Geschichte Robin Hood in Sachsen

Die Stülpner Höhle im sächsischen Ehrenfriedersdorf - angeblich soll Karl Stülpner (l.) hier gewohnt haben.

(Foto: imago/Arkivi)

Um den Soldat, Wilderer und Lebenskünstler Karl Stülpner ranken sich im Erzgebirge viele Geschichten - wahre und erfundene.

Von Volker Bernhard

Noch heute ist das Vorziehen des Nachnamens im südöstlichen Sachsen verbreitet. Und mit dem sächsischen Idiom war der Stülpner Karl genauso verwachsen wie mit seiner Heimat selbst. Der Wildschütz, Soldat und Schmuggler begriff sich als Rächer der Entrechteten, streifte rastlos durch die erzgebirgischen Wälder und wurde zum Volkshelden. Er verteidigte die Schutzlosen, jagte das Wild der Adligen und gab das Fleisch den Armen.

Die Faszination, die schon seine Zeitgenossen für Stülpner empfanden, hatte vor allem zwei Gründe. Er widersetzte sich den enormen sozialen Ungerechtigkeiten, die im ausgehenden 18. Jahrhundert den Alltag der meisten Menschen bestimmten. Und er gestaltete sein Leben mit einem damals unerhörten Maß an Selbstbestimmung - und das über Jahrzehnte hinweg, bis ins seinerzeit biblische Alter von 78 Jahren.

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Die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Gelebtem und Ersponnenem lässt sich bei der Vita des Stülpner Karl kaum ziehen. Einige wenige Geschichten sind verbürgt, andere wurden über Generationen weitererzählt, umgedichtet oder vollends erfunden. Diverse anekdotische Biografien trugen dazu bei, den Mythos zu festigen, ebenso die DEFA-Serie "Stülpner-Legende" mit dem jungen Manfred Krug in der Hauptrolle.

Geboren wurde der legendäre Wilderer am 30. September 1762 in Scharfenstein bei Chemnitz als Carl Heinrich Stilpner. Der Siebenjährige Krieg wütete, außerdem litt die Bevölkerung unter zusätzlichen Abgaben und Hungersnöten. Auch die Familie Stilpner ist mittellos, sodass bei Karl bereits mit zehn Jahren die Grundlagen für seine später recht schillernde Laufbahn als Lebenskünstler gelegt werden.

Statt regelmäßig die Schule zu besuchen, streift er durch die Wälder und geht dem örtlichen Förster als Hilfsarbeiter zur Hand. Als dieser eines Tages unterwegs ist, schnappt sich Stilpner, der sich inzwischen Stülpner nennt, unbefugt eine Flinte - und hat die Passion seines Lebens gefunden. Allerdings ist es von nun an ein riskantes Leben, da Wilderei unter Strafe steht, und er geht als Siebzehnjähriger zum Militär. Der Rekrut Stülpner gewinnt mit seiner Treffsicherheit die jagdbegeisterten Offiziere schnell für sich und darf ein Revier verwalten. Dort gelangt er zu der Überzeugung, für die königlichen Massenjagden werde viel zu viel Wild geschont - und beginnt auch im Heimaturlaub in Scharfenstein illegal zu jagen.

Die Obrigkeit lässt ihn immer wieder steckbrieflich suchen

Nach seiner Inhaftierung desertiert Stülpner 1785, und es beginnen ruhelose Wanderjahre: Nach Böhmen, Ungarn, Wien, nach Tirol, Baden und Hannover soll er gereist sein, um schließlich nach langer Zeit des Nomadisierens 1794 zurückzukehren in die "Hamet", wie es im Erzgebirgischen heißt.

In Scharfenstein beginnt nun sein legendäres Leben in den Wäldern. Stülpner ist überzeugt, das Wild stehe jedem zu, er verteilt seine Beute an Bedürftige. Die Obrigkeit lässt ihn immer wieder steckbrieflich suchen: Er wird als hochgewachsen beschrieben, mit grünem Tuchrock, Hirschfänger und Gewehr. Für weite Teile der Bevölkerung sind das überflüssige Details - viele wissen genau, wie der Stülpner Karl aussieht, schließlich stellen sie ihm Schlafplätze und Verstecke für die erlegte Beute zur Verfügung.

Ein gewöhnlicher Räuber war er wohl nicht, wie sich aus diversen Anekdoten schließen lässt. Als eine Handwerksfrau nach guten Geschäften auf dem Heimweg bedroht wird, vertreibt er die Vagabunden und verzichtet auf eine Belohnung - einzig die Kunde vom edlen Stülpner Karl möge sie weitererzählen. Auch einen reichlich mit Goldmünzen beladenen Postkutscher befreit er aus gefährlicher Lage, gibt ihm Geleitschutz und lässt sich zusichern, dass die Heldentat weitergesagt wird. Doch vor allem verbreitet er seine Abenteuergeschichten höchstpersönlich in den Wirtsstuben der Region. Etwa die, wie er am 12. Oktober 1795 vollkommen allein die Burg Scharfenstein belagerte.

Stülpners kühnste Tat ist urkundlich belegt. Der Aufmüpfige soll nach einem ausgeklügelten Plan vom "Leutnant Öhlschlägel mit 2 Unterofficirs und 23 Mann Musquetirs" - so das Schreiben des Oberförsters - im Haus seiner Mutter dingfest gemacht werden. Kleidung und Waffen werden gefunden, nur der Gesuchte nicht. Am nächsten Tag wird der Ortsrichter Wolf herbeigerufen. Als der zu Hause aufbrechen will, steht Stülpner vor ihm. Tatsächlich stand der Wildschütz in näherer Bekanntschaft mit dessen Tochter, seiner zukünftigen Frau Johanna Christiane Wolf, und verbrachte die Nacht am wohl sichersten Ort der Gegend.

Sein stets gepflegtes Grab ist noch heute zu besichtigen

Immer wieder versucht Stülpner, sesshaft zu werden. Kaum ist seine erste Tochter geboren, wird er begnadigt und kehrt zum Militär zurück, 1806 zieht er in den Krieg gegen Napoleon. Er desertiert erneut, setzt sich nach Böhmen ab und arbeitet als Schmuggler und Zwirnfabrikant. Der frühe Tod seiner Frau 1820 treibt ihn erneut in den Wald.

Mit 73 Jahren lässt Stülpner seine bewegte Lebensgeschichte aufschreiben, die es zunächst sogar durch die Zensurbehörde schafft. Als er mit einigen Exemplaren in Leipzig hausieren geht, wird er festgenommen. Das Ministerium des Inneren bemängelt, die "beschönigenden Räubergeschichten" seien für die Jugend eine "gefährliche Lektüre".

Und so wird der einst stolze Stülpner eines Tages verarmt und altersschwach auf einer Landstraße aufgegabelt und in seinen Heimatort Scharfenstein gebracht. Der Gemeinderat sichert ihm im November 1839 sechs Groschen aus der Armenkasse zu. Und verfügt, dass jeder im Ort dem Stülpner Karl für acht Tage Unterschlupf gewähren müsse - reihum, bis zu seinem Lebensende. Auf dem Großolbersdorfer Friedhof ist sein stets gepflegtes Grab noch heute zu besichtigen, in den Wäldern gibt es Gedenksteine, das Burgmuseum Scharfenstein widmet ihm eine ständige Ausstellung. Und der Mythos lebt ohnehin weiter in den reichlich ausgeschmückten Anekdoten.

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