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Armut in Deutschland:Die Obdachlosen trifft die Corona-Krise besonders hart

Ein Obdachloser nimmt Lebensmittel vom Spendenzaun an der Evangelische Kirchengemeinde am Weinberg in Berlin-Mitte (Fot

Hilfe auf Distanz: An sogenannten Gabenzäunen deponieren Menschen Spenden für Obdachlose, hier in Berlin-Mitte.

(Foto: Christian Ditsch/imago)
  • Die Corona-Krise trifft Obdachlose besonders hart. Ihre typischen Anlaufstellen fallen weg.
  • Viele Tafeln, Suppenküchen, Unterkünfte und Notschlafstellen mussten schließen.
  • Allein in Berlin leben mindestens 2000 Menschen auf der Straße. Der Senat hat nun einige Maßnahmen beschlossen.

Dass hier etwas Ungewöhnliches passiert, sieht man schon von Weitem. Auf dem Boxhagener Platz in Berlin versammeln sich Menschen, sehr viele Menschen. Alte und junge, Männer und Frauen, und das ist in der Hauptstadt wie überall derzeit verboten. Aber eigentlich ist das hier überhaupt nichts Ungewöhnliches, denn diese Leute tun das, was sie so oft tun. Sie stehen für eine Mahlzeit an, weil sie sonst nicht wüssten, wie und wo sie etwas zu essen bekommen. Die Menschen hier sind obdachlos.

Mindestens 2000 Obdachlose leben offiziellen Zahlen zufolge in Berlin. Die Corona-Krise trifft sie besonders hart. Viele Tafeln, Suppenküchen, Unterkünfte und Notschlafstellen mussten schließen, um nicht zur Ausbreitung des Virus beizutragen, die typischen Anlaufstellen für Obdachlose fallen weg.

"Die Leute hungern und frieren", sagt Jörg Richert, Geschäftsführer des Vereins Karuna, der in Berlin Einrichtungen für Obdachlose, Straßenkinder oder Drogenabhängige betreibt. Dazu komme, dass viele Obdachlose ohnehin gesundheitlich angeschlagen sind und sich nicht einmal regelmäßig die Hände waschen können, alle Cafés und Restaurants haben ja zu. Viele, die auf der Straße leben, wüssten zudem noch gar nichts über die Krankheit, träfen sich weiterhin, teilten Flaschen und Zigaretten, sagt Richert. Und wie erreicht man die Leute überhaupt in Zeiten von Kontaktverboten und Ausgangsbeschränkungen?

Ein "Gabenzaun" mit Tüten voller Spenden

Der Berliner Senat hat inzwischen einige Maßnahmen beschlossen. Eine Notunterkunft mit 150 Plätzen soll den ganzen Tag geöffnet bleiben, nicht nur nachts. Und eine Jugendherberge mit 200 Betten, die aufgrund der Pandemie keine Gäste mehr aufnehmen darf, wird nun für Obdachlose angemietet. Und es sind die Privaten, Vereine und Obdachlosenhilfen, die sich kümmern. Auf dem Boxhagener Platz hängen an einem Zaun Tüten und Taschen mit Gemüse, Kleidern, Cremes oder Tampons, einer der "Gabenzäune", die man derzeit in der Stadt sieht und an denen Leute ihre Spenden für Obdachlose deponieren können.

Und der Holzpavillon mit dem Café, in dem sonst drogensüchtige Jugendliche Praktika machen oder ihre Sozialstunden ableisten, ist nun eine Art Pop-up-Suppenküche. Unter einem Plastikschutz werden Teller mit heißem Gulasch und Brot durchgereicht.

Es ist klirrend kalt, als sich am Montag vor dem Pavillon eine Schlange von Leuten bildet, die auf ihren Teller warten. Irgendwann kommt ein Polizeiwagen, die Ansammlung hat bereits Aufsehen erregt. Die Polizisten sagen jedoch nur, dass man Abstand halten solle. "Wie soll man Abstand halten, wenn die Leute auf der Straße sind?", fragt eine dick eingemummelte Frau in der Schlange. Margarete Kerpal ist 52, sie hat viel gearbeitet in ihrem Leben, aber irgendwann ihre Wohnung verloren. Eine neue zu finden, ist in Berlin so gut wie aussichtslos, und Kerpal muss in Notunterkünften schlafen. "Manchmal denke ich, das ist ein Albtraum."

Trotz Arbeit keine Wohnung

Auf dem Boxhagener Platz sieht man sehr gut, wie sich die Obdachlosigkeit in den Metropolen gewandelt hat. Viele von denen, die hier anstehen, entsprechen nicht dem klassischen Bild, das man von Obdachlosen hat, Männern mit Alkoholproblemen, die aus dem System gefallen sind. Sondern sie arbeiten und können sich auf dem boomenden Immobilienmarkt einfach keine Bleibe leisten. So wie die vielen Wanderarbeiter aus Osteuropa, die in Berlin meistens irgendwo jobben und sonst im Freien oder in Unterkünften schlafen. Sie sind doppelt von der Corona-Krise betroffen, da sie wegen der Reisebeschränkungen derzeit auch nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkönnen.

Eine Schwangere wartet in der Schlange und eine 34-Jährige, die verloren mit ihrem Rucksack auf dem Platz steht. Sie ist seit vier Jahren in Berlin, hat mal hier, mal da gearbeitet. Die Nacht hat sie in einer Notunterkunft verbracht, jetzt sollte sie eigentlich für ihren Deutschkurs lernen, so will es das Jobcenter. "Aber wo soll ich lernen, wenn alle Bibliotheken geschlossen sind?"

Jörg Richert vom Verein Karuna steht indessen mit seinen Mitarbeitern im Park. Sie geben jedem in der Schlange zehn Euro aus einer Plastiktüte. Denn wer obdachlos ist, könne derzeit auch kein Geld verdienen, sagt Richert, die Straßen sind menschenleer, selbst Dinge wie Flaschensammeln seien kaum möglich. Und Richert will noch die Leute auf der Straße erreichen, die nicht hier sind. "Die Hierarchie des Unglücks ist eine neue. Wir müssen jetzt Ansteckungen vermeiden."

Helfer in Schutzmasken

Um ihn herum versammeln sich Freiwillige mit orangen Warnwesten, sie sollen mit Fahrrädern losziehen, um Obdachlose über das Coronavirus zu informieren, und ihre Namen und Standorte sammeln, damit man ihnen im Fall des Falles medizinische Hilfe schicken kann. Richert gibt Rucksäcke mit Gesichtsmasken, Schutzhandschuhen und Brillen aus, dann machen sich die Teams auf den Weg.

Richert hofft, dass die Krise etwas verändert, "dass es danach nicht wie in Wuhan läuft: Maske ab und sofort weiterarbeiten". Sondern dass die Ausnahmesituation den Blick schärft für die Obdachlosigkeit und dafür, dass sie mit dem Ende der Krise nicht ausgestanden sein wird.

© SZ/nas/ick
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