Ermordete Prostituierte Rosemarie Nitribitt: Mord, Geld und viel Doppelmoral

Edel, clever, gut inszeniert: So angelte sich Rosemarie Nitribitt ihre Kunden vor der Kulisse der Wirtschaftswunder-Jahre.

(Foto: Ullstein Bild)

In den Wirtschaftswunder-Jahren war Rosemarie Nitribitt Industriellen und Politikern zu Diensten. Vor 60 Jahren wurde die Prostituierte brutal getötet. Warum wurde ihr Mörder nie gefasst?

Von Florian Welle

Tatort Stiftstraße 36: Als sich am 1. November 1957 Frankfurter Polizisten Zugang zur Neubauwohnung von Rosemarie Nitribitt verschaffen, erwartet sie ein grausamer Anblick. Die Blondine liegt mit aufgedunsenem, blutverkrustetem Gesicht verdreht auf dem Perserteppich.

Dieses Bild verleiht der jüngst von Frank Witzel und Philipp Felsch in ihrem Buch "BRD Noir" geäußerten These, in der Ermordung der Prostituierten drücke sich "die Wiederkehr der verdrängten Gewalt" nach dem Krieg aus, einige Plausibilität.

Zweifellos schied die 24-Jährige nicht ohne Gegenwehr aus dem Leben. Die Wunde am Hinterkopf könnte von einem Schlag oder Sturz herrühren. Erst danach wurde sie erdrosselt. Warum der Mörder dann ein Handtuch unter ihren Kopf schob, bleibt eines der vielen Rätsel dieser bis heute unaufgeklärten Gewalttat.

Wer verstehen will, wie die Bundesrepublik in den Anfangsjahren tickte, der findet in diesem Mord reichlich Anschauungsmaterial. Schon unmittelbar nach seinem Bekanntwerden setzte ein medialer Tsunami ein, der die Doppelmoral der vermufften Adenauer-Ära offenbart.

Ein "sogenanntes Mannequin"

Viele Zeitungen jazzten die Tat zum ersten Sittenskandal hoch. Im Zuge dessen wurde aus Rosemarie Nitribitt "die Nitribitt", die berühmteste Hure des Landes. Gleichwohl scheuten sich die Blätter, das Kind beim Namen zu nennen. Wahlweise firmierte Rosemarie als eine "bekannte Erscheinung der Lebewelt" oder als ein "sogenanntes Mannequin". Als Mannequin stand sie auch im Telefonbuch.

Einer, der die tatsächliche Tragweite des Falles hingegen sofort erkannte, war Erich Kuby. Im Vorwort seines kurz darauf veröffentlichten Buchs "Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind" schreibt der Journalist: "Die bekannt gewordenen (...) Tatsachen, von denen man jetzt so tut, als wären sie böswillige Erfindungen, haben eine gesellschaftliche Ruinenlandschaft erkennen lassen."

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Mordfall Rosemarie Nitribitt

Der Film "Das Mädchen Rosemarie" von Rolf Thiele mit Nadja Tiller, zu dem wiederum Kuby das Drehbuch schrieb, und der 1958 zum erfolgreichsten Kinofilm des Jahres wurde, legte dann in Brechtschem Tonfall diese Ruinen frei, die im Kapitalismus des Wirtschaftswunders ebenso gründen wie in der Prostitution.

Nadja Tiller lockt singend potente Kundschaft an: "Wenn du lernen willst, mein Lieber komm und zahle, ich zeige dir dafür die Horizontale."

90 000 Mark auf dem Konto und im Magen Reis

Rosemarie Nitribitt kommt 1933 als Rosalie Marie Auguste in Düsseldorf zur Welt. Die Mutter ist 18 Jahre alt, der Vater unbekannt. Mit fünf kommt sie ins Kinderheim, dann zu Pflegeeltern. Mit elf vergewaltigt sie ein älterer Nachbarsjunge.

Kurz nach Kriegsende prostituiert sie sich erstmals, ihre Kunden sind Besatzungssoldaten. Mit 14 treibt sie ab, kommt in Heime, flieht stets. 1951 wird sie wegen Landstreicherei zu drei Wochen Haft verurteilt, schafft im Frankfurter Bahnhofsviertel an, das darauffolgende Jahr verbringt sie größtenteils in einer Arbeitsanstalt.

