Woher stammte der brennbare Schaumstoff, mit dem die Kellerwände der Bar „Le Constellation“ verkleidet waren? Das sollte in den Ermittlungen zur Brandkatastrophe von Crans-Montana vom Neujahrsmorgen mit 41 Toten und mehr als 100 Verletzten eigentlich eine der einfacheren Fragen sein. Aber nicht einmal das konnte dreieinhalb Monate nach dem Unglück zweifelsfrei geklärt werden, was auch daran liegt, dass der Barbetreiber Jacques Moretti den Ermittlern zur Herkunft des Schaumstoffs bereits mehrere Varianten aufgetischt haben soll.
Bereits bei seiner Befragung am 1. Januar hatte Moretti angegeben, den Schaumstoff 2015 bei den Umbauarbeiten in der Bar selbst angebracht zu haben. Die Platten stammten vom Hornbach-Baumarkt im nahen Ort Riddes, wird der Barbetreiber im Vernehmungsprotokoll zitiert, auf das sich unter anderem die Schweizer Sonntagszeitung beruft. Er habe sich dort auch beraten lassen. Nur teilte Hornbach der ermittelnden Walliser Staatsanwaltschaft mit, diese Art von Akustikschaumstoffplatten sei 2015 gar nicht Teil des dortigen Filialsortiments gewesen.
Moretti soll daraufhin der Polizei im Februar eine Rechnung über den Kauf von 1360 Schaumstoffplatten bei einer Firma in Ostdeutschland präsentiert haben. An dem Dokument, von dem die Sonntagszeitung einen Ausschnitt veröffentlicht hat, gibt es Zweifel, da es in einer Mischung aus Deutsch und Französisch verfasst ist und wichtige Angaben fehlen, zum Beispiel zu einer Lieferung. Auch ist unklar, warum die Rechnung nicht bereits bei der Durchsuchung des Hauses der Morettis durch die Polizei wenige Tage zuvor entdeckt worden war. Die Schweizer Zeitung Blick zitiert nun Morettis Anwälte, der Schaumstoff sei möglicherweise doch bei einem anderen Händler gekauft worden. Welcher das ist, wurde noch nicht verraten.
Wie kamen die Morettis an ihre Kredite?
Viele ungeklärte Fragen werfen auch die Vermögensverhältnisse des Ehepaars Moretti auf. Laut der Neuen Zürcher Zeitung soll die Schweizer Bundespolizei die Konten der Morettis in der Schweiz untersucht haben und dabei auf ein „mutmaßlich kriminelles Finanzkonstrukt“ gestoßen sein. Die Ermittler seien Hinweisen der Walliser Kantonalbank und der UBS gefolgt. Es geht um mögliche Steuerhinterziehung und die Vergabe „mutmaßlich unrechtmäßig erlangter Kredite“. Wie auch in allen anderen Anschuldigungen gilt in dieser Sache für die Morettis die Unschuldsvermutung.
Fragen zum Vermögen des Paars warf indessen auch der Fund von mehreren Luxusuhren im Zuge der Hausdurchsuchung auf. Sechs Uhren von Marken wie Rolex und Audemars Piguet sollen beschlagnahmt worden sein. Solche Vermögenswerte können für mögliche Schadensersatzforderungen der von dem Unglück Betroffenen relevant sein. Außerdem habe die Polizei im Haus der Morettis eine Pistole und Munition gefunden.
Neben der Herkunft des Schaumstoffs und den Vermögensverhältnissen der Morettis sind nach wie vor auch die genauen Rollen der anderen Angestellten am Unglücksabend sowie die zugelassene und die tatsächliche Zahl der Gäste in dem Lokal unklar. Zumindest Jacques Moretti selbst wird in diesen Fragen auf absehbare Zeit keine Antworten geben können. Er ist mit einer Depression krankgeschrieben.
Am Montag sagte aber Nicolas Féraud, der Gemeindepräsident von Crans-Montana, elf Stunden lang in einer Anhörung vor der Staatsanwaltschaft und den zuständigen Anwälten aus. Féraud und mehrere weitere Mitarbeiter der Gemeinde, darunter die Sicherheitschefs, sind inzwischen ebenfalls wegen fahrlässiger Brandstiftung, Körperverletzung und fahrlässiger Tötung angeklagt. Auch für sie gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.
Férauds Aussage war lange erwartet worden. Er steht wegen der jahrelang ausgebliebenen Brandkontrollen im „Le Constellation“ ebenfalls im Zentrum der Ermittlungen und zog viel Wut der Öffentlichkeit auf sich. Es hallt noch immer nach, dass er bei einer der ersten Pressekonferenzen nach dem Unglück sagte, die Gemeinde sei von dem Brand am meisten geschädigt.
Die Anhörung am Montag war nicht öffentlich. Mehrere Anwälte teilten danach aber Schweizer Medien mit, Féraud habe ihrer Ansicht nach teilweise ausweichend geantwortet. Von den jahrelang ausgebliebenen Kontrollen will er, wie sein Anwalt im Schweizer Rundfunk zitiert wird, erst am 2. Januar erfahren haben. Eigentlich sind jährliche Brandschutzkontrollen vorgeschrieben.
Féraud habe nach Aussage des Anwalts jedes Mal, wenn zusätzliche Stellen von den Sicherheitsbeamten gefordert wurden, diese auch bewilligt. Laut der Schweizer Zeitung Le Temps, die die entsprechenden Dokumente einsehen konnte, sollen in den Jahren seit 2019 tatsächlich vier zusätzliche Stellen bewilligt und besetzt worden sein. Fehlendes Personal scheint demnach nicht das Problem gewesen zu sein. Das macht die zentrale Frage, warum die Bar jahrelang nicht kontrolliert worden war, aber nur noch brisanter. Die Anhörung soll fortgesetzt werden. Es seien noch so viele Fragen offen.

