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Der rätselhafte Tod des Roberto Calvi:Mord ohne Mörder

Vor 25 Jahren entdeckte man in London die Leiche von Roberto Calvi - von einer Brücke über der Themse baumelnd. Damals glaubte man an Selbstmord. Doch nun urteilte ein Schwurgericht in Rom: der dubiose Bankier wurde ermordet.

Vor 25 Jahren, am Morgen des 18. Juni 1982, bot sich Passanten in London ein makaberes Bild: Von der "Brücke der schwarzen Mönche" herab baumelte ein korpulenter, kleiner Mann in eleganter Kleidung über der Themse.

Bleibt ein Rätsel: Von wem wurde Roberto Calvi ermordert?

(Foto: Foto: dpa)

Um seinen Hals hing ein rötliches Seil. Die Polizei fand Ziegelsteine, Tausende Dollar und einen gefälschten Pass in den Taschen des Toten. Der italienische Konsul identifizierte ihn als Roberto Calvi, auch als "der Bankier Gottes" bekannt.

Der Präsident des Mailänder Geldinstituts Banco Ambrosiano alias "die Bank der Priester" hatte Selbstmord begangen - befanden die Polizei in London und die Justiz in Mailand. Doch nun urteilte ein Schwurgericht in Rom: Roberto Calvi wurde ermordet. Zugleich sprachen die Richter fünf Verdächtige aus Mangel an Beweisen frei. Eines der großen Rätsel Italiens bleibt vorerst ungelöst.

Calvis Fall verbindet viele Mächte und Mysterien des Landes: die Hochfinanz, die Politik und die Mafia, die Geheimdienste, den geheimen Freimaurer-Verband "Loge Propaganda 2" und den Vatikan. Sie alle pflegten Kontakte zum Chef des Banco Ambrosiano, sie profitierten von ihm, und er profitierte von ihnen. Den Staatsanwälten zufolge soll Calvi Abermillionen der Cosa Nostra über sein Geldinstitut gewaschen haben.

Mit der Vatikanbank IOR und deren damaligem Leiter, dem zwielichtigen amerikanischen Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, betrieb er waghalsige Geschäfte in Italien und Lateinamerika. "Wenn ich singe, stürzt der Vatikan ein", soll er vor seinem Tod gesagt haben.

Politiker schmierte er kräftig, und die Mitgliedschaft in der Geheimloge bewirkte, dass seine eigenen Geschäfte lange wie geschmiert liefen. Dem Banco Ambrosiano kam das alles nicht zugute. Es ging kurz nach Calvis Tod in Konkurs. Es war die größte Bankenpleite der italienischen Geschichte.

Offensichtlich hatte der "Bankier Gottes" Unsummen für eigene Zwecke abgezweigt. Als er 1982 in London abtauchte, stand ihm das Wasser längst bis zum Hals. Der Selbstmord an der Themse erschien da folgerichtig. Doch die Zweifel wollten nicht weichen.

1998 wurde Calvis Leiche exhumiert. Die Gerichtsmediziner befanden: Der Banker wurde erdrosselt und danach ein Selbstmord fingiert. Überläufer der Cosa Nostra sagten aus, die Mafia habe sich an Calvi gerächt, weil er ihr Geld schlecht und treulos verwaltet habe. Zudem habe der Mann einfach zu viel über die Machenschaften der Mächtigen gewusst.

Im Herbst 2005 begann der Mordprozess in Rom, unter anderem gegen den sizilianischen Mafia-Boss Giuseppe "Pippo" Calo, genannt "der Kassierer". Calo und die Mitangeklagten sollen Calvi erst nach London gelockt und dann dort umgebracht haben.

Das Schwurgericht wollte nun nur die Mordthese bestätigen. Die Beweise gegen die Angeklagten bewertete es als "fehlend, unzureichend oder widersprüchlich". Die Ankläger werden wohl in Berufung gehen. Staatsanwalt Luca Tescaroli versicherte: "Wir werden weiter die Wahrheit suchen."