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Gesten in Corona-Zeiten:Schöne neue Ellbogengesellschaft

Britain's Prime Minister Boris Johnson bumps elbows with cyclist Robert Cleave the Canal Side Heritage Centre in Beeston

Der britische Premier Boris Johnson begrüßt einen Radfahrer. Natürlich mit dem Ellbogen.

(Foto: Reuters)

Merkel tut es und Johnson auch: Lange stand der Ellbogen für Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Nun hat ihn Corona zum Liebling unter den Körperteilen gemacht.

Von Ania Kozlowska

Der Ellbogen hat es nicht leicht. Er stand lange Zeit ausschließlich für Schmerz: wenn man ihn vom Gegner in die Rippen gerammt bekam, man sich durch Überlastung einen Tennis- oder Golferellbogen zugezogen hatte oder in einem unglücklichen Moment den Musikantenknochen zu spüren bekam. Oder er stand sinnbildlich für Rücksichtslosigkeit, Egoismus und knallhartes Durchboxen. 1982 wurde "Ellbogengesellschaft" zum Wort des Jahres gekürt. Der Tiefpunkt für den Ellbogen.

2020 könnte das Jahr der Wende für den Ellbogen sein. Plötzlich ist er der Star unter den Körperteilen: Er ist ganz soft geworden. Ja, sogar zutraulich. Wer ihn nun zur Begrüßung ausstreckt, will sagen: Schön, dass du da bist, aber lass uns vernünftig bleiben. Lass uns Verantwortung füreinander übernehmen. Wenn das mal nicht ein neuer Ellbogen zum Verlieben ist?

Sein guter Ruf geht auch mit seiner neu entdeckten Vielfalt Hand in Hand: Der coronageplagte Mensch nutzt ihn zur Begrüßung, als perfekte Nieskuhle und als praktischen Ort, um die Maske zu befestigen, die er ja eh ständig vergisst. Er steht nicht mehr für eine Gesellschaft, in der sich die Leute gegenseitig aus dem Weg rempeln, sondern für Menschen, die sich füreinander aufopfern und sich zum Schutz der anderen freiwillig den Arm abschnüren. Keine Frage, die neue Ellbogengesellschaft ist eine willkommene Entwicklung. Und der Ellbogencheck eine gute Geste im Vergleich zum holprigen Fußcheck oder kindlichen Faustgruß.

Doch diese neue Gesellschaft ist noch jung und braucht etwas Zeit, um sich zu etablieren. Das "Hau ab!", das der Ellbogen lange impliziert hat, wird noch eine Weile verankert bleiben. Und das ist auch gut so - denn wer will schon in einer Gesellschaft leben, in der eine herzliche Umarmung weniger wert ist als ein Ellbogencheck?

© SZ/nas

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