Giovanni, 16, aus Bologna, war mit seinem Vater im Urlaub in der Schweiz, mit Freunden feierte er Silvester im „Le Constellation“. Er habe Motorräder geliebt, fröhlich sei er gewesen und empathisch, erzählten Klassenkameraden in den italienischen Medien über ihn. Nach dem Feuer in der Bar galt er zunächst als vermisst. Seine Mutter hoffte noch, ihn unter den Verletzten identifizieren zu können. Doch gefunden wurde er unter den Toten.
Vier Wochen ist es her, dass 40 Menschen in Crans-Montana ums Leben kamen, die meisten von ihnen sehr jung, sechs von ihnen aus Italien. Vier Wochen, in denen Italien voller Schmerz in Richtung Schweiz schaut, aber auch voller Misstrauen und Wut. So gut wie alle italienischen Medien berichten täglich über den Fall, zeigen die Fotos der Opfer, erzählen ihre Geschichten.
Wie die von Giovanni. Der Jugendliche war in seiner Heimatstadt beerdigt worden, musste zwei Tage später jedoch wieder exhumiert werden. Denn in der Schweiz war keine Obduktion erfolgt. Ein Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass er erstickt sei. Die Eltern mussten ihn danach ein zweites Mal begraben. Giovannis Vater hat sich nun zu dem Umstand geäußert, dass der Barbetreiber Jacques Moretti gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Sie seien erschüttert, sagte er am Dienstag, und fühlten sich „von der Schweizer Regierung verraten“.
Ganz ähnlich klingen die offiziellen Stellungnahmen der italienischen Regierung. Der Fall Crans-Montana belastet die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Am vergangenen Wochenende rief Italien seinen Botschafter aus der Schweiz zurück nach Rom. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni teilte mit, sie sei „empört“ über die Freilassung Morettis, diese sei eine „Verhöhnung des Andenkens an die Opfer und Beleidigung ihrer Familien“. Man habe die Empörung über die Gerichtsentscheidung auch der Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis mitgeteilt, schrieb sie auf X. Ganz Italien rufe nun laut nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

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Meloni teilt gegen die Schweizer Justiz aus
Den Botschafter sprach Meloni dann auch gleich persönlich. Am Montag teilte ihr Büro mit, man werde ihn erst zurück in die Schweiz schicken, wenn ein gemeinsames schweizerisch-italienisches Ermittlerteam zur Aufklärung eingesetzt werde.
Melonis deutliche Positionierung lässt sich durch die große Anteilnahme in Italien erklären und durch berechtigte Zweifel an den Schweizer Ermittlungen. Gleichzeitig ist man in Italien sonst eher empfindlich gegenüber Einmischungen von außen. Die Wortwahl Melonis erinnert vielmehr an die Art und Weise, wie sie sonst über die italienische Justiz spricht. Im März steht ein Referendum über eine Justizreform an. Höchste Regierungsvertreter nutzen daher jede Gelegenheit, um sich kritisch über vermeintlich parteiische Richter zu äußern, sei es beim Thema Brückenbau nach Sizilien oder Abschiebezentren in Albanien.

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Manche Politiker in Bern haben mit deutlichem Contra reagiert – und Italien an das Prinzip der Gewaltenteilung erinnert. „Das ist unsere Justiz, unsere Gewaltenteilung und unser Föderalismus. Und es gibt keinen Hinweis, dass unsere Justiz in diesem Punkt nicht funktioniert hat“, sagte die Abgeordnete Barbara Steinemann von der konservativen Volkspartei SVP im Schweizer Rundfunk (SRF). Auch das Schweizer Außenministerium teilte in einem Kommuniqué mit, man habe von dem Vorstoß aus Italien „Kenntnis genommen“. Italien und die Schweiz hätten dasselbe Ziel, nämlich die Umstände des Unglücks aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. „Es gilt allerdings deutlich festzuhalten“, heißt es in dem Schreiben weiter, „dass dies Aufgabe der Walliser Justiz und nicht der Politik ist.“
Der Schweizer Außenminister Ignazio Cassis machte schon am Wochenende auf X deutlich, dass die Schweiz ebenso trauere. „Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz“, schrieb er auf Italienisch. 21 Tote und knapp 70 der Verletzten aus der Neujahrsnacht hatten beziehungsweise haben die Schweizer Staatsbürgerschaft. Anders als in Italien stehen die meisten von ihnen nicht im öffentlichen Rampenlicht – mit wenigen Ausnahmen, wie der Kellnerin, die mutmaßlich mit Sprühkerzen die Schaumstoffdämmung in der Bar versehentlich in Brand gesetzt hatte. Sie überlebte das Unglück nicht.
Doch ähnlich wie in Italien ist die Debatte über die Katastrophe in der Schweiz noch immer sehr präsent und emotional. Manche der Angehörige üben über ihre Anwälte Kritik am Vorgehen der Walliser Justiz. Einige Schweizer Stimmen zeigen sich auch offen für den Vorstoß aus Italien, eine gemeinsame Ermittlergruppe einzurichten. Grundsätzlich wäre eine solche Zusammenarbeit rechtlich möglich. Mitte Februar soll in Rom ein erstes Treffen zwischen der römischen und der Walliser Staatsanwaltschaft stattfinden, sagte der Schweizer Botschafter in Italien der Zeitung La Repubblica. Italienische Medien deuten das als Zusage für eine gemeinsame Ermittlergruppe.

