichts für zarte Seelen. Wie fix ist man bei der Hand mit der Wertung, dass Rockmusiker sowieso zur Gewalt neigen. Es stimmt nicht immer, dieses Vorurteil, es trifft nicht zu für die Gruppe Noir Désir und schon gar nicht für Bertrand Cantat. Der Junge des Jahrgangs '64 wird wohl zu Unrecht mit Mick Jagger verglichen, den zutreffenderen Vergleich mit dem Rockpoeten Jim Morrison wehrt er selber schulterzuckend ab. Nicht nur in der Wahrnehmung seiner Fans ist er ein sensibler Typ. Einer, der sich zu russischer Lyrik hingezogen fühlt, zu Majakowski, nicht zu Charles Bukowski, dem amerikanischen Säuferdichter. Einer, der selbst gefühlige Texte schreibt, erst vor kurzem ist ein Buch von ihm erschienen, "L'Expérience des Limites". Die Erfahrungen, die bis zum Äußersten gehen, mögen im Nachhinein als Hinweise auf die nahende Katastrophe gelesen werden.

Beliebter Sound

Jedenfalls waren der Sänger und seine Freunde ein Quartett von Kumpels, das seit den frühen Achtzigern ohne Konzessionen an den Zeitgeschmack Erfolg mit ihrer Musik hatte. Die Generation der Mitte-Dreißigjährigen, die seinen Aufstieg erlebte, hat ihm die Treue gehalten, eine neue Generation von Fans ist dazugekommen. Die Stücke wurden millionenfach verkauft, wiewohl Noir Désir alle Fernsehauftritte mied. Während der französischen Präsidentenwahlen im vergangenen Jahr engagierten sich der Sänger und seine Band gegen den Rechtsradikalismus, und niemand überraschte, dass sie sich zur Front der Globalisierungsgegner bekannt haben.

Das Paar beendet feste Beziehungen

Die Liaison zwischen dem Sänger und der Schauspielerin hatte vor einem halben Jahr begonnen, seit kurzem lebten sie zusammen in Paris. Beide waren noch in festen Bindungen. Bertrand Cantat verließ seine schwangere Frau, Marie Trintignant den Vater ihrer beiden jüngsten Söhne. Sie hatte immer in vollen Zügen gelebt, hatte vier Kinder von drei Partnern. In ihrer Unabhängigkeit gehörte sie zu jener Frauengeneration, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ihre Mutter Nadine hatte 1971 in Frankreich gegen das Abtreibungsverbot gekämpft, Nadine war eine von den Frauen, die öffentlich bekannten, abgetrieben zu haben.

Die Karriere beim Film

Das Film-Milieu war für Marie Trintignant von Anfang an gleichsam eine Familienangelegenheit. Erst als Kind, dann als Teenager hatte sie unter der Regie ihrer Mutter gespielt. Als Frau faszinierte sie nicht nur mit ihrer rauchigen Stimme, der sich niemand entziehen konnte. Und schön war sie, wunderschön, auch wenn das eine eher unfeministische Kategorie ist. Regisseure waren von ihr begeistert. Claude Chabrol, der Veteran des französischen Films, dem sie vielleicht am meisten verdankt, hat ihr, sagte sie, eine gewisse Leichtigkeit beigebracht, "erwachsen zu werden, ohne Tragödie". Trotzdem hatte sie im Leben und vor der Kamera oft ihr Letztes gegeben.

Als sie an der Seite von Isabelle Huppert eine Hure spielte, war sie so glaubwürdig, dass sofort ähnliche Rollenangebote kamen. In ihrem Meisterstück "Betty" verkörperte sie die Alkoholikerin so überzeugend, dass sie ein Dutzend neuer, ähnlicher Offerten ablehnen musste. Sie mochte sich nicht festlegen, hielt nichts von smarten Typen. Personen, die sie spielte, mussten gebrochen sein. "Jeder gute Charakter", sagte sie, "hat immer auch seine tiefen Schwächen".

Gebrochene Charaktere waren ihre Rollen

Diese Vorliebe für gebrochene Charaktere bezog sich auch aufs Leben, ihr Rocksänger hatte ja auch seine dunklen Seiten. Und gewiss wollen Ihresgleichen nicht an den Maßstäben bürgerlicher Wohlanständigkeit gemessen werden. Die Passion zwischen den beiden war überwältigend. Dass der Sänger ein Alkoholproblem hatte, drang nicht an die Öffentlichkeit, dass der scheinbar so Sensible schon vorher Frauen geschlagen hätte, kam bei jener ersten Gerichtsverhandlung in Vilnius zur Sprache, bei der die vorläufige Untersuchungshaft für den Beschuldigten festgesetzt wurde. "Wenn nur jemand früh genug reagiert hätte, um ihn behandeln zu lassen", sagte Nadine Trintignant, Maries Mutter, "dann wären wir nicht, wo wir heute sind".

