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Coronavirus in Italien:"Entschuldigung, aber ich muss weinen"

Coronavirus: Särge in einer Kapelle in Bergamo

Särge stehen in einer Kapelle in Bergamo, bevor sie ins Krematorium gebracht werden.

(Foto: AFP)
  • Die Stadt Bergamo muss Särge mit Toten aus der Stadt bringen lassen, weil die Leichenhäuser überfüllt sind.
  • Die norditalienische Region Lombardei ist besonders schwer von der Coronavirus-Pandemie betroffen.
  • Viele Mitarbeiter der Krankenhäuser haben sich angesteckt.

Dramatische Aufnahmen aus dem italienischen Bergamo von Mittwochabend zeigen, wie hart die Folgen der Coronavirus-Pandemie Städte treffen können. Auf den Videos aus dem Zentrum der Stadt ist zu sehen, wie eine Kolonne von Militärtransportern Särge mit Toten aus der dunklen Stadt bringt. Ein Armeesprecher bestätigte am Donnerstag, dass 15 Laster und 50 Soldaten nach Bergamo abkommandiert wurden, um Särge in benachbarte Provinzen zu transportieren. Medien berichten gar von 60 Särgen.

Die Leichenhäuser in Bergamo sind überfüllt, Särge müssen in Kirchen zwischen Gebetsbänken und dem Altar gelagert werden. Allein am Mittwoch kamen in Italien 475 Menschen durch das Coronavirus ums Leben, 300 davon in der Lombardei, in der auch Bergamo liegt. Die von der Pandemie am stärksten betroffene Region des Landes ist im Kampf gegen das Virus an ihren Grenzen angelangt.

Auf Twitter kursieren neben dem Foto der sich stauenden Militärtransporter auch Aufnahmen von aufgereihten Holzsärgen in provisorischen Zelten oder Kirchen. Weil der Platz nicht reicht, sind die Särge sogar übereinandergestapelt. Die Bilder führen vielen das Ausmaß der Krise in Italien mit Schrecken vor Augen. "Es bricht mir das Herz und ich habe Angst. Angst, dass wir so etwas noch häufig sehen werden", teilt zum Beispiel eine Twitter-Nutzerin mit.

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In einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung schreibt die in der Region Venetien lebende Leserin Birgit Bortoluzzi: "Entschuldigung, aber ich muss gerade wieder weinen, denn sie bringen Särge in die Krematorien, da die Leichenhalle von Bergamo seit Tagen nicht mehr in der Lage ist, die Opfer von Covid-19 aufzunehmen."

Auch Papst Franziskus zeigte sich angesichts der miserablen Zustände in Bergamo tief betroffen. "Er hat mich gebeten, allen seinen tröstenden Segen zu überbringen, der Gnade, Licht und Stärke bringt", zitiert Vatican News den Bischof des Bistums Bergamo, Francesco Beschi. Der Gesundheitsbeauftragte der Lombardei, Giulio Gallera, erklärte, die Krankenhäuser von Bergamo stünden unter "großem Druck". Patienten müssten auf umliegende Kliniken verteilt werden. Der Bau von Feldkrankenhäusern soll die Lombardei entlasten - doch Ärzte und das Krankenhauspersonal sind längst überfordert. "Die Spitäler sind am Ende der Kräfte", so Gallera. Die Kliniken müssen auf Militärkrankenschwestern, Auszubildende und Apotheker zurückgreifen. Auch Regierungen anderer Länder unterstützen die Region bereits.

Der Bürgermeister vergleicht Kliniken mit "Schützengräben"

Der Bürgermeister von Bergamo bewertet die Lage in seiner Stadt als "sehr kritisch". Im Interview mit dem Spiegel sagte Giorgio Gori mit Blick auf die Krankenhäuser: "Es ist erschütternd, was Freunde, die dort fast wie im Schützengraben arbeiten, erzählen. Sie arbeiten rund um die Uhr, ohne zu schlafen. Leider haben sich viele angesteckt und sind jetzt krank zu Hause." Das Personal sei nicht ausreichend geschützt. Es gebe alte Menschen, denen man nicht mehr helfen könne.

Italien ist das am stärksten vom Coronavirus betroffene Land in Europa. Laut Zahlen der Johns-Hopkins-Universität gibt es derzeit mehr als 35 700 Infizierte, fast 3000 sind bereits an der Lungenkrankheit gestorben. Am Donnerstag erklärte Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte, dass die strikten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wie Laden- und Schulschließungen sowie die Ausgangssperren für die Bürger über ihre bisherigen Fristen verlängert würden. Derzeit ist nicht abzusehen, wann der Höhepunkt der Ansteckungswelle erreicht sein könnte.

© SZ.de/mane
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