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SZ-Serie "Alles Gute":Imagewandel des Gutscheins

(Foto: Steffen Mackert)

Gutscheine zu verschenken, das war immer eher ein Zeichen von Hilflosigkeit. Jetzt sind sie plötzlich eine große Hilfe - für jene, die die Krise besonders hart trifft.

Sie waren auch vorher schon Menschen mit Namen und Biografien und nicht nur Arbeitskräfte, Pflegepersonal, Dienstleister. Vieles hat sich pulverisiert in den vergangenen Wochen, einer der wenigen guten Effekte ist, dass sich die Definition dessen, wer die "Leistungsträger" einer Gesellschaft sind, verschoben hat. Die, die das Land gerade am Laufen halten, befüllen unermüdlich Regale, hetzen über Klinikflure, sitzen in fensterlosen Laboren.

Und die, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, für den sozialen Kitt auch so wichtig sind, drohen nun den Boden unter den Füßen zu verlieren: der Friseur, der den Kindern immer so liebevoll durch die Haare wuschelt und ganz schön dreckig lachen kann. Die Buchhändlerin, die einem auch mal freundlich von einem Bestseller abrät und stattdessen ein weniger bekanntes Werk in die Hand drückt: "Ich glaube, das gefällt Ihnen eher." Der Dönerladen-Besitzer, der in unfassbar flinken Bewegungen in unfassbar kurzer Zeit den schnellen Hunger stillen kann.

Gutscheine waren noch vor wenigen Monaten eher ein Zeichen von Hilflosigkeit: Ich mag keinen Aufwand betreiben, hier ein Stück Pappe mit geschwungener Schrift und einem noch einzulösenden Versprechen, irgendwann eine Stunde massiert zu werden/bei einem Online-Versandhändler irgendwas kaufen zu können/in einem gepriesenen Restaurant zu essen. Jedes zweite Geschenk war vergangenes Weihnachten nach Schätzungen ein Gutschein, ebenfalls geschätