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Sicherheitsdienste und Corona:Dein Freund und Bewacher

Heiko Reitner (Zweiter von rechts) und sein Team sorgen seit gut einer Woche dafür, dass kein Infizierter die beiden Häuser in Emsdetten verlässt.

(Foto: Alexander Menden)

Weil die Mitarbeiter der Kommunen überlastet sind, kontrollieren vielerorts private Sicherheitsdienste die Einhaltung der Corona-Quarantäne. Ein Besuch in Emsdetten, wo der Aufpasser auch mal um ein Bier gebeten wird.

Von Alexander Menden, Emsdetten

Der Lockdown habe ihm große Sorgen bereitet, gesteht Heiko Reitner. Allerdings nur für sehr kurze Zeit: "Wir arbeiten als Sicherheitsdienst mit einer Kette von Elektronikfachgeschäften zusammen", sagt der Gründer und Chef der Detektei Reitner & Sicherheitsdienste GmbH in Bad Oeynhausen. "Als die im März zugemacht haben, dachte ich: 'Und jetzt?'" Doch dann hätten sofort Supermärkte bei ihm Personal angefragt, das Einkaufswagen desinfizieren und überwachen sollte, dass nicht zu viele Kunden gleichzeitig die Filialen betraten. Die Auftragslage sei nicht trotz, sondern wegen Corona sehr gut, sagt er.

Reitner, 54, hochgewachsen, schlank, hat sich zum Gespräch in einer wenig idyllischen Sackgasse unweit eines Gewerbegebiets im westfälischen Emsdetten eingefunden. Zwei seiner Angestellten, gekleidet in schwarze Dienstmontur, beobachten hier seit gut einer Woche zwei Häuser, immer von sieben bis 23 Uhr. Auch diesen Auftrag hat Reitner, dessen Unternehmen 65 Festangestellte beschäftigt, der Pandemie zu verdanken: Die Bewohner der Häuser sind Arbeiter aus einem örtlichen Fleischbetrieb. Dort gab es am 24. September einen Covid-19-Ausbruch. Die Belegschaft wurde in Quarantäne geschickt.

Doch es erwies sich als schwierig zu überwachen, ob diese Quarantäne auch eingehalten wird. Immer wieder gab es Hinweise von Nachbarn, dass Bewohner die Häuser verlassen, beispielsweise um einkaufen zu fahren. Da das Emsdettener Ordnungsamt zu wenig Personal für eine ständige Beobachtung der Häuser hatte, engagierte die Stadt Heiko Reitner. Dessen Firma hatte bereits einschlägige Erfahrungen bei der Sicherung eines Corona-Fieberlazaretts im nahegelegenen Kreis Steinfurt gemacht, in dem nach dem Ausbruch bei Tönnies im Juni infizierte Arbeiter freiwillig ihre Quarantäne verbringen konnten. Die Übernahme von Aufgaben, für die sonst städtisches Personal zuständig wäre, durch private Firmen hält der Detektei-Chef für unproblematisch: "Wir sagen ja einfach nur Bescheid, damit die Stadt dann aktiv werden und zum Beispiel Bußgelder verteilen kann."

Der Brief vom Gesundheitsamt dient als Passierschein

Tatsächlich sind die Aufgaben des Sicherheitsdienstes genau umrissen: Die Mitarbeiter sollen jeden, der die betreffenden Häuser besuchen will, auf die Corona-Infektionen der Bewohner hinweisen und sicherstellen, dass niemand hineingeht, der dort nicht wohnt. Außerdem gleichen sie die Personalien aller Bewohner, die die Häuser verlassen, mit einer ständig vom Gesundheitsamt aktualisierten Liste ab. Jeder, der infektionsfrei ist, bekommt einen Brief vom Gesundheitsamt, der als eine Art Passierschein fungiert. Wer eigentlich noch unter Quarantäne steht und trotzdem das Haus verlässt, wird dem Ordnungsamt gemeldet.

