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Dachgarten in St. Pauli:Der Hilldegarden - nur "vorgeschaltet"?

Gartendeck

Das Projekt "Gartendeck".

(Foto: Hannah Beitzer)

Genau diese Finanzierungskonzept allerdings macht die anderen Initiativen misstrauisch. Sie denken: In Wahrheit geht es gar nicht um den Garten, sondern um die teuren Räume im Inneren. "Das ist doch ein Riesenbauprojekt mit grünem Mäntelchen", sagt Kerstin Davies. Sie ist sich sicher: Der Hilldegarden ist nur "vorgeschaltet" um dem Konzept einen alternativen Anstrich zu geben, noch dazu initiiert von Leuten, von denen man in der Hamburger Urban-Gardening-Szene noch nie etwas gehört habe.

Davies steht neben Pflanzenkästen, die jetzt, im November, schon etwas karg aussehen. Es nieselt. Obwohl die Gartensaison schon fast vorbei ist, rennen Kinder einer benachbarten Ganztagesschule zwischen den Kästen herum. Sie sollen hier buddeln und pflanzen, lernen "dass die Kartoffel aus der Erde und nicht aus dem Supermarkt kommt". Das Gartendeck kooperiert für solche Projekte mit den Schulen vor Ort. Ein Pärchen mit einer Gitarre schlendert über den Platz.

Auch Harald Lemke ist gekommen, er gehört zum Gartenprojekt "Keimzelle". Und auch er ist nicht begeistert vom Hilldegarden. Die Initiativen befürchten zum Beispiel, dass die Stadt ihnen die Unterstützung entziehen könnte. Das Gartendeck etwa steht auf einem Areal, das bald bebaut werden soll. Davies und ihre Leute wollen den Garten natürlich erhalten - aber ob das gelingt? "Die werden dann einfach sagen: Da gibt es doch dieses tolle Projekt auf dem Bunker, macht doch einfach da mit!", sagt Lemke.

Die Initiativen fühlen sich übergangen

Warum sie das nicht wollen? Zum einen fühlen sich übergangen. Erst auf einer Informationsveranstaltung Mitte Oktober hätten sie überhaupt von den Plänen erfahren. Kerstin Davies erzählt, sie sei verwundert gewesen, als sie plötzlich den Flyer der "Initiative Hilldegarden" in ihrem Mail-Postfach gefunden hätte. "Wenn die auch Urban Gardening machen wollen - warum sind die nie hier vorbeigekommen?", sagt sie.

Für sie ist die Sache klar: Mit Anwohnerbeteiligung hat das nichts zu tun. "Es tut so, als ob es eine Initiative wäre, aber in Wahrheit ist das ein Top-Down-Projekt." Tobias Boeing sieht auch hier ein Missverständnis: "Manche verstehen nicht, dass das Modell noch gar kein fertiger Entwurf ist, sondern ein Werkzeug, um die Idee des Stadtgartens zu veranschaulichen." Die Ausgestaltung der Grünflächen soll genau jetzt durch den Beteiligungsprozess beginnen. Daher der offene Container direkt vor dem Bunker, daher die Informations-Veranstaltungen.

Auch, dass das Gelände privat ist, stört die anderen Initiativen. "Die Urban-Gardening-Bewegung will sich ja gerade nicht auf private Flächen zurückziehen", sagt Lemke. Denn im Zweifelsfall bestimme immer der Besitzer, was auf dem Gelände geschehe.

Die Leute vom Hilldegarden wollen reden

Die Hilldegardener müssen gegen ein hässliches Gefühl ankämpfen, das Lemke und die anderen haben: dass da jemand ihre Ideen, ihre jahrelange Arbeit als Anregung nimmt, sich ein hübsches Etikett aufpappt, aber in Wahrheit etwas ganz anderes will als sie. Ihnen geht es, wenn sie von "Urban Gardening" sprechen, um alternative Lebensformen, um Gemeingüter, um den Umgang mit Pflanzen, mit Lebensmitteln. Und nicht um einen hübschen Garten mit ein bisschen Anwohner-Beteiligung auf einem Riesenbauprojekt - dieser Vorwurf klingt in den Gesprächen ständig durch.

Boeing hingegen beteuert, dass ihm der Unterschied zwischen den politisch motivierten Initiativen, hinter denen weltanschauliche Konzepte stehen, und dem Hilldegarden durchaus bewusst ist. "Wir sehen uns einfach als weiterer Garten, der für mehr gemeinschaftliches Grün in der Stadt steht." Die Leute vom Hilldegarden haben die Initiativen zu einem Gespräch eingeladen, Innerhalb der Initiativen gibt es allerdings Uneinigkeit darüber, ob ein Gespräch jetzt noch sinnvoll sei, sagt Harald Lemke. Er selbst hat da seine Zweifel: "Die Gespräche haben ja schon stattgefunden, über Monate. Nur eben ohne uns."

Die Leute vom Hilldegarden wollen den Initiativen das Misstrauen nicht übel nehmen: Man müsse den anderen einfach Zeit geben, dran bleiben, überzeugen, reden und wieder reden. Erste Gelegenheit hatten sie am Samstag, auf einer Informationsveranstaltung, zu der auch die Gärtnerinitiativen kamen und ihrem Ärger Luft machten.

Bürgerbeteiligung. Hört sich gut an. Ist aber ein Knochenjob.

© Süddeutsche.de/feko/lala
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