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Dachgarten in St. Pauli:Da könnte ja jeder gärtnern

Urban Gardening auf dem Dach eines Bunkers, mitten in St. Pauli: Das Projekt "Hilldegarden" in Hamburg klingt gut und sieht toll aus. Doch im Viertel gibt es bereits Gärtner-Initiativen. Und die sind wenig begeistert.

Von Hannah Beitzer, Hamburg

Das Modell sieht ein bisschen aus wie ein Raumschiff. Unten der riesige graue Korpus, oben fächerartige Etagen in sattem Grün. Auf den Etagen kleben kleine Bäume, winzig kleine Modellfiguren stehen auf den grünen Rampen, die sich um den Korpus bis ganz nach oben winden. So soll der "Hilldegarden" einmal aussehen, ein Park auf dem Dach eines Bunkers mitten in St. Pauli, den eine Gruppe von Anwohnern in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Interpol Architecture gestalten will.

Der Park soll für alle offen sein und außerdem noch Raum für gemeinschaftliches Gärtnern in dem dichtbesiedelten Großstadtviertel bieten. Die grünen Etagen sollen auf den Bunker, der hier bereits steht und einige Clubs und Kulturräume beherbergt, aufgesetzt werden. In ihrem Inneren soll ein Kultursaal entstehen, Cafés, Kneipen, Stadtteiltreffs. Und außen eben der Park.

Räume für Kulturschaffende, Theater, Musik, ein offener Park, Urban Gardening - das klingt ziemlich genau nach dem, was sich Stadtplaner und Architekten für den urbanen Raum der Zukunft wünschen. Noch dazu wollen die Hilldegardener die Ideen der Anwohner in die Umsetzung einfließen lassen. Ein ambitioniertes Projekt also, das noch dazu toll aussieht.

Anwohner-Initiativen sind misstrauisch

Doch es gibt Menschen, die sehen das anders. Kerstin Davies zum Beispiel. Auch sie mag kulturellen Austausch, auch sie mag nachbarschaftliches Engagement, auch sie mag Gärtnern - und hat 2011 mit einigen anderen Anwohnern auf einer Brache auf der Großen Freiheit das Urban-Gardening-Projekt "Gartendeck" gegründet. Prinzipiell findet sie es also gut, wenn St. Pauli grüner wird. Aber nicht so wie es die Leute vom Hilldegarden vorhaben.

Die Leute vom Gartendeck haben gemeinsam mit anderen Projekten einen Aufruf gegen den Hilldegarden verfasst. "Geschützt vor der störenden Öffentlichkeit", sei hier ein "Masterplan" entworfen und "die Marketingmaschine gefüttert" worden. "Eine privatwirtschaftliche Initiative darf keine Alternative für offene, nicht kommerzielle Freiräume sein", so steht es in ihrem Protestschreiben.

Das sind harte Worte, die die Initiatoren des Hilldegarden ziemlich kalt erwischt haben. Bei einem Treffen in einem eigens neben dem Bunker aufgestellten Container, in den sie die Stadtteilbewohner einladen wollen, ist ihre Ratlosigkeit mit den Händen zu greifen. "Wir bedauern das total", sagt zum Beispiel Tobias Boeing über den Ärger der Initiativen. Er ist Designer, hat bis vor kurzem selbst im Viertel gelebt und ist immer noch viel dort unterwegs. Einige seiner Mitstreiter leben seit Jahren in der Gegend: die Filmemacherin Sonja Brier zum Beispiel. "Wir haben uns in keinster Weise als Kontrahenten der Initiativen gesehen. Ganz im Gegenteil, wir haben doch ähnliche Ziele." Nämlich, dass St. Pauli grüner wird.

In der Mitte des Tisches steht vor ihm der Stein des Anstoßes: das Modell, mit seinen kleinen Bäumchen, der eleganten Rampe. Boeing und die anderen hier sind eigentlich stolz darauf. "Das Modell hat sehr viele Menschen begeistert", sagt Boeing. Sie hätten viele positive Reaktionen aus dem Stadtteil erhalten. Aber gleichzeitig, das haben sie inzwischen verstanden, könnte es auch ein Grund für den Unmut der Stadtteil-Initiativen sein.

Professionalität macht misstrauisch

Die professionelle Optik des Modells, das plötzliche Auftauchen eines so großen Projektes, war für die Initiativen wohl etwas zu viel. "Wir wissen, dass die große mediale Präsenz der sehr spektakulären Projektvisualisierungen auch einige Menschen verschreckt hat. Das wirkte wohl auf sie wie die plötzliche Landung eines Ufos", sagt Boeing.

Doch auf der anderen Seite wollen die Hilldegardener ihre professionelle Erfahrung auch nicht außer acht lassen. "Wenn man jemanden begeistern will, der vorher schon 20 andere, ebenfalls kühne Projekte gesehen hat, dann muss man doch sowas vorzeigen", sagt Boeing. Dieser "jemand" ist im Fall des Hilldegarden der Erbpächter des Bunkers, Thomas Matzen. Und den haben Tobias Boeing und die anderen mit dem Modell immerhin überzeugt.

Das Geld für den Dachgarten soll über die Vermietung der Räume im Inneren des Aufsatzes kommen. Architekt Tim Schierwater, der gegenüber von Boeing von der anderen Seite auf das Modell schaut, sagt dazu: "Der öffentliche Park und die Gärten sind die Grundlage dieses Entwurfes. Sie werden durch die Räume im Inneren, die einen kulturellen Bezug haben sollen, mitfinanziert." Sein Kollege Michael Kuhn vom Architekturbüro Interpol Architecture sagt: "Uns war es von Anfang an wichtig, dass die Rampe, die auf die Gartenebenen führt und der Park auf dem Dach von Stadtteilbewohnern mitgestaltet werden."

