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Italien:Paten auf Heimurlaub

Pasquale Zagaria, Mafiaboss, Polizeifoto von ca. 2012

Pasquale Zagaria, genannt "Bin Laden", gilt als das "wirtschaftliche Gehirn" des brutalen Kartells der Casalesi. Wegen Corona darf er nun raus aus der Einzelhaft, zurück zu Frau und Kindern.

(Foto: Polizei/Polizei)

Hausarrest statt Haft: Dank Corona dürfen Mafia-Bosse überraschend zu ihren Familien zurück. Staatsanwälte sind entsetzt.

Von Oliver Meiler, Rom

Von Pasquale Zagaria aus Casapesenna bei Neapel, 60 Jahre alt, heißt es, er sei früher das "wirtschaftliche Gehirn" des brutalen Kartells der Casalesi gewesen. Wie jeder Boss von einer gewissen Bedeutung trägt auch er einen Spitznamen, damit man sofort weiß, von wem die Rede ist, schließlich stammen ja die meisten Mitglieder eines Clans jeweils aus derselben Familie. In seinem Fall entschied man sich für "Bin Laden". Seit 2007 sitzt er in Einzelhaft im Gefängnis von Sassari auf Sardinien, festgehalten wird er nach dem Haftregime des sogenannten "41bis", dem wohl härtesten in der westlichen Welt. Reserviert für die großen Fische. Seine Haftstrafe läuft 2025 ab. Eigentlich.

Nun darf Pasquale Zagaria, Bruder von Clanchef Michele, aber raus aus der totalen Isolation und für fünf Monate in den Hausarrest zu Frau und Kindern. Das Gericht in Sassari, das über die Haftbedingungen der Insassen befindet, ist zu dem Schluss gelangt, dass dem krebskranken Zagaria der Aufenthalt in der Anstalt nicht mehr zuzumuten sei - jetzt, da er auch noch riskiere, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Das örtliche Gefängnis sei dafür nicht ausgerüstet, und eine Alternative habe man nicht finden können.

Die Hafterleichterung für den Boss hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, in der Politik wie in der Zivilgesellschaft, zumal sie nicht die erste ist. Nach Hause durften davor schon der Sizilianer Francesco Bonura, 78, von Cosa Nostra, sowie Vincenzo Iannazzo, 66, ein Boss der kalabrischen 'Ndrangheta. Beide sind schwer krank.

"Ich kann es gar nicht fassen", sagte etwa der berühmte neapolitanische Staatsanwalt Catello Maresca, der die Familie Zagaria einst ausgehoben hatte. "Man lässt zu, dass sich der Clan wieder zusammensetzt." Er hoffe nur, dass der Staat die Personen schütze, die von der Mafia bedroht würden. Giorgia Meloni, die Chefin der Oppositionspartei Fratelli d'Italia, sagte es so: "Das ist eine Schande, und Premier und Justizminister rühren keinen Finger."

Von 61 000 Häftlingen kam fast ein Zehntel frei

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. In Italien entscheiden die Strafvollstreckungsrichter in den sogenannten "Tribunali di sorveglianza" darüber, wem Hafterleichterungen eingestanden werden und wem nicht, natürlich im Rahmen der herrschenden Gesetze. Und bei den Normen kam es nun zu einer mittleren Verwirrung. Das Gericht von Sassari berief sich im Fall von Zagaria auf ein Zirkularschreiben der nationalen Gefängnisbehörde. Diese wiederum hatte sich für ihr Schreiben am Geist eines Regierungsdekrets orientiert, und dort stand sinngemäß, dass wegen Corona in gewissen Fällen auch alternative Strafen infrage kämen. Die notorisch überbelegten Gefängnisse sollten nicht zu Infektionsherden werden - von 61 000 Häftlingen kamen in den vergangenen zwei Monaten etwa 6000 frei. Ausgenommen bleiben sollten Mafiosi, so stand es im Dekret. Zur Verwunderung der Regierung war dieser Passus im Zirkularschreiben der Gefängnisbehörde aber nicht mehr drin.

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Und so wurden reihenweise Anwälte vorstellig, die für ihre Klienten aus der Mafia Hafterleichterung beantragten. Alle sollen sie krank sein. Im Fall von Nitto Santapaola, dem Oberboss der Mafia in Catania, 81, wies das Gericht von Mailand, wo er einsitzt, das Bestreben aber ab. Die Richter begründeten ihre Weigerung damit, dass die Einzelhaftzelle nach Regime "41bis" der sicherste Ort überhaupt sei: Da stecke er sich ganz bestimmt nicht mit dem Virus an.

In Sassari befanden sie anders. Besonders absurd erscheint der Entscheid vielen vor allem deshalb, weil "Bin Laden" Zagaria nicht etwa nach Casapesenna kommt, wo es kaum Covid-19-Fälle gibt. Sondern in eine Kleinstadt bei Brescia im Norden Italiens, wo seine Frau und Kinder leben, mitten in der "Zona rossa", der roten Gefahrenzone der Seuche.

© SZ vom 27.04.2020/mpu
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