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SZ-Kolumne "Alles Gute":Corona statt Courier

Agassi

Tennisgrößen wie Andre Agassi (hier im Jahr 1990) hat unser Autor seit jeher zu imitieren versucht.

(Foto: AP)

Unser Autor liebte schon als Kind Tennis und die alten Helden. Seine Frau konnte alldem nichts abgewinnen. Doch neuerdings spielen sie die Bälle gemeinsam übers Netz - oder heißt das Zaun?

Von Martin Wittmann

Meine Frau und ich spielen oft zusammen Tennis. Wir haben damit kurz nach der Öffnung der Plätze im Frühjahr begonnen, das war der 11. Mai, das einzige konkrete Datum des ersten Shutdowns, das mir im Gedächtnis geblieben ist. Im Sommer schwitzten wir auf Sand, im Herbst gingen wir bei sechs Grad noch draußen auf den Platz und in diesen Tagen nutzen wir, so oft es geht, die Tennishallen, die zum Glück offen bleiben dürfen. Der Belag dort ist härter, schön langsam tun die Beine weh. Wir überspielen die Krise, wir überspielen unsere Knie.

Wir stehen zusammen auf dem Platz, aber wir betreten ihn aus zwei völlig unterschiedlichen Richtungen. Ich bin mit Tennis aufgewachsen, im popkulturellen wie im sportlichen Sinn. Als Kind habe ich Jim Courier und Gabriela Sabatini bewundert, Boris Becker und Steffi Graf sowieso, ich kann mich an Michael Changs Aufschlag von unten gegen Ivan Lendl erinnern und an Andre Agassis Radlerhose. Bevor ich selbst einen Schläger in die Hand nehmen durfte, wusste ich alles, was es über Tennis zu wissen gibt.

Von meinem ersten Ballwechsel an war ich unzulänglicher Imitator der Idole, und das werde ich auch bleiben bis zu meinem letzten. Je älter Freizeitsportler werden, desto lächerlicher wird ihr Versuch, dem kindlichen Anspruch näher zu kommen: so zu spielen wie die Menschen im Fernsehen. Frieden mit dem eigenen Spiel zu schließen, ist nicht vorgesehen.

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Meine Frau hat nie Tennis geschaut. Sie findet die Bedeutung, die dem Profisport in der Gesellschaft (und bei uns daheim im Wohnzimmer) zukommt, ziemlich albern. Und sie hatte auch noch nie einen Schläger in der Hand, bis im Frühjahr eben der Shutdown die Möglichkeiten einschränkte, überhaupt Sport zu machen. Dann hat sie es halt mal ausprobiert. Ich bin über Courier zum Tennis gekommen, sie über Corona.

Jetzt stehen wir zusammen auf dem Platz, getrennt nur vom Netz, oder wie sie sagt: dem Zaun. Die Vorhand nennt sie Vorderhand, statt Aus ruft sie Außen, und einmal fiel im Gespräch über die großen Turniere das Wort Manege, vermutlich, weil sie den ganzen Grand-Slam-Zirkus eben mit einem Zirkus assoziiert. Die Akrobaten und die Clowns und die Direktoren interessieren sie freilich null. Da steht kein Vorbild unsichtbar mit auf dem Platz, da gibt es keinen Kampf zu führen, keinen Frieden zu schließen. Meine Frau macht, was ich nie konnte: einfach Sport.

Und wenn sie so weitermacht und weiter besser wird, spielen wir bald nicht mehr miteinander Tennis. Sondern gegeneinander.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/moge/nas
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