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SZ-Kolumne "Alles Gute":Ein Gefühl wie in der Toskana

Corona und Alltag

Illustration: Steffen Mackert

Keine Ansteckungsgefahr, Zuprosten von Decke zu Decke und jederzeit kann man den Standort verschieben: Die entspannteste Form des Essengehens in Zeiten von Corona ist das Picknicken im Grünen.

Schön, dass man wieder in den Biergarten gehen kann. Oder beim Italiener wieder draußen sitzen darf. Dank Hygienekonzept und Abstandsregel hat der Restaurantbesuch sogar eine neue Qualität erreicht: Sitznachbarn sind so weit in die Ferne gerückt, dass man nicht mehr befürchten muss, beim Schweigen oder Streiten belauscht zu werden. Auch ein Abgreifen der Speisekarte vom Nebentisch ist ohne Teleskop-Arm nicht mehr möglich, genauso wenig wie der Versuch, mit einem "Darf ich mal das Salz?" in den Heiratsantrag zu grätschen.

Einen Nachteil hat die verstreute Platzierung indes: Die wenigen begehrten Tische sind schnell weg. Andererseits: Wie sicher wäre man dort wirklich, wer garantiert einem, dass der Kellner einem nicht doch zu nahe kommt? Die Lösung ist naheliegend, und das im wörtlichen Sinne: Sich auf der nächsten Grünfläche zum Speisen niederzulassen, wird gerade beliebter, als es ohnehin schon war.

Das Picknick kommt dem Drang des Großstädters nach Mediterranisierung sehr entgegen: In einen Aperol Spritz zu starren und sich vorzustellen, die Fußgängerzone sei eine toskanische Altstadt, gehört zu seinen Lieblingsfeierabendbeschäftigungen. Nun klappt er dafür eben einen Klappstuhl auf oder breitet eine Decke an einem grünen Fleckchen aus. Und weil die Abstandsregel auch für Deckenbesitzer gilt, landet man dabei auch mal zwischen Blumenbeeten oder auf einem Grünstreifen. Mitunter prostet man sich - von Decke zu Decke - gegenseitig zu oder kommt ins Gespräch. Und genauso soll es sein.

Schon in der Antike traf man sich zum Freundschaftsmahl - die alten Römer zum Prandium, die Griechen zum Eranos. Die Briten haben das Picknick im 19. Jahrhundert mit großer Leidenschaft weiterentwickelt. Ihnen verdanken wir die Erfindung des Sandwiches oder der Thermoskanne, aber auch die Erkenntnis, dass das optimale Picknickwetter eine Frage der Haltung ist - und kein Heizpilz nötig ist, um ein Salamibrot zu verspeisen.

Spätestens seit dem "Paneuropäischen Picknick" im August 1989 auf dem Grenzstreifen zwischen Österreich und Ungarn ist jedenfalls klar: Das gemeinsame Gelage unter freiem Himmel kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Ein lockeres Treffen zwischen Bürgern zweier Staaten sollte es werden, ein Testlauf für Gorbatschows Perestroika und Glasnost. Kurz darauf fielen die ungarischen Grenzzäune, drei Monate später die Mauer. Picknick ist also quasi politisch.

Was das mit Corona zu tun hat? Nun, Picknickdecken haben die Eigenschaft, dass man ihren Standort jederzeit verschieben kann. Könnte doch sein, dass sich demnächst auch die Grenzen zwischen Lokal und Picknickdecke auflösen. Und die Menschen sich ganz diskret in der Nähe ihrer Lieblingspizzeria niederlassen können, ohne Verdacht zu erregen.

Wie schön wäre das, wenn der Kellner ganz unvermittelt vor einem stünde und fragte: Was darf's denn sein, vielleicht erst mal einen Prosecco?

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/moge
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