Tödliche Ruhe nach dem Krach

Der Sänger und die Schauspielerin hatten drei Zimmer im Hotel Domina Plaza in der Altstadt von Vilnius gemietet. Die Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm über das Leben der Colette, der legendären französischen Schriftstellerin aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, gingen in die letzte Phase. Das Skript hatten Mutter und Tochter Trintignant gemeinsam verfasst. Doch das Drama spielte, wo die Jupiterlampen nicht hinleuchteten, die Kameras nicht hinschauen konnten.

Man hatte nach Drehschluss ein wenig getrunken, doch Bertrand Cantat hatte weiter gezecht, zu viel vermutlich. Die fatale Samstagnacht vor einer Woche muss besonders heftig gewesen sein. Eine Auseinandersetzung zwischen den beiden wurde so lautstark, dass sich Hotelgäste belästigt fühlten. Nachdem der Nachtportier an die Tür geklopft hatte, zeigte sich der Gast und entschuldigte sich, es würde jetzt ruhig sein. Da waren die übrigen Gäste zufrieden, und keiner ahnte, wie die Ruhe zur Totenstille wurde. Cantat hat eingeräumt, er habe in seiner Trunkenheit die Geliebte geohrfeigt. Als Marie am Boden lag - hingefallen sei, sagt er- und sich nicht bewegte, habe er geglaubt, sie sei eingeschlafen. Er habe sie daraufhin zum Bett getragen, sich neben sie gelegt, angeblich ohne sich den Ernst der Situation klarzumachen.

Er hat dann wohl auch eine große, vielleicht gar eine Überdosis von Medikamenten geschluckt, und später werden sich die Richter dafür interessieren, ob er selbst einen Ausgang in den Tod gesucht hat. Erst im Morgengrauen, nachdem wertvolle Stunden vergangen waren, holte er Vincent Trintignant, Maries Bruder. Es sehe so aus, hatte er einer Version zufolge gesagt, als ginge es Marie zu schlecht, um heute beim Dreh mitzuarbeiten. Den Bruder hat das zunächst nicht alarmiert, er sah nur, wie sie ruhig im Bett lag. Dabei war eigentlich schon alles zu spät. Erst zwei Stunden später wurde die Schauspielerin ins Hospital von Vilnius gebracht.

Erklärungsversuche

Mögen der Rocksänger und die Schauspielerin auch noch so unbürgerlich sein, mögen sie über die Regeln hinwegsehen, die für die meisten ihrer Zuschauer verbindlich sind, sie bleiben bei aller Leidenschaft nicht verschont von deren Kehrseite, der Eifersucht. Als Marie Trintignant wissen ließ, sie wolle das kommende Wochenende mit ihrem vorherigen Partner verbringen, vielleicht auch mit ihren jüngeren Söhnen, ist Bertrand Cantat offenbar ausgerastet.

Das wäre ein erster Erklärungsversuch. Die zahlreichen Verletzungen im Gesicht und am Körper, die der Schauspielerin zugefügt wurden, lassen die Version vom Unfall - den Ohrfeigen und dem anschließenden Sturz - als unwahrscheinlich erscheinen. Die Autopsie wird darüber mehr Klarheit bringen. Gegen den Sänger wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge und unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Die Nationale Föderation Frauen-Solidarität hat die Tragödie zum Anlass genommen, an alle geprügelten Frauen Frankreichs zu erinnern, "ein und eine halbe Million aus allen sozialen Schichten". Aufsehen erregen solche Fälle in der Regel nur, wenn Prominenz beteiligt ist.

Die starken Wurzeln der Familie

Die Familie Trintignant gehört zu den großen Künstler-Clans der Republik. Nadine, Maries Mutter, hatte für den "Colette"-Film eine schöne Rolle für Marie geschrieben. Maries älterer Bruder Vincent, ebenfalls mit von der Partie, gilt als einer der gesuchtesten Regieassistenten Frankreichs. Und natürlich der große Jean-Louis Trintignant, der emblematische Akteur, den sein Publikum seit fast einem halben Jahrhundert verehrt, spätestens seitdem er mit Brigitte Bardot ("Und Gott erschuf das Weib") vor der Kamera stand.

Und trotz aller Unabhängigkeit, bei allem Feminismus, fühlte sich Marie Trintignant am meisten zum Vater hingezogen. Vater und Tochter waren einander besonders nahe. Wenn sie Abstand von Paris suchte, den er längst gefunden hatte, ging sie in den Süden, dorthin, wo die Familie ihre Wurzeln hat. Der Schauspieler hatte sich in der Nähe von Uzès niedergelassen, dort hatte sich die Tochter dann auch ein Haus gekauft. "Es gibt etwas Organisches zwischen uns, einen Rhythmus, der gleich läuft", sagte sie. "Wir beide, das ist wie ein Puls, der gleich schlägt." Der alte Mime hätte sich wohl nur gewünscht, sie wäre frei geblieben von den Anfällen von Melancholie, wie sie ihn oft überkommen. Er sei verzweifelt, sagte Trintignant einmal von sich, aber nicht traurig.

Vor zwei Jahren, da stand er noch einmal zusammen mit der Tochter in Paris auf der Bühne. "Konversation auf einem Bahnsteig", hieß das Stück, mit dem sie einen gemeinsamen Erfolg feierten. Das kann ihm keiner nehmen.

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