Selbst eingreifen dürfen die Sicherheitsleute nicht. An diesem Montag endet die ursprünglich festgesetzte Quarantänezeit, und die Stadt Emsdetten wird entscheiden, ob sie den Einsatz der Sicherheitsfirma beendet oder verlängert.

Der Einsatz in Emsdetten ist exemplarisch für ein Phänomen, das auf absehbare Zeit Teil des deutschen Alltags sein wird. Gerade hat Baden-Württembergs Gemeindetagspräsident Roger Kehle einen "Pakt für kommunale Ordnungsdienste" vorgeschlagen. Schon jetzt seien in vielen Rathäusern Mitarbeiter bis an die Grenze des Möglichen belastet. Daher sollen zertifizierte Sicherheitsdienste verstärkt mit Kontrollen, beispielsweise bei der Einhaltung von Hygienevorschriften, beauftragt werden. Dieses Vorgehen sei sinnvoller, als zusätzliches Personal fest anzustellen, das man nach der Pandemie nicht mehr benötigen werde. Zahlen sollen Bund und Länder.

Für die Sicherheitsbranche, die insgesamt etwa 260 000 Menschen beschäftigt, ist das auf den ersten Blick eine gute Nachricht, denn Auftraggeber, die unter normalen Bedingungen wichtige Standbeine bilden, haben merklich unter Corona gelitten: Flughafen-Security ist um etwa die Hälfte geschrumpft. Veranstaltungsschutz, etwa bei Fußballspielen oder Konzerten, wird derzeit so gut wie gar nicht benötigt. Selbst der Sicherungsbedarf bei der Bestückung von Geldautomaten ist im Zuge der verstärkten bargeldlosen Zahlung zurückgegangen.

Sicherheitskontrolle am Flughafen München, 2020

In den Flughäfen herrscht, wie hier in München, Leere. Das Geschäftsfeld "Flughafen-Security" ist um die Hälfte geschrumpft.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Wegfall dieser Einnahmen würde durch die gestiegene Nachfrage der Kommunen keineswegs ausgeglichen, sagt Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft. "Von einem Boom zu sprechen, wäre also übertrieben", sagt Olschok am Telefon. Er zieht einen Vergleich mit der Flüchtlingskrise 2015: "Damals ist unser Umsatz um 40 Prozent gestiegen. Da übernahmen unsere Verbandsmitglieder in den Flüchtlingsunterkünften eine Mischung aus Hausmeister- und Bewachungsaufgaben." Das sei tatsächlich ein Boom gewesen, wenn auch ein "völlig ungesunder".

Einmal fragten sie, ob er ihnen Bier kaufen könne

Bei den Fähigkeiten, die gefragt sind, handelt es sich bei Corona-Überwachungen allerdings bei den meisten Einsätzen um dieselben wie sonst auch: "Sie müssen mit Menschen umgehen können", sagt Olschok. Eine Einschätzung, die auch Paul Diring bestätigt, der in Emsdetten den Einsatz der Sicherheitsfirma leitet: "Wenn die Leute erkennen, dass man auf einer persönlichen Ebene gut mit ihnen umgeht, macht das die Arbeit leichter", sagt er. "Es hilft auch, dass ich Polnisch spreche. Die Arbeiter in dem Haus da drüben" - er zeigt auf ein benachbartes, weiß getünchtes Gebäude - "können nur Polnisch. Ich kann ihnen Dinge genau und in Ruhe erklären, und es gibt keine Missverständnisse." Probleme mit den Bewohnern habe es nie gegeben.

Eine Zeit lang waren die Häuser in Emsdetten zusätzlich von Bauzäunen umgeben, eine Maßnahme der Kommune. Ein paar Mal seien die Bewohner an den Zaun gekommen und hätten gefragt, ob er ihnen etwas zu essen besorgen könne - der Proviant, für dessen Lieferung der Arbeitgeber zuständig ist, war zur Neige gegangen. "Das habe ich natürlich gemacht - nur das Bier, das sie haben wollten, habe ich nicht geholt."

© SZ/nas

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