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SZ-Serie "Alles Gute":Zu Hause an der Steilwand

(Foto: Steffen Mackert)

Abhilfe für aufgestaute Wandergelüste: Weil der Berg in Corona-Zeiten nicht rufen darf, ruft der Alpenverein zum Kisten-Erklimmen.

Also, Augenblick, wie geht das jetzt mit der Kiste? Den rechten Fuß daraufgestellt und hoch. Und wieder runter. Hmm. Was machen wir denn mit dem linken Fuß? Auch auf die Kiste? Oder halten wir ihn in unwürdiger, weil wenig graziler Weise frei in der Luft? Wieso wackelt das Ding eigentlich so, also die Kiste? Und ist sie vielleicht doch ein bisschen hoch? Oder im Gegenteil an der Grenze zum Lachhaften niedrig, wie Mitglieder des Haushaltes anmerken, welche Bayerns Gipfel sonst einer Bergziege gleich mit provozierender Leichtfüßigkeit erklimmen?

Zugegeben, die Anleitung zur Übung "Ausdauer - die Stepperkiste" duldet keinen Mangel an Fokussierung: "Fuß draufstellen, Gewicht drüber verlagern, möglichst ohne Abdruck des anderen Beins und möglichst langsam aufrichten und genauso langsam wieder zurück. Wiederholen bis zur Ermüdung, dann das Bein wechseln, das ganze drei Mal."

Willkommen beim Deutschen Alpenverein, der sich auf seiner Homepage dankenswert bemüht, die durch die Corona-Krise jäh ausgebremste Wanderlust der Mitgliedschaft zu kanalisieren. Aufgestaute Wanderlust kann nach Erkenntnissen der Kriseninterventionspsychologie massive Störungen des häuslichen Friedens hervorrufen. Deshalb empfiehlt der Alpenverein für daheim unter anderem die Stepperkiste. Auf ihr auf und ab zu kraxeln, ersetzt zumindest physisch den vom Bergfreund so geliebten Schritt aufwärts. Zu beachten ist, dass sie, speziell beim dem Biere zugeneigten Wanderer, über die gebotene Stabilität verfügen sollte; Trittsicherheit ist nicht nur am echten Berg zwingend erforderlich.

Mit wenigen Handgriffen - handwerkliches Geschick und einen toleranten Hausstand vorausgesetzt - lässt sich "Deine Bergsportart zuhause nachbilden", wie der Alpenverein rät. Da ist der "Beastmaker", ein Griffbrett "mit verschiedenen Löchern, Leisten und Slopergriffen, das man über dem Türrahmen an jede Wand schrauben kann". Hindert ein widerspenstiges Umfeld den Kletterer (und die Kletterin, dem höhenängstlichen Autor ist eine geschätzte Dame bekannt, die ihm bisweilen aus schierem Sadismus Live-Fotos der Abgründe schickt, über denen sie gerade die Steilwand durchmisst), Kletterhaken in die Wohnzimmerwände zu schrauben: kein Problem.

Die Homepage gibt jede Menge sehr guter Tipps, sich mit Übungen fit zu halten für den fernen Tag, an dem der Berg wieder rufen darf, ohne von Markus Söder unnachsichtig sanktioniert zu werden. Aber Vorsicht: Sie sind fordernd, und sie sollen es sein. Bergwandern ist eben nichts für Schattenparker, nicht mal daheim.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/feko
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