1953 dann scheint Rosemarie für sich eine Entscheidung getroffen zu haben. Sie will nicht mehr eine gewöhnliche Hure sein, sondern hoch hinaus. Also nimmt sie Benimmunterricht, lernt ein wenig Englisch und Französisch. Vor allem beginnt sie, in ihr Aussehen zu investieren und sich immer mondäner zu inszenieren. Sie trägt Pelz und auffälligen Schmuck und auf dem Arm einen Pudel.

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Ihr größter Coup: Sie gabelt die Freier mit einem Auto vor dem Luxushotel Frankfurter Hof auf. Erst in einem Ford Taunus 12 M, dann einem Opel Kapitän und schließlich einem schwarzen Mercedes 190 SL mit roter Polsterung und Weißwandreifen.

Die Nitribitt war eine selbstbestimmte Geschäftsfrau ohne Zuhälter, die ihre Einnahmen reinvestierte. Oder ehrgeizig sparte. Sie gab so gut wie kein Geld für Essen aus. Am Tag ihrer Ermordung hatte sie auf dem Konto stolze 90 000 Mark und im Magen Reis.

Dazu soll sie noch einmal etwa 20 000 Mark in bar bei sich gehabt haben, von denen allerdings nur etwas mehr als 1000 Mark in der Wohnung gefunden wurden. Die Polizei tippte daher von Anfang an auf Raubmord.

Wurden die feinen Kunden von der Edelhure erpresst?

Die Ermittlungen sind jedoch eine einzige Pannenserie. Die Polizisten reißen die Fenster auf, ohne vorher die Raumtemperatur zu messen, weil der Verwesungsgeruch durch die Fußbodenheizung bestialisch ist. So kann der exakte Todeszeitpunkt nicht mehr bestimmt werden. Man schließt auf den Nachmittag des 29. Oktobers.

Lange wird nach dem Besitzer eines Hutes gefahndet, bis sich herausstellt, dass er dem Leiter der Mordkommission gehört. Es verschwinden Beweisstücke, oder man hält sie unter Verschluss, darunter Fotos und Briefe der reichsten Industriellen(-söhne) des Landes: Harald Quandt, Gunter Sachs und Harald von Bohlen und Halbach, der zur Krupp-Familie gehörte und sie "Rehchen" nannte.

Wurden die Herren von offizieller Seite geschützt, um einen Skandal zu verhindern? Wurden sie von der Edelhure erpresst? Hätte es nicht auch Mord aus Eifersucht sein können?

Freispruch aus Mangel an Beweisen

Als mutmaßlichen Täter präsentieren die Ermittler wenige Monate später jedoch den Handelsvertreter Heinz Pohlmann, der als Hausfreund für die Nitribitt Einkaufen geht. So auch am vermeintlichen Todestag. Der 34-Jährige ist zudem verschuldet, nach dem Tod Rosemaries kann er indes all seine Schulden tilgen und sich gar noch ein neues Auto leisten.

Ende Dezember 1957 lässt das Frankfurter Landgericht ihn jedoch zunächst wieder frei, weil kein dringender Tatverdacht besteht. Die Zeitschrift Quick startet mit Pohlmann eine Fortsetzungsserie mit intimen Details aus dem Leben der Nitribitt.

Nach mehreren Folgen muss sie die Serie allerdings wieder einstellen, weil ihr Gewährsmann nichts mehr sagen will. Möglicherweise wurde das Schweigen auch erkauft: Im Raum steht eine Summe von 50 000 Mark, die Pohlmann von einem Anwalt der Familie Krupp erhalten haben soll.

Im Juni 1960 kommt es doch noch zur Gerichtsverhandlung. Sie endet mit einem Freispruch Pohlmanns aus Mangel an Beweisen. Letztlich machte das Fehlen des genauen Todeszeitpunkts eine Verurteilung unmöglich - Zeugen wollten Rosemarie Nitribitt noch nach dem vermeintlichen Todestag gesehen haben. Heinz Pohlmann starb am 25. September 1990 in München.

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