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Coronavirus in Deutschland:Merkel: "Keine falschen Hoffnungen wecken"

Merkel nach Corona-Quarantäne zurück im Kanzleramt

Angela Merkel ist am Freitag nach zweiwöchiger Corona-Quarantäne ins Kanzleramt zurückgekehrt.

(Foto: dpa)
  • Kanzlerin Angela Merkel möchte noch kein Ende für die Ausgangsbeschränkungen nennen.
  • Gesundheitsminister Spahn sieht einen Hoffnungsschimmer beim Kampf gegen das Virus in Deutschland. Der Markt bei Schutzausrüstung sei umkämpft.
  • Der Berliner Innensenator Andreas Geisel berichtet, dass die USA für Deutschland bestimmte Schutzmasken in China beschlagnahmt hätten.
  • Der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler warnte davor, dass die Zahl der Intensivbetten in Deutschland immer noch nicht ausreichen könnte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat alle Bürger aufgefordert, sich auch an Ostern und in den Ferien an die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie zu halten. Die CDU-Politikerin sagte am Freitag in ihrem wöchentlichen Podcast, sie könne noch keine Stichtage für ein Ende der Anordnungen nennen. Dies wäre in der jetzigen Situation auch unverantwortlich. "Wir würden unserer Verantwortung nicht gerecht werden, wenn wir jetzt falsche Hoffnungen wecken würden."

Sie versicherte aber, dass die Bundesregierung und sie persönlich alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Maßnahmen möglichst bald zurückfahren zu können. Derzeit stiegen aber die Infizierten-Zahlen noch zu stark an. Es stimme zwar, dass jüngste Zahlen des Robert-Koch-Instituts ein wenig Hoffnung machten. "Aber es ist definitiv viel zu früh, um darin einen sicheren Trend zu erkennen." Deshalb blieben alle Leitlinien für das reduzierte öffentliche Leben und für die Einschränkung der Kontakte unvermindert bestehen - zunächst bis einschließlich 19. April, dem Ende der Osterferien in den meisten Ländern. Wie es dann weiter gehe, hänge davon ab, "an welchem Punkt der Ausbreitung des Virus wir dann in Deutschland stehen und wie sich das in den Krankenhäusern auswirkt".

In Deutschland gelten zurzeit umfassende Kontaktsperren für die Bürger, außerdem sind unter anderem Restaurants, Theater, Kinos sowie Spielplätze und viele Geschäfte geschlossen. "Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben als je zuvor", sagte Merkel. Ostern sei für Millionen von Christen der Kirchgang, der "Ostersonntag mit der ganzen Familie, vielleicht ein Spaziergang, Osterfeuer." Das sei auch für viele ein Kurzurlaub an der See, in den Bergen, oder bei Verwandten. "Normalerweise. Aber nicht in diesem Jahr", sagte die Kanzlerin. Angela Merkel hatte am Freitag die 14-tägige vorsorgliche heimische Quarantäne beendet, die das Robert-Koch-Institut empfohlen hatte. Sie hatte zuvor Kontakt mit einem infizierten Arzt, wurde jedoch mehrfach negativ auf das Coronavirus getestet.

Spahn: "Ganze Welt kauft gerade Schutzmasken"

Nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gelingt es Deutschland immer besser, Schutzausrüstung wie Masken und Kittel zu besorgen. Dennoch sei das Land noch immer erst "am Anfang der Epidemie" und am Anfang der Maskenbeschaffung. Der internationale Maskenmarkt sei umkämpft, sagte Spahn auf einer Pressekonferenz. "Die ganze Welt kauft gerade Schutzmasken. Ein Cent-Produkt ist gerade Gold wert."

Die Besorgung der Masken sei für alle ein Lernprozess, sagte Spahn. Manchmal kämen auch sicher geglaubte Lieferungen nicht so in den Ländern an, wie es geplant war. Er habe es erlebt, dass sicher avisierte Lieferflüge in Deutschland nicht gelandet seien. Teilweise sei die Waren in China nicht am Terminal angekommen, ergänzte der Logistikunternehmer Jens Fliege. Spahn sagte, er rechne aber jeden Tag mit neuer Ware und damit, dass die Mengen größer werden.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) berichtete am Freitag, dass eine Lieferung von 200 000 medizinischen Schutzmasken von den USA in Bangkok konfisziert wurde. Die Masken der Klasse FFP-2, die vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen können, waren nach seinen Angaben für die Polizei der Hauptstadt bestimmt. Berlin habe sie bei einem US-Unternehmen bestellt und bezahlt. Nach Recherchen des Tagesspiegel wurden sie in China hergestellt, offizielle Angaben dazu lagen nicht vor.

Geisel kritisierte das Vorgehen der USA scharf. "Wir betrachten das als Akt moderner Piraterie", erklärte er. "So geht man mit transatlantischen Partnern nicht um. Auch in globalen Krisenzeiten sollten keine Wildwest-Methoden herrschen." Die Bundesregierung müsse bei den USA auf die Einhaltung internationaler Regeln dringen.

