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Jugendhilfe und Corona:"Nachbarn beschweren sich, wenn die Kinder im Garten spielen"

Kinderheim

Für Kinder, die in Wohngruppen leben, bricht in Zeiten der Corona-Krise ihre sonst so wichtige gesellschaftliche Teilhabe größtenteils weg (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe)

Keine Schule, keine Freunde, keine Hobbys: Kinder haben es in der Corona-Krise schwer. Umso mehr jene, die sich nicht auf ein intaktes Elternhaus stützen können. Wohngruppen-Leiterin Christiane Dröge erzählt aus ihrem neuen Alltag.

Das Leben von Kindern und Jugendlichen änderte sich in der Corona-Krise von einem Tag auf den anderen. Wie kommen Kinder damit klar, die nicht in einem intakten Elternhaus leben? Christiane Dröge leitet seit 14 Jahren eine Wohngruppe für Kinder und Jugendliche. Zurzeit betreuen sie und ihre Kollegen sechs Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Die Geschichte von Christiane Dröge hat die SZ über diese Umfrage erreicht, in der auch Sie Ihre Gedanken und Erlebnisse teilen können. Im kollektiven Tagebuch der Corona-Krise veröffentlicht die SZ seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer wieder Zuschriften, Videos und Sprachnachrichten von Leserinnen und Lesern.

SZ: Frau Dröge, wie hat die Corona-Krise Ihr Leben verändert?

Christiane Dröge: Die Corona-Krise hat unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. Unsere Kinder können nicht in die Schule gehen und mussten auch die meisten Freizeitaktivitäten einstellen. Sie können nicht mehr zum Fußball oder zum therapeutischen Reiten. Wir können keine Ausflüge mehr machen. Gott sei Dank haben wir ein großes Haus mit Garten. Aber leider stoßen wir auf wenig Verständnis. Unsere Nachbarn beschweren sich, wenn die Kinder im Garten spielen. Ein Nachbar hat sogar die Polizei gerufen, weil unsere Kinder angeblich zu laut waren. Ich habe da schon mal gefragt: "Denken Sie, wir sind freiwillig den ganzen Tag hier?" Ich merke dann immer, wie wenig sich die Menschen in die Situation anderer hineinversetzen können.

Viele Eltern beklagen, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise keine große Rolle spielen...

Es wird da ein gesellschaftliches Problem deutlich, das auch vor Corona schon bestand: Kinder sind häufig nicht willkommen. Bei Kindern wie unseren ist das besonders stark ausgeprägt. Das ist nichts Neues für uns. Als wir die Wohngruppe gegründet haben, haben Nachbarn Unterschriften gesammelt, weil "solche Kinder" in einer guten Wohngegend nichts zu suchen hätten. Wenn ich von meinem Beruf erzähle, sagen Leute auch häufig: "Ah, Du arbeitest mit schwer erziehbaren Kindern?" Dabei sind die nicht "schwer erziehbar". Sie sind nur unter richtig schwierigen Bedingungen ins Leben gestartet und versuchen, trotzdem zurecht zu kommen. Unsere Kinder sind Kämpfer.

Welche Probleme haben die Kinder, die Sie betreuen?

Unsere Kinder haben alle Eltern, die sich nicht um sie kümmern können. Nicht, weil sie keine Lust haben, sondern weil sie selbst große Probleme haben, zum Beispiel psychisch krank sind, ein Suchtproblem haben oder mit Traumata kämpfen. Wir arbeiten mit ihnen sehr eng zusammen und ich muss sagen: Ich finde unsere Eltern alle toll. Sie wollen das Beste für ihre Kinder - und das bedeutet in ihrem Fall leider, dass sie nicht zuhause leben können. Uns ist es aber wichtig, dass sie regelmäßigen Kontakt haben.

Christiane Dröge

Christiane Dröge, 52, leitet seit 14 Jahren eine Wohngruppe für Kinder und Jugendliche.

(Foto: privat)

Worin besteht Ihre Aufgabe in der Wohngruppe?

Die Kinder sind oft in der Entwicklung weit zurück, schulisch, aber auch sonst. Einige sind sehr zurückgezogen, andere aggressiv, häufig gegen sich selbst. Bei uns lernen sie zum einen ganz basale Dinge: Essen mit Löffel und Gabel, richtiges Zähneputzen. Einige unserer Kinder waren mit ihren Eltern noch nie beim Zahnarzt. Sie erleben auch hier zum ersten Mal einen strukturierten Tagesablauf: morgens aufstehen, gemeinsam frühstücken, zur Schule gehen und andere Dinge, die in anderen Familien normal sind. Viele Kinder gehen mit uns zum ersten Mal in ihrem Leben in den Zoo oder ins Restaurant. Sie treiben auch regelmäßig Sport. Gesellschaftliche Teilhabe ist für Kinder enorm wichtig. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie ist das nun alles weggebrochen.

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Wie haben die Kinder darauf reagiert?

Für unsere Kinder war es zu Beginn sehr schwierig. Kinder, die in ihrem Leben wenig Orientierung, Strukturen und Verlässlichkeit erfahren haben, gewinnen durch den stabilen Rahmen der Wohngruppe und die überschaubare Alltagsstruktur Sicherheit. Die muss aber durch ständiges Erleben immer wieder bestätigt werden. Anfänglich haben sie sich über den unerwarteten Schulausfall gefreut. Als sie aber realisierten, dass ihnen immer mehr Möglichkeiten genommen wurden, ihren normalen Alltag zu leben, waren sie verunsichert, traurig, manchmal auch wütend. Wir haben dann sehr schnell eine neue Tagesstruktur geschaffen, in der die Kinder sich orientieren konnten. Home Schooling gab es vom ersten Tag, aber auch die Medien durften sie länger nutzen als die sonst üblichen 30 Minuten am Tag.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Wir arbeiten im Zwei-Schicht-System, immer drei Leute für 14 Tage, die sich möglichst nicht begegnen. Vor allem das Home Schooling bringt uns schon an unsere Grenzen. Wir sind ja keine Lehrerinnen, erst recht keine für Kinder mit Förderbedarf. Wir sind manchmal zehn Stunden nur mit Schulsachen beschäftigt. Wir versuchen auch weiterhin Ausflüge zu machen. Zu Beginn sind wir samstagmorgens mit den Kindern noch joggen gegangen. Und obwohl wir Abstand gehalten haben, haben Passanten uns schräg angeschaut, uns hinterher gezischt: "Unverantwortlich!" Seitdem fahren wir immer weit raus. Eine unserer Mitarbeiterinnen wohnt auf dem Land, sie hat Pferde. Allerdings kann ich nicht jeden Tag mit einer Gruppe Kinder kilometerweit in die Pampa fahren.

Bekommen Sie viel Unterstützung von außen, zum Beispiel dem Jugendamt, der Schule?

Leider haben wir in der Corona-Krise wenig Hilfe von außen bekommen, vor allem zu Beginn. Ich will da aber niemandem einen Vorwurf machen, es ist eben eine nie dagewesene Situation, alle waren überfordert. Auch die Mitarbeiter im Jugendamt, die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten nun im Home Office, müssen sich komplett umstellen.

Wie geht es den Kindern nun nach einigen Wochen Lockdown?

Eigentlich sind sie inzwischen recht entspannt. Wir haben auch Glück, dass sie sich gegenseitig Gesellschaft leisten können, alle in einem ähnlichen Alter sind. Ihnen fehlen allerdings ihre Hobbys, der Sport, die Ausflüge, die Freunde. Und sie vermissen natürlich ihre Eltern, mit denen sie zurzeit nur telefonieren dürfen. Wir haben das Glück, dass alle Eltern sehr verständnisvoll und besonnen auf die Situation reagiert haben. Ich bin selbst Mutter. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte mein Kind wegen einer Pandemie über Wochen oder Monate nicht sehen - ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Unsere Kinder und ihre Eltern verdienen größten Respekt!

© SZ/ick
Teaser Kollektives Tagebuch

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