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Coronavirus:Kreuzfahrtschiff unter Quarantäne

Diamond Princess Cruise Ship Remains Quarantined As Coronavirus Cases Grow

Die Quarantäne auf der "Diamond Princess" soll noch bis mindestens 19. Februar dauern.

(Foto: Getty Images)
  • Von den rund 3700 Menschen an Bord der Diamond Princess haben sich bislang mindestens 130 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.
  • Das Kreuzfahrtschiff steht noch bis 19. Februar im japanischen Yokohama unter Quarantäne.
  • In China sind mittlerweile mehr als 900 Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit gestorben.

m Anleger der Coronavirus-Krise herrscht eine seltsame Atmosphäre zwischen Schaulust und Frieden. Die Sonne scheint über dem Daikoku-Pier im Hafen von Yokohama. Angler stehen am Ufer. Träge schlagen die Wellen ans Land. Das Wetter ist so klar, dass man zwischen Riesenrad und Hochhäusern die Silhouette des japanischen Nationalberges Fuji sehen kann. Trotzdem blicken viele auch in die andere Richtung und machen Fotos. Denn dort ankert seit vergangenem Mittwoch das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess unter Quarantäne. Rund 3700 Passagiere und Crew-Mitglieder hat es nach Yokohama gebracht, einige davon mit dem Coronavirus. Betreiber Princess Cruises berichtete am Montag von 66 weiteren positiven Tests. Die Zahl der an Bord Infizierten ist damit auf mehr als 130 angestiegen. Sie wurden in verschiedene Krankhäuser gebracht. Bis mindestens 19. Februar soll die Quarantäne andauern. So lange wird der Luxusliner in Yokohamas Hafen aufragen wie das Denkmal einer unsichtbaren Gefahr.

Die Diamond Princess ist derzeit das größte Coronavirus-Krisengebiet neben China und damit das Symbol für die Furcht vor einer weltweiten Verbreitung des neuartigen Krankheitserregers. Menschen aus 50 Nationen sind an Bord, wenn die das Virus in ihre Länder tragen, wird alles noch schlimmer, als es ohnehin schon ist. Nach den jüngsten Daten übersteigt die Zahl der Todesopfer durch das Coronavirus längst die der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Nach Angaben chinesischer Gesundheitsbehörden ist allein in China die Zahl der Todesfälle auf mehr als 900 gestiegen bei insgesamt über 40 000 infizierten Menschen. An dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (Sars) waren nach Angaben der WHO 2002/03 insgesamt 8096 Menschen erkrankt und 774 gestorben. Außerhalb Chinas waren bis zum Wochenende mehr als 300 Infektionen bestätigt. Bis auf ein Opfer auf den Philippinen und eines in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong haben sich alle Todesfälle auf dem chinesischen Festland ereignet. Trotzdem: Im Ausland ist man alarmiert. Nachlässigkeit will sich jetzt niemand erlauben. Das zeigt sich auch am Fall der Diamond Princess.

Gesundheitsbehörden wurden auf das Schiff aufmerksam, als bekannt wurde, dass sich ein Mann mit dem Virus angesteckt habe, der die Diamond Princess am 25. Januar verlassen hatte. Zwei weitere Menschen, die engen Kontakt mit ihm gehabt hatten, wurden später ebenfalls positiv getestet. Auf Kreuzfahrtschiffen ist die Gefahr besonders groß, dass sich ein Virus ausbreitet. Viele Menschen sind dort auf relativ engem Raum und sollen sich ja auch näher kommen bei Tanzkursen, Partys oder sonstigen Angeboten an Bord. Typischerweise sind auch viele Senioren unter den Reisenden, die anfälliger für Ansteckungen sind als junge Menschen.

Die Zahl der Infizierten könnte weiter steigen

Die Angesteckten umfassen alle Altersklassen zwischen Über-20 und Über-80. Die meisten sind Japaner, aber auch Menschen aus den USA, aus Kanada, aus Australien, Argentinien, Großbritannien, den Philippinen und der Ukraine sind darunter. 16 Ärzte und weiteres medizinisches Personal hat Japans Regierung auf das Schiff geschickt, damit diese mit den Ärzten, die zur Crew gehören, das Virus eindämmen. Die Passagiere dürfen ihre Kabinen nicht verlassen. Princess Cruises hat deshalb das Zimmer-Entertainment mit neuen Kanälen, Videos, Zeitungen und Spielen aufgebessert, bietet kontrollierte Ausgangszeiten, psychologische Betreuung, Telefonate nach draußen und natürlich Mahlzeiten per Zimmerservice. Mittlerweile hat das Unternehmen auch erklärt, den Passagieren ihre Reisekosten inklusive Ausgaben für Flüge und Hotels zurückzuerstatten.

"Dynamisch und beispiellos" nennt Princess-Cruises-Chefin Jan Swartz die Lage und erklärte am Samstag, "erster Fokus" sei es, den medizinischen Bedürfnissen der Menschen an Bord nachzukommen. Am Freitag hatte eine Frau eine japanische Flagge über die Reling gehängt, auf der stand: "Zu wenig Medikamente." Jan Swartz sagte, für den Nachschub von verschriebenen Medikamenten werde man mithilfe des japanischen Gesundheitsministeriums so schnell wie möglich sorgen. "Wir haben ungefähr 2000 Anfragen für Medikamente bekommen." Japans Gesundheitsminister Katsunobu Kato sprach von etwa 600 Menschen auf dem Schiff, die Medikamente brauchten.

Aber runter vom Schiff kommt vorerst niemand, der nicht ins Krankenhaus muss. Laut Kato erwägt die japanische Regierung, alle Passagiere und Crewmitglieder auf das Virus testen zu lassen. "Wir müssen auf die Sorgen und Bedenken der Öffentlichkeit reagieren", sagte Kato; am Sonntagabend hatte es geheißen, bisher habe es 336 Tests gegeben. Die Passagiere müssen von ihren Kabinen aus verfolgen, was draußen passiert. Zum Beispiel den Umstand, dass chinesische Wissenschaftler eine neue Theorie entwickelt haben zu der Frage, wie das Coronavirus die Menschen befallen konnte. Demnach könnte die Krise von infizierten Schuppentieren ausgegangen sein, die auf chinesischen Märkten als Delikatesse verkauft werden; ein Markt in Wuhan gilt als Ort der ersten Infektion eines Menschen mit dem Coronavirus.

Und die zehn Deutschen, die sich an Bord der Diamond Princess befinden, dürften zur Kenntnis genommen haben, dass die Bundesregierung am Sonntag etwa 20 weitere Bundesbürgerinnen und Bundesbürger aus Wuhan in Berlin landen ließ. Die Diamond-Princess-Passagiere erleben gerade ihr ganz persönliches Wuhan und würden bestimmt auch gerne schnell nach Hause reisen.

© SZ vom 10.02.2020/lot
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