Angesprochen auf Meldungen, dass die USA Lieferungen von für Deutschland bestimmte Masken abgefangen hätten, wollte sich Jens Spahn zuvor nicht konkret äußern. Aber nach dem, was man so höre, sei das "keine gute Entwicklung." Auf die Frage, ob er sich unter Partnern ein solidarischeres Verhalten wünsche, betonte der CDU-Politiker die Solidarität mit europäischen Partnern wie etwa Spanien. Darüber hinaus gebe es "natürlich weltweit unterschiedliche Vorgehensweisen, lassen Sie es mich mal so formulieren", bemühte sich der Gesundheitsminister um eine diplomatische Aussage.

Auf dem umkämpften Maskenmarkt hätten Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime keine Möglichkeit, Schutzausrüstung selbst zu beschaffen. Der Bund habe sich deshalb entschieden, Schutzausrüstung zentral zu beschaffen und dann zu verteilen. Spahn sagte zudem, Deutschland solle insbesondere in Bereichen wie der Schutzausrüstung "nicht so abhängig vom internationalen Markt" sein. Deshalb solle die heimische Produktion gefördert werden. Diese gebe es bereits, aber nur in geringem Umfang.

Bei der Bekämpfung des Virus in Deutschland sieht Spahn einen ersten Hoffnungsschimmer. "Wir sehen einen ersten Trend, dass die Steigerungen der Neuinfektionen abflachen", sagte er. Dies müsse sich in den nächsten Tagen bis Ostern allerdings noch bestätigen. Wichtig sei, dass die vorgeschriebenen Maßnahmen zu Ausgangsbeschränkungen eingehalten würden. Er sei dankbar dafür, dass die allermeisten Bundesbürger die Auflagen für richtig hielten. "Die Krise ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf."

In Deutschland seien derzeit gut 40 Prozent der Intensivbetten frei und für die Entwicklungen der nächsten Wochen vorbereitet, sagte Spahn. Die Beteiligung am Internet-Register für freie Intensiv-Betten in Krankenhäuser soll Pflicht werden. Er plane die bislang freiwilligen Eingaben verpflichtend zu machen, sagte Spahn. Damit soll es bundesweit eine Übersicht geben, welche Krankenhäuser noch freie Kapazitäten haben. Derzeit beteiligen sich am Register etwa zwei Drittel der Kliniken.

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RKI-Präsident: Intensivbetten könnten vielleicht nicht ausreichen

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler äußerte Zweifel, ob die Zahl der Intensivbetten in Deutschland für den Höhepunkt der Corona-Pandemie ausreichen würde. Er zeigte sich zufrieden, dass die Zahl der Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern erhöht worden sei. Allerdings sei er sich nicht sicher, ob die Kapazitäten ausreichten: "Ich persönlich habe die Einschätzung, dass sie nicht reichen." Er würde sich aber sehr freuen, wenn er hier irre.

Wieler hofft in den kommenden Tagen auf ein Nachlassen der Corona-Infektionen. Die pandemiebedingten Einschränkungen wirkten, sagt der RKI-Präsident. Es sei gelungen, die Reproduktionsrate bei den Infektionen auf eins zu drücken. Das heißt, dass derzeit in Deutschland ein Infizierter nur jeweils einen weiteren Menschen ansteckt. Er hoffe, dass die Zahl in den kommenden Tagen unter eins sinke. In dem Fall geht dann über die Zeit auch die Zahl der Erkrankungen zurück.

Wieler nahm im Rahmen eines Pressebriefings außerdem Stellung zur Einschätzung des RKI zum Tragen von Mund-Nasen-Schutz. Diese Masken böten keinen Schutz für den Träger, sie könnten aber dabei helfen, andere vor einer Ansteckung zu schützen, erklärte Wieler. Er wies darauf hin, dass es trotz des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes essentiell sei, untereinander Abstand zu halten und Hygieneregeln einzuhalten. Wer krank sei, solle zu Hause bleiben. Wer eine Maske trägt, müsse darauf achten, dass die Maske richtig sitzt. Es helfe nicht, wenn sich Maskenträger häufig ins Gesicht fassten, um den Sitz der Maske zu überprüfen. Am Donnerstag hatte das RKI seine Einschätzung für das Tragen von Mundschutz geändert und diese nun doch als zumindest unter bestimmten Umständen als hilfreich eingeschätzt.

Wieler forderte außerdem, dass die Taktung von öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Zahl der eingesetzten Waggons erhöht werden solle, um Fahrgästen die Möglichkeit zu geben, auch dort Abstand zu halten.

Grüne veranstalten ersten virtuellen Parteitag

Wegen der Corona-Pandemie veranstalten die Grünen erstmals einen Parteitag dezentral und rein digital. Wie Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner dem Berliner Tagesspiegel sagte, sei am 2. Mai ein kleiner Parteitag mit 100 Delegierten geplant. "Alle nehmen per Video teil", sagte Kellner: "Es wird gesetzte und geloste Redebeiträge geben, wie sonst auf Grünen-Parteitagen auch - nur werden die Reden nicht auf der Bühne, sondern im eigenen Wohnzimmer gehalten." Digitale Abstimmungen seien möglich, die Wahl etwa von Vorständen allerdings aus rechtlichen Gründen nicht. Kellner sprach von einem "demokratischen Experiment". Das Hauptthema ist auch schon gesetzt: Die Grünen wollen über die Auswirkungen der Corona-Krise diskutieren.

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