Der Hilldegarden - nur "vorgeschaltet"?

Genau diese Finanzierungskonzept allerdings macht die anderen Initiativen misstrauisch. Sie denken: In Wahrheit geht es gar nicht um den Garten, sondern um die teuren Räume im Inneren. "Das ist doch ein Riesenbauprojekt mit grünem Mäntelchen", sagt Kerstin Davies. Sie ist sich sicher: Der Hilldegarden ist nur "vorgeschaltet" um dem Konzept einen alternativen Anstrich zu geben, noch dazu initiiert von Leuten, von denen man in der Hamburger Urban-Gardening-Szene noch nie etwas gehört habe.

Davies steht neben Pflanzenkästen, die jetzt, im November, schon etwas karg aussehen. Es nieselt. Obwohl die Gartensaison schon fast vorbei ist, rennen Kinder einer benachbarten Ganztagesschule zwischen den Kästen herum. Sie sollen hier buddeln und pflanzen, lernen "dass die Kartoffel aus der Erde und nicht aus dem Supermarkt kommt". Das Gartendeck kooperiert für solche Projekte mit den Schulen vor Ort. Ein Pärchen mit einer Gitarre schlendert über den Platz.

Auch Harald Lemke ist gekommen, er gehört zum Gartenprojekt "Keimzelle". Und auch er ist nicht begeistert vom Hilldegarden. Die Initiativen befürchten zum Beispiel, dass die Stadt ihnen die Unterstützung entziehen könnte. Das Gartendeck etwa steht auf einem Areal, das bald bebaut werden soll. Davies und ihre Leute wollen den Garten natürlich erhalten - aber ob das gelingt? "Die werden dann einfach sagen: Da gibt es doch dieses tolle Projekt auf dem Bunker, macht doch einfach da mit!", sagt Lemke.

Die Initiativen fühlen sich übergangen

Warum sie das nicht wollen? Zum einen fühlen sich übergangen. Erst auf einer Informationsveranstaltung Mitte Oktober hätten sie überhaupt von den Plänen erfahren. Kerstin Davies erzählt, sie sei verwundert gewesen, als sie plötzlich den Flyer der "Initiative Hilldegarden" in ihrem Mail-Postfach gefunden hätte. "Wenn die auch Urban Gardening machen wollen - warum sind die nie hier vorbeigekommen?", sagt sie.

Für sie ist die Sache klar: Mit Anwohnerbeteiligung hat das nichts zu tun. "Es tut so, als ob es eine Initiative wäre, aber in Wahrheit ist das ein Top-Down-Projekt." Tobias Boeing sieht auch hier ein Missverständnis: "Manche verstehen nicht, dass das Modell noch gar kein fertiger Entwurf ist, sondern ein Werkzeug, um die Idee des Stadtgartens zu veranschaulichen." Die Ausgestaltung der Grünflächen soll genau jetzt durch den Beteiligungsprozess beginnen. Daher der offene Container direkt vor dem Bunker, daher die Informations-Veranstaltungen.

Auch, dass das Gelände privat ist, stört die anderen Initiativen. "Die Urban-Gardening-Bewegung will sich ja gerade nicht auf private Flächen zurückziehen", sagt Lemke. Denn im Zweifelsfall bestimme immer der Besitzer, was auf dem Gelände geschehe.

Die Leute vom Hilldegarden wollen reden

Die Hilldegardener müssen gegen ein hässliches Gefühl ankämpfen, das Lemke und die anderen haben: dass da jemand ihre Ideen, ihre jahrelange Arbeit als Anregung nimmt, sich ein hübsches Etikett aufpappt, aber in Wahrheit etwas ganz anderes will als sie. Ihnen geht es, wenn sie von "Urban Gardening" sprechen, um alternative Lebensformen, um Gemeingüter, um den Umgang mit Pflanzen, mit Lebensmitteln. Und nicht um einen hübschen Garten mit ein bisschen Anwohner-Beteiligung auf einem Riesenbauprojekt - dieser Vorwurf klingt in den Gesprächen ständig durch.

Boeing hingegen beteuert, dass ihm der Unterschied zwischen den politisch motivierten Initiativen, hinter denen weltanschauliche Konzepte stehen, und dem Hilldegarden durchaus bewusst ist. "Wir sehen uns einfach als weiterer Garten, der für mehr gemeinschaftliches Grün in der Stadt steht." Die Leute vom Hilldegarden haben die Initiativen zu einem Gespräch eingeladen, Innerhalb der Initiativen gibt es allerdings Uneinigkeit darüber, ob ein Gespräch jetzt noch sinnvoll sei, sagt Harald Lemke. Er selbst hat da seine Zweifel: "Die Gespräche haben ja schon stattgefunden, über Monate. Nur eben ohne uns."

Die Leute vom Hilldegarden wollen den Initiativen das Misstrauen nicht übel nehmen: Man müsse den anderen einfach Zeit geben, dran bleiben, überzeugen, reden und wieder reden. Erste Gelegenheit hatten sie am Samstag, auf einer Informationsveranstaltung, zu der auch die Gärtnerinitiativen kamen und ihrem Ärger Luft machten.

Bürgerbeteiligung. Hört sich gut an. Ist aber ein Knochenjob.

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