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Dallas-Attentäter Micah Xavier Johnson:Der Afghanistan-Veteran, der zum Polizistenmörder wurde

Nach dem Attentat von Dallas beginnt die Spurensuche im Leben des mutmaßlichen Einzeltäters. Immer mehr Fakten lassen auf seine Motive schließen.

Von Leila Al-Serori

Am letzten Tag seines Lebens fährt Micah Xavier Johnson mit dem schwarzen SUV seiner Mutter zu den friedlichen Protesten in Dallas. Er holt sein Gewehr heraus, richtet es mit militärisch geschulter Präzision auf mehrere Polizisten und tötet fünf von ihnen. Dann verschanzt er sich stundenlang in einem Parkhaus. Schließlich wird der 25-jährige Afroamerikaner selbst getötet - durch einen Polizeiroboter.

Ein Zuhause voller Waffen

Johnsons erster Tag seines Lebens beginnt vor 25 Jahren nur wenige Kilometer entfernt: Im kleinen Städtchen Mesquite in der Nähe von Dallas. Dort soll Johnson aufgewachsen sein, dort lebte er auch zuletzt mit seiner Mutter. In einem zweistöckigen Backsteinhaus in einer ruhigen Siedlung, gegenüber einer großen, grünen Wiese.

Als Polizisten dieses Haus nach der Tat durchsuchen, finden sie Gewehre, schwere Munition, Materialien für den Bombenbau und schusssichere Westen. Eine Faszination für Waffen und ein wachsender Hass auf Weiße sollen sein Leben zuletzt geprägt haben. Wann und wie er sich radikalisierte, ist unklar.

Anzeige wegen sexueller Belästigung

Nur Fragmente seines Lebens sind bisher bekannt. So schließt Johnson Dallas Morning News und New York Times zufolge 2009 die örtliche High School ab. Im selben Jahr tritt er der US-Army bei, 2013 wird er nach Afghanistan versetzt. Er ist dort vorwiegend als Tischler tätig, seine Personalakte beeinhalte den Medienberichten zufolge keine Hinweise auf Gefechte oder Verletzungen. Es sei aber zu einer Anzeige wegen sexueller Belästigung gegen ihn gekommen, sagt sein damaliger Militäranwalt. Die Soldatin, die ihn anzeigte, soll eine Schutzverfügung durch das Gericht gefordert und ihn als psychisch krank bezeichnet haben. Johnson sei schließlich 2015 in die USA zurückgekehrt und aus der Armee ausgeschieden - allerdings ehrenvoll.

"Er wollte mit niemandem mehr sprechen"

Von 2015 an soll Johnson als Sozialarbeiter mit Kindern gearbeitet und seinen kleineren Bruder zuhause versorgt haben. Seine Schwester zeigt sich nach der Tat auf Facebook verzweifelt: "Meine Augen schmerzen vom Weinen. Die, die ihn kannten, wissen, dass dies nicht nach ihm klingt." Über sein Verhältnis zu Familie und Freunden ist sonst wenig bekannt. Er war nett, heißt es von Bekannten, die sich gegenüber Journalisten äußern.

Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan sei er allerdings verändert gewesen, berichtet eine Freundin der Familie der Dallas Morning News. "Er wollte mit niemanden mehr sprechen, glaubte nicht mehr an Gott", erzählt Myrtle Booker. Dafür habe er sich plötzlich für Waffen interessiert. Dass er weiße Menschen gehasst habe, dass hätte man aber nicht geahnt, fügt Booker hinzu.

Johnson richtet seine Waffe dem derzeitigem Ermittlungsstand zufolge ausschließlich auf weiße Polizisten. Während der Verhandlungen mit den Sicherheitskräften im Parkhaus soll er sich aufgebracht über die jüngsten Vorfälle von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen, aber auch über die "Black Lives Matter"-Demonstration gezeigt haben. Er habe gesagt: "Das Ende ist da. Ich werde mehr von euch töten." Mit "euch" meinte Johnson Polizisten, und insbesondere weiße. "Der Verdächtige hat gesagt, er sei sauer auf Weiße. Er wolle weiße Menschen töten, insbesondere weiße Polizisten", berichtet der Polizeichef von Dallas, David Brown.

Fan der Black-Power-Bewegung auf Facebook

Rückschlüsse auf diese Radikalisierung lässt offenbar auch seine Facebook-Seite zu, die mittlerweile gelöscht wurde. Wie die New York Times und andere Medien schreiben, war sein Profil in den vergangenen Monaten eine einzige Hommage an die Black-Power-Bewegung. Er postete demnach Bilder von erhobenen Fäusten und die panafrikanische Flagge - beides Symbole für die eigentlich friedliche Bürgerrechtsbewegung "black empowerment" ("schwarze Selbstbestimmung"), auf die sich aber auch extremistisch-rassistische Gruppierungen beziehen. Johnson war auf Facebook demnach außerdem Fan der New Black Panther Party, einer laut Kritikern - wie der Anti-Defamation League - rassistischen, schwarzen Hassgruppe.

Der junge Mann sei erbost über die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen gewesen und habe selbst "sehr starke Gefühle bezüglich seiner Hautfarbe gehabt", erzählte seine Bekannte Caitlyn Lennon der Dallas Morning News.

Die Polizei nahm drei weitere Verdächtige fest. Dass er im Auftrag irgendeiner Gruppe tötete, schloss Johnson selbst aber gegenüber den Polizisten aus. Er sei ein Einzeltäter gewesen. Mutmaßlich ein einsamer Wolf also.

© SZ.de/gal/woja

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