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SZ-Kolumne "Alles Gute":Endlich ein Wirkstoff!

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Nach Monaten kultureller Ödnis wieder Musik live zu hören, klingt gut. Aber was dann passiert, fühlt sich eher an wie eine Welle, mit der man nicht gerechnet hat. Und die einen überrollt.

Von Mareen Linnartz

Es ist einer dieser Abende, für die man den Sommer so liebt. Weich weht der Wind, die Stadt kühlt ab, Skateboarder mit Segeln brettern über den Asphalt, in der anbrechenden Dunkelheit spielen ein paar Leute unter Gejohle Tischtennis, irgendwo trabt eine Jogging-Gruppe. Seit das Oktoberfest abgesagt ist, ist die Theresienwiese im Herzen Münchens zu neuem Leben erwacht.

Wir sitzen, mit Abstand, auf klapprigen Stühlen unter freiem Himmel vor einer improvisierten Bühne. Wäre man nicht verabredet gewesen, wäre man schon mal nicht hier: leicht hämmerndes Kopfweh. Seit Jahren gehen wir zu viert überall hin, wo es lustig, schräg, anregend, schön ist, Konzerte in kleinen Kellern, Theaterstücke auf großer Bühne, Lesungen in irgendwelchen Hinterzimmern. Will einer kneifen, sagen die anderen im Chor: "Komm, besser als auf der Couch wird es bestimmt!" Nach Monaten kultureller Ödnis wieder Musik live zu hören, klingt gut. Aber was dann passiert, fühlt sich eher an wie eine Welle, mit der man nicht gerechnet hat. Und die einen überrollt.

Man nennt das wohl Autosuggestion: sich etwas so lange einzureden, bis man es wirklich glaubt. So war das die vergangenen Wochen, Monate gewesen, als man mit einer gewissen Überzeugung verkündete: Fehlt mir eigentlich kaum, meine Eltern und Freunde nicht zu umarmen. Nicht mehr in der Dunkelheit in einem Kinosaal zu sitzen, keine Stimme einer Sängerin hören, von Nahem die Mimik eines Schauspielers zu sehen - echt weniger schlimm als befürchtet! Und so hat man sich langsam heruntergedimmt und mit irgendwelchen digitalen Ersatzhandlungen die Sehnsucht danach gemildert, bis man nicht mehr wusste, dass man sie jemals hatte.

Aber dann steht auf dieser Freiluftbühne an diesem Sommerabend diese zarte Frau im hellblauen Hemd vor ein paar Hanseln und singt einfach so. Und es haut einen um.

Schon eine sehr schöne Stimme - aber warum macht es so melancholisch, rührt es einen maximal? Vielleicht einfach: Weil man eine Ahnung bekommt, was doch alles fehlt. Was auf keinen Fall verloren gehen darf, auf dem Weg in eine irgendwie geartete neue Normalität. Es ist ja gut und richtig, sich und anderen zu zeigen, was alles geht, wenn nicht mehr alles geht: Ich kann verzichten, mich zusammenreißen, ich helfe mit, das Virus in Schach zu halten. Aber hier, in diesem Moment, hat der Kopf plötzlich Pause, erfüllt einen ein Gefühl von Losgelöstheit, sind Zahlen und Statistiken und mögliche Impfstoffe verflogen, einfach so.

Nein, nicht einfach so: Jemand hat gesungen. Und man hat nur zugehört. Und es hat gewirkt. Auch eine Form von Therapie.

Wir ziehen wieder die Masken auf, geben das Bier zurück, folgen den auf den Boden markierten Pfeilen, um ordnungsgemäß aus dem Zuschauerbereich zu gelangen. Die Zahlen, sie steigen, das hier war kein normales Konzert, der Herbst wird zugig werden, da braucht man sich nichts vorzumachen. Aber hinter einem läuft jemand und summt.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/moge
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