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Großbritannien:Die Einsamkeit des Beschatters

The streets of downtown London are near empty after Prime Minister Boris Johnson imposed a national lockdown from the r

So leer waren die Straßen in London im März: Auch wenn das nicht der Dauerzustand ist, tun sich die Geheimdienstmitarbeiter nun schwerer als noch vor einem Jahr.

(Foto: Hugo Philpott/Imago Images/UPI Photo)

Corona verändert auch die Arbeit der Geheimdienste. Der MI5-Chef klagt jetzt, dass leere Straßen für seine Agenten eine große Herausforderung sind.

Von Alexander Menden

Das Motto des britischen Security Service ist zugleich eine stete Mahnung des Inlandsgeheimdienstes an sich selbst: "Regnum defende" - Verteidige das Königreich. Aber auch den MI5 - unter diesem Kürzel ist der Dienst besser bekannt - stellt die Pandemie vor ungeahnte Herausforderungen.

Im vergangenen März etwa richteten sich seine Verteidigungsbemühungen nicht nur gegen Staatsfeinde und Spione, sondern auch gegen eine gänzlich neue Bedrohung: das Coronavirus. Eine Reihe medizinischer Mitarbeiter, darunter Ärzte und Krankenschwestern, die normalerweise exklusiv für den MI5 arbeiten, wurden temporär für den Nationalen Gesundheitsdienst NHS freigestellt, um in den überlaufenen Intensivstationen auszuhelfen.

Verändert hat sich aber auch das Kerngeschäft des Dienstes, zu dem das klassische Beschatten verdächtiger Personen gehört. Eine besondere Herausforderung seien etwa die neuerdings entvölkerten Straßen, sagte der aktuelle MI5-Chef Ken McCallum, der sein Amt während des britischen Corona-Lockdowns antrat. Er könne nicht ins Detail gehen, sagte McCallum, aber "der gesunde Menschenverstand" verrate ja jedem, "dass verdeckte Überwachung auf fast leeren Straßen nicht einfach" sei.

Nach dem - von vielen medizinischen Experten im Land als verspätet kritisierten - Lockdown im März waren die Innenstädte, ähnlich wie in anderen Ländern, wochenlang wie ausgestorben. Die Londoner U-Bahn fuhr nur mit einem Bruchteil ihrer üblichen Kapazität.

Mitarbeiter müssten "große Fantasie" zeigen

Aber noch etwas anderes erschwert die Überwachung gefährlicher Personen: "Die großen Veränderungen im Leben aller - weniger Reisen, die Verlagerung auf online und so weiter - bedeuten auch Veränderungen in der Arbeitsweise unserer Gegner", sagte McCallum weiter. "Weniger Menschenmengen bedeuten, dass Terroristen andere Ziele anpeilen. Unsere Mitarbeiter zeigen großes Engagement und große Fantasie, um weiterhin unserem Land dienen zu können." Zugleich bat er um Verständnis dafür, dass er auf die genaueren Herausforderungen nicht detaillierter eingehen könne.

Bereits McCallums Amtsvorgänger Andrew Parker hatte eingeräumt, dass aufgrund der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen auch die Bewegungsfreiheit potenzieller Gefährder zeitweise eingeschränkt gewesen sei. Prinzipiell bleiben die inneren Bedrohungen laut McCallum jedoch auch unter Corona-Bedingungen die gleichen - vor allem islamistischer und zunehmend auch rechtsextremer Terror. Die notwendigen Reaktionszeiten seien kürzer geworden, da immer mehr Terroristen Angriffsmethoden wählten, die nur sehr wenig Vorbereitung erforderten. Nun ist anscheinend durch die Pandemie die persönliche Überwachung zusätzlich erschwert.

Wie in vielen anderen europäischen Ländern sind auch in Großbritannien die Massen auf die Straßen zurückgekehrt. Was wiederum erneut zu einem steilen Anstieg der Zahl der Erkrankten führt - am Montag wurden annähernd 17 000 Neuinfektionen gemeldet. Obwohl einige Verwirrung herrscht, was die Corona-Strategie des Premierministers Boris Johnson angeht, wird ein erneuter Lockdown immer wahrscheinlicher. Es könnte also durchaus sein, dass der MI5 seine Überwachungstaktiken für spärlich besuchte Innenstädte demnächst wieder verstärkt wird einsetzen müssen.

© SZ/mpu
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