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Corona in Frankreich:Sehnsucht nach dem grünen Bereich

Wenn man schon nicht in die Parks darf, dann soll wenigstens die Aussicht schön sein: Pariser in der Nähe des Eiffelturms.

(Foto: Michel Euler/AP)

Weil in Frankreichs Hauptstadt die Zahl der Neuinfektionen weiter hoch ist, bleiben die Parks geschlossen. Nun treffen sich die Pariser auf den Trottoirs.

Der Eiffelturm hat kalte Füße, es ist fünf Uhr am Morgen, der Moment, in dem die wilde Nacht in den braven Tag übergeht. 1968 hat Jacques Dutronc mit seinem Lied "Il est cinq heures, Paris s'éveille" die Dämmerstunde der Stadt berühmt gemacht. Es ist ein Lied, das vom Dazwischen erzählt, von dem, was man in Paris liebt. Das Nebeneinander von Geschäftigkeit und Müßiggang.

Die Pariser jammern gern über ihren Alltagstrott zwischen Arbeit und Metro, doch unter Normalbedingungen ist er selten wirklich trist. Schließlich ist immer Zeit für einen Apéro, ein gemeinsames Glas Wein mit Freunden, und die Kinder rennen vorm Schlafen noch ein paar Stunden über den Square, so heißen die kleinen Nachbarschaftsparks. Doch in diesem Frühling ist der Stadt das fein austarierte Gleichgewicht zwischen Fleiß und Freude abhandengekommen. Die Strukturen der Arbeitenden, Metro, Kinderbetreuung, Büros, haben wieder geöffnet. Die Orte, an denen man durchatmen könnte, die Parks und Freiflächen, bleiben zu.

Die Angst vor dem Coronavirus zerstört die Routinen, auch zwei Wochen nach Ende der Ausgangssperre. Auf dem Papier ist die Lage klar: Frankreich hat nun eine grüne Zone, die den Südwesten des Landes umfasst und in der das Virus als eingedämmt gilt. Und eine rote Zone, in der die Zahl der Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 immer noch als gefährlich hoch gilt. Wer im grünen Bereich lebt, darf nicht nur zum Arbeiten vor die Tür, sondern kann sich auch mal in den Park setzen. Wer in der roten Zone lebt, darf auf dem Bürgersteig auf und ab laufen, aber viel mehr ist offiziell nicht drin. Das Zentrum der roten Zone ist Paris.

Picknick auf dem Asphalt: Krise bringt Kreativität hervor.

(Foto: THOMAS COEX/AFP)

Ein Trottoir im 11. Arrondissement, nordöstliches Zentrum der Stadt, Freitagnachmittag. Menschen hören nicht auf, ihren Parkhobbys nachzugehen, nur weil es keine Parks mehr gibt. Dies gilt vor allen Dingen für Kinder. Auf dem Bordstein hocken die Eltern, auf der kleinen Freifläche zwischen zwei Fahrbahnen fahren gut zehn Kleinkinder Roller. Dazwischen malt jemand mit Kreide einen Elefanten. Ein paar Meter weiter versperrt ein Eisengitter den Zugang zu Spielplatz, Parkbänken, Bäumen und einem Stückchen Wiese: Der Square Maurice Gardette ist abgeschlossen.

Ein Restaurant verkauft Picknickkörbe-to-go mit Austern und Weißwein

Nun ist es so, dass auch Café- und Barbesucher ihr Verhalten nur bedingt ändern, wenn alle Cafés und Bars geschlossen sind. Hinter den tobenden Kindern wird Kaffee in Pappbechern verkauft, Bier zum Mitnehmen gibt es auch. Um 16 Uhr öffnet ein paar Straßen weiter außerdem das Restaurant, in dem man Picknickkörbe mit Austern und Weißwein kaufen kann, Austern aufknacken inklusive. Es wird eng auf dem Bürgersteig. Noch vor ein paar Monaten hätte dann jemand beseelt geseufzt: "Wie schön, man kommt sich näher." Inzwischen ist es eher ein: Verdammt, man kommt sich nahe.

Zu denjenigen, die das Gedränge an den Straßen gefährlich finden, gehört auch die Pariser Bürgermeisterin, die Sozialistin Anne Hidalgo. Seit dem Ende der strengen Ausgangssperre am 11. Mai fordert sie die Öffnung der Parks, den Zugang zu ein wenig Grün und Platz nennt sie "eine Frage der öffentlichen Gesundheit". Der Streit um die Parks ist so auch zu einem politischen Schaukampf geworden. Hidalgo auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Regierung. Hidalgo schlägt eine Maskenpflicht für Parks und Picknickverbote vor, um eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen. Mal ist es der Gesundheitsminister, der Nein sagt, mal der Premierminister, mal die Regierungssprecherin: Rote Zone bleibt rote Zone, und die Parks bleiben zu.

Der Konflikt bekam neue Nahrung, als vergangene Woche Frankreichs zweitgrößter Freizeitpark, das Historienspektakel Puy du Fou, die Genehmigung bekam, vom 11. Juni an wieder Gäste zu empfangen. Der Themenpark erzählt die Geschichte Frankreichs aus katholisch-konservativer Perspektive, sein Gründer ist der rechte Philippe de Villiers, der sich seiner guten Verbindung zu Emmanuel Macron rühmt. Der liberale Macron wiederum betont gern de Villiers Erfolg als Kulturunternehmer. Zwei Millionen Gäste aus ganz Frankreich empfängt Puy du Fou jeden Sommer - Macron persönlich soll sich dafür eingesetzt haben, dass es auch dieses Jahr wieder so sein wird.

Brütendes Schwanenpärchen Odette und Siegfried

Wie sehr die Pariser die Natur vermissen, zeigt sich an Odette und Siegfried: Vor das brütende Paar musste ein Absperrgitter installiert werden.

(Foto: Julia Naue/dpa)

Und so bleibt im Land der Eindruck: Wo wie viel Freizeitspaß möglich ist, hängt weniger von medizinischen Fakten denn von politischen Präferenzen ab. Am Montag teilt die Pariser Bürgermeisterin auf Twitter einen Kommentar zur Puy-du-Fou-Eröffnung: "Absurd, oder?"

Die Pariser selbst kämpfen auf ihre eigene Art für ein wenig Zeit im Grünen. Sie teilen Tipps, wo sich parkähnliche Flächen finden lassen, die nicht eingezäunt sind. Der Parc des Beaumonts in der nördlichen Banlieue ist so ein Ort. Ein großer Hügel mit Wiesen, Bäumen und Blick auf den Eiffelturm. Tagsüber spielen hier Kinder Fußball, erst am Abend dreht die Polizei eine Runde und teilt allen Anwesenden mit, dass sie ihre Picknickdecken verbotenerweise ausgebreitet haben.

Einzelne Parks wurden schon heimlich geöffnet

Wer nicht so weit rausfahren will, kann auf einen Mann hoffen, den der Parisien "José" getauft hat. In einem anonymisierten Gespräch mit dem Parisien beteuert José, er sei kein Einbrecher und habe noch nie etwas geklaut, aber seit dem Ende der Ausgangsbeschränkung hat er sich auf das Öffnen von Türschlössern spezialisiert. José hat schon den großen Parc des Buttes-Chaumont im Norden aufgesperrt und die zum Park umgewandelte Eisenbahntrasse Coulée verte. Absolut verboten. Aber José mache den Menschen "gern eine Freude". "In Paris sind die Wohnungen klein", sagt José, "die Ausgangssperre ist aufgehoben, aber wir können nichts machen, weil alles geschlossen ist."

Wie sehr die Pariser das bisschen Natur vermissen, das ihre Stadt zu bieten hat, lässt sich zur Zeit gut am Canal de l'Ourcq beobachten. Dort brütet ein Schwanenpaar, vier Schwanenkinder schwimmen schon auf dem Kanal, am Sonntag lagen noch drei Eier im Nest. Die Begeisterung für die Schwäne ist so groß, dass die Stadt Paris ein Absperrgitter zwischen Mensch und Tiere stellte. Unten nisten nun Odette und Siegfried, so die Namenswahl der Anwohner, von oben machen die Spaziergänger Fotos. Und stehen dicht gedrängt auf dem Bürgersteig.

© sz/marli/cat
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