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Rom:Neues Kapitel im Drama um Amanda Knox

Amanda Knox

Beteuert seit Jahren ihre Unschuld: Amanda Knox, heute 27, bei einem Fernsehauftritt in den USA im Januar 2014.

(Foto: dpa)
  • In Rom entscheidet Italiens höchstes ordentliches Gericht darüber, ob der Mord an Meredith Kercher 2007 in Perugia neu verhandelt werden muss.
  • Bestätigen die Richter den Schuldspruch der zweiten Instanz, müsste die US-Amerikanerin Amanda Knox für 28,5 Jahre ins Gefängnis - wenn die USA diese denn an Italien ausliefert.
  • Der Kassationshof könnte das Urteil jedoch auch kassieren oder an eine niedrigere Instanz zurückdelegieren.

Ein finsteres menschliches Drama erlebt ein neues Kapitel vor Gericht, vielleicht sein letztes. Wenn die Richter des Römer Kassationshofs, Italiens höchster Gerichtsbarkeit, über den Mordfall von Perugia urteilen, zum zweiten Mal schon, dann wird wieder die halbe Welt nach Italien schauen.

Selten hat ein Fall der "Cronaca nera", wie die Italiener diese Kategorie morbider Kriminalfälle nennen, mehr internationale Aufmerksamkeit erfahren als der Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher am 1. November 2007 im umbrischen Perugia. Die Polizei fand sie halb nackt in ihrem abgeschlossenen Zimmer, mit durchschnittener Kehle und 47 Stichwunden am Körper.

War es ein Sexualverbrechen? Ein Raubmord? Vielleicht das tragische Ende eines Streits unter Studentinnen über eine Petitesse wie ein schmutziges Badezimmer? In dieser Geschichte vermischt sich das Halbwissen aus umstrittenen Ermittlungen mit Voyeurismus und abgründiger Fantasie.

Befeuert werden die Thesen seit Jahren von Sensationsblättern, von abenteuerlichen Debatten in den sozialen Medien, von PR-Kampagnen und mitteilsamen Akteuren. Und all die Aufregung lebte immer auch vom schönen oder wie es gerne hieß "engelhaften" Gesicht einer jungen Amerikanerin: Amanda Knox.

Bestätigen die Richter das Urteil, drohen Verstimmungen mit den USA

Es kann sein, dass die Römer Richter nun ein definitives Urteil in diesem Fall sprechen werden. Bestätigen sie den Schuldspruch der zweiten Instanz aus dem Januar des vergangenen Jahres, dann müsste Knox für 28,5 Jahre ins Gefängnis. Theoretisch. Die italienische Regierung müsste - sollte sie das für angemessen halten - die amerikanischen Behörden zur Auslieferung der jungen Frau auffordern. Würde sich Washington weigern, wäre das Stoff für eine diplomatische Verstimmung. Sollte man in den USA jedoch zur Meinung gelangen, der Antrag aus Rom sei statthaft, dann müsste Knox dahin zurück, wo sie einmal schwor, nie zurückzukehren: nach Italien eben.

Die Richter können den Schuldspruch aber auch kassieren, falls sie finden, das Beweismaterial gegen Knox und deren früheren Freund Raffaele Sollecito reiche nicht aus für eine Verurteilung. Der Italiener ist 2014 zu 25 Jahren Haft verurteilt worden; auch er befindet sich nach wie vor auf freiem Fuß, sein Pass wurde aber eingezogen. Alternativ kann der Kassationshof das Dossier erneut zur Verhandlung auf eine tiefere Gerichtsebene delegieren, die sich dann erneut mit DNA-Spuren auf Küchenmessern und Schuhprofilen beschäftigen müsste.

Für Boulevardmedien ist die Amerikanerin eine eiskalte Killerin

Die Saga ginge weiter. Amanda Knox ist mittlerweile 27. Vier Lebensjahre hat sie in einem italienischen Gefängnis verbracht, bevor sie 2011 zwischenzeitlich freigesprochen wurde und das Land umgehend verließ. Seither lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Seattle und arbeitet als Reporterin. Ab und zu stellen ihr noch Paparazzi nach, deren Fotos dann in britischen Tabloids erscheinen.

Fürs Schreiben ihrer Memoiren "Zeit, gehört zu werden", die 2012 herauskamen, soll sie eine Vorauszahlung von vier Millionen Dollar erhalten haben. Knox ist verlobt mit einem gleichaltrigen Musiker, den sie seit ihrer Jugend kennt. Das Paar wolle heiraten und Kinder kriegen, sagt Knox.

In Italien hingegen verdächtigen viele Menschen die junge Frau, dass sie nur nach Motiven suche, um sich der Haft zu entziehen. In den Medien wird sie als arrogante Amerikanerin dargestellt, die sich erdreistet, die Arbeit der heimischen Justiz und Polizei zu hinterfragen. Freilich, das tun die Italiener selbst auch. Doch das ist etwas anderes.

Er will vor Gericht in Rom erscheinen - auch wenn ihm eine langjährige Haftstrafe droht: Amanda Knox' Exfreund Raffaele Sollecito.

(Foto: Filippo Monteforte/AFP)

Merediths Vater schrieb ebenfalls ein Buch

Ähnlich mies ist Knox' Image in Großbritannien, wo die Boulevardblätter sich bis heute als Anwälte der trauernden Familie Kercher in Szene setzen. Knox' angebliche Kälte nach dem Tod ihrer WG-Partnerin und während des Prozesses machte sie in der pauschalen Wahrnehmung zum gefühllosen Monster, dem man zutraute, das nette Mädchen aus Leeds getötet zu haben. Daran änderte auch das Geständnis des jungen Rudy Guede nichts, eines psychisch verwirrten jungen Mannes, der in den Wochen vor dem Mord mehrere Wohnungen überfallen hatte und zur Tatzeit am Tatort war. Guede wurde verurteilt. Er hatte ein Kurzverfahren mit Strafminderung gewählt.

Doch wo waren Knox und Sollecito zur Tatzeit? Merediths Vater John Kercher schrieb ebenfalls ein Buch über die "herzzerreißende Suche nach der Wahrheit", so der Titel. Die Familie des Opfers drängt Italien, die Auslieferung von Knox unbedingt zu beantragen, falls der Schuldspruch bestätigt wird. Amanda Knox wird ganz sicher nicht in Rom erscheinen, anders als Raffaele Sollecito, der Ingenieur aus Apulien.

Er wolle dabei sein, wenn über sein Schicksal entschieden werde, sagte er in einem Interview. Für Gespräche mit ausländischen Medien soll Sollecito Geld gefordert haben. Außerdem hat auch er ein Buch geschrieben. Es handelt vom "Weg in die Hölle und zurück". Doch wohin zurück? Das wird sich nun in Rom entscheiden.

© SZ vom 25.03.2015/sks

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