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Schweden:Die Skigaudi in Åre geht weiter

Mehr Abstand in den Warteschlangen, weniger Skifahrer pro Gondel und kein Après-Ski mehr – ob das wohl reicht im Kampf gegen Corona?

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)
  • In Schweden bleiben trotz Coronavirus die Skipisten offen.
  • Die Gesundheitsbehörde hatte empfohlen, freiwillig auf allen Bergtourismus zu verzichten.
  • Bald stehen die Osterferien vor der Tür, die Skigebiete erwarten dann aber weiteren Zulauf.

Ischgl ist zu, Südtirol ist dicht, Norwegen und Finnland haben aus Angst vor dem Coronavirus ihre Skigebiete geschlossen - in Schweden allerdings ist alles anders: Die Pisten bleiben offen.

Nach einem Treffen am Dienstag erklärte die staatliche Gesundheitsbehörde, man habe sich für den Moment weiter gegen die Schließung der schwedischen Skigebiete durch den Staat entschlossen. Und der private Betreiber der größten Skigebiete Schwedens in den Orten Åre und Sälen, das an der Stockholmer Börse gelistete Unternehmen Skistar, erklärte umgehend, man werde nun den Betrieb aufrechterhalten. Schließlich folge man damit "den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde". Dabei hatte dieselbe Behörde in der vergangenen Woche den Schweden schon empfohlen, doch bitte freiwillig auf allen Bergtourismus zu verzichten.

Auch in Schweden stehen bald Osterferien vor der Tür, die Skigebiete erwarten dann weiteren Zulauf. In Ischgl und anderen Skiorten, die als Brutstätten des Coronavirus identifiziert worden sind, hatten sich viele Wintersportler wohl vor allem beim Après-Ski angesteckt. Seit dem Wochenende haben die Clubs und Hotels auch in Schweden ihre Après-Ski-Partys abgesagt, auf denen sich noch bis Freitag bis zu 499 Menschen getummelt hatten (Veranstaltungen von mehr als 500 Menschen waren da schon verboten).

Weniger Skifahrer pro Gondel

Vor allem örtliche Mediziner sprachen in den vergangenen Tagen eindringliche Warnungen aus. Die leitende Ärztin der kleinen Krankenstation in Åre, Sofia Leje, verlangte mehrfach die sofortige Schließung der Skigebiete und warnte vor italienischen Verhältnissen. Die Gesundheitsbehörde erklärte sich jedoch nun vorerst zufrieden mit dem Ende des Après-Ski und anderen Maßnahmen der Betreiber (ausgedünnte Warteschlangen vor den Liften, mehr Platz in der Gondel). Viel wichtiger sei es, sagte am Montag schon Anders Tegnell, der oberste Epidemiologe Schwedens, in den Osterferien von Reisen zu den Großeltern Abstand zu nehmen, damit man diese nicht infiziere.

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Ministerpräsident Stefan Löfven setzt bislang auf Appelle, nicht auf Restriktionen. Am Sonntag hatte er sich erstmals in einer TV-Ansprache an die Nation gewandt: "Es gibt nur wenige entscheidende Momente im Leben, in denen man Opfer bringen muss nicht nur für sich selbst, sondern für die um einen herum, für die Mitmenschen und für unser Land", sagte Löfven. "Dieser Moment ist jetzt."

Oder auch nicht. Das Boulevardblatt Expressen berichtete am Dienstag vom regen Betrieb im Skiort Sälen. Man könne sich doch ohnehin überall anstecken, zitiert die Zeitung eine 27-Jährige aus Linköping. "Also haben wir gleich in Flucht und Entspannung investiert." Ein Ehepaar Johansson erzählte, sein schon gebuchter Skiurlaub in Norditalien sei leider abgesagt worden, kurz darauf auch der Ersatzurlaub in Frankreich. "Dann musste es halt Schweden werden."

Und Familie Hedin schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Sie seien in Stockholm ins Home-Office geschickt worden, erzählen die Eltern, aber da gebe es ja niemanden, der auf die Kinder aufpasse. Praktischerweise war die Oma schon vorgereist nach Sälen. Jetzt gibt's die Großmutter, das Home-Office und den Skispaß an einem Ort. "Zu Hause regnet es sowieso", zitiert Expressen die Mutter. "Und hier ist Bombenwetter."

Vor allem viele Einheimische sind mittlerweile fassungslos ob so viel Unbedarftheit. "Bleibt bitte zu Hause!" flehte ein Leserbriefschreiber aus Åre in der Zeitung Dagens Nyheter die Urlauber an. Es fühle sich "so schrecklich unnötig an, eine schlimme Situation noch zu verschlimmern". Ein anderer Kommentator sprach vom "Tanz auf dem Deck der Titanic". Und weiter: "Zu Zeiten Thomas Manns stieg die lungenkranke Mittelschicht in die Alpen, um ihre Lungenkrankheit zu heilen. Heute gehen sie in die Berge, um sie zu verbreiten."

© SZ/nas/ick
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