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Datenbank Migrants' Files:3000 Tote, 3000 Tragödien

  • Noch nie sind so viele Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen wie 2014.
  • Das Jahr 2014 wird neue, tragische Höchstwerte liefern. Den "Migrants' Files" zufolge sind seit Jahresbeginn mehr als 1000 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. Weil zudem doppelt so viele als vermisst gelten, wächst die Zahl der Unglücksfälle auf mehr als 3000.
  • Die Datenbank "Migrants' Files" bietet derzeit den genauesten Blick darauf, was sich an den Grenzen Europas abspielt.

Von Dominik Fürst

Im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsdrama, das sich vor Europas Küsten abspielt, sind Zahlen oft abstrakte Größen, die ihr Erregungspotential längst verloren haben, weil sie so häufig und regelmäßig über die Nachrichtenkanäle einlaufen. "30 Tote vor Siziliens Küste entdeckt"; "45 Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer" - will man die Zahlen überhaupt so genau kennen?

Man muss sie sogar kennen. Sie bilden wichtige Bezugspunkte für eine europäische Flüchtlingspolitik, wenn man sie genauer betrachtet. In dem Datenprojekt "The Migrants' Files" sind die vielen Todesfälle von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa dokumentiert. Der umfassende und detaillierte Datensatz beschreibt die einzelnen Fälle und ihre Begleitumstände so gut es geht, zudem verortet er die Schauplätze der Unglücke auf einer Karte.

Eine Arbeitsgruppe europäischer Journalisten hat die Daten im Jahr 2013 aus verschiedenen Quellen zusammengeführt, Süddeutsche.de hat sie nun ergänzt. Die Berichte stammen von Nachrichtenseiten, Nonprofitorganisationen oder anderen journalistischen Projekten wie "Fortress Europe". Die "Migrants' Files" beanspruchen keine Exaktheit, schlüsseln die Vorfälle aber so gründlich und vorsichtig wie möglich auf. Die Werte stimmen daher weitgehend mit denen der wichtigsten Flüchtlingsorganisationen überein.

Schon jetzt lässt sich sagen, dass das Jahr 2014 neue, tragische Höchstwerte liefert. Den "Migrants' Files" zufolge sind seit Jahresbeginn mehr als 1000 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. Weil zudem doppelt so viele als vermisst gelten, wächst die Zahl der Unglücksfälle auf mehr als 3000. Zum Vergleich: Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen zählt 3419 tote Flüchtlinge, und bereits Ende September berichtete die Internationale Organisation für Migration von 3072 Toten im Mittelmeer.

Die Flüchtlinge versuchen auf verschiedenen Routen an ihr Ziel zu kommen: Im Osten über die Türkei oder den Balkan, im Westen über Spanien, oder, wie die allermeisten, auf dem kürzesten, aber gefährlichsten Weg direkt über das Mittelmeer. Meistens starten die Boote in Libyen, von wo aus die Flüchtlinge heil nach Malta, Lampedusa oder schließlich Italien zu gelangen hoffen. Die Dynamik der Migration, die Bewegungen der Flüchtlinge lassen sich anhand der "Migrants' Files" nachvollziehen.

Was das Projekt aber vor allem zeigt: Es werden nicht weniger Flüchtlinge, die nach Europa wollen. Obwohl mit der vom italienischen Militär durchgeführten und mittlerweile eingestellten Aktion "Mare Nostrum" mehr als 100 000 Menschen gerettet wurden, steigt die Zahl der toten Flüchtlinge im Mittelmeer weiter an. Die riskante und oft tödliche Reise mit dem ungewissen Ziel Europa scheint den Flüchtlingen immer noch verheißungsvoller als die Zustände in ihrer Heimat.

Seit dem Jahr 2000 sind mehr als 26 000 dieser Menschen im Mittelmeer gestorben oder gelten als vermisst. 26 000: Eine abstrakte Größe, die in den "Migrants' Files" detailliert aufgeschlüsselt ist, so umfassend wie an keiner anderen Stelle. Insofern bietet das Projekt derzeit den genauesten Blick darauf, was sich an den Grenzen Europas abspielt - nicht nur für Journalisten und Politiker, sondern auch für die Öffentlichkeit.

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