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SZ-Serie "Alles Gute":Stille Helden

(Foto: Steffen Mackert)

Die Aufforderung "Nicht hamstern!" ist so viel eindringlicher, wenn eine Gebärdensprachdolmetscherin sie übersetzt. Über Barrierefreiheit in Zeiten der Einschränkung.

Von Edeltraud Rattenhuber

Die Liste ist lang: Kanzlerin Angela Merkel, Regierungssprecher Steffen Seibert, Gesundheitsminister Jens Spahn, die Ministerpräsidenten der Bundesländer, der Präsident des Robert-Koch-Instituts. Wenn es ernst wird und sie in dieser Krise wieder neue Maßnahmen verkünden müssen, steht ihnen neuerdings immer jemand beiseite. Meist eine Frau, heftig gestikulierend. Manchmal ein wenig atemlos, so scheint es. Und doch ein Gewinn. Jedenfalls für die etwa 80 000 Gehörlosen in Deutschland.

Für sie geht in dieser Krisenzeit ein Versprechen in Erfüllung, das Deutschland ihnen mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention vor mehr als zehn Jahren gegeben und bisher nicht eingelöst hatte: Offizielle Verlautbarungen werden in Gebärdensprache übersetzt.

Lange hatten sie dafür gekämpft. In anderen Ländern werden Reden und Pressestatements der obersten politischen Kaste schon längst mittels Gebärden auch jenen nahegebracht, die nichts hören und daher in Krisen von vielen direkten Informationen zunächst abgeschnitten sind. Ausgerechnet das Coronavirus mit seinen Einschränkungen beschert ihnen ein Stück Freiheit. Barrierefreiheit.

Und auch Hörende merken - wie schon bei den Emojis -, dass ein Bild oft mehr sagt als tausend Worte. Denn gute Gebärdensprachdolmetscher sind immer auch ein bisschen wie Schauspieler. Zum Beispiel Irma Sluis. Die Gebärdensprachdolmetscherin aus den Niederlanden übersetzte bei einer Pressekonferenz in Den Haag die Aufforderung "Nicht hamstern!" für alle so eindringlich, dass die TV-Szene unzählige Male im Netz geteilt wurde. Wie sie mit ihren Händen mit Hamstermimik und in Hamstergeschwindigkeit in ihren unsichtbaren Vorräten grabbelt und alles an sich reißt - so eine Botschaft kommt eher an als die Ermahnung "Niet hamsteren".

Dem Gouverneur des US-Bundesstaates Maryland, Larry Hogan, hat man bei seiner live übertragenen Anordnung, dass alle Shoppingmalls geschlossen würden, sogar so etwas wie einen Doppelgänger zur Seite gestellt. Allerdings mit Haaren. Wie er sich als stiller Held mit geschürzten Lippen bei der Übersetzung des Wortes "rapid" mehrmals ganz schnell auf die Hand schlägt und dabei in die Knie geht - was könnte die Dringlichkeit der Schließungen angesichts der rasanten Verbreitung des Virus deutlicher machen als eine solche Geste!

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten.

© SZ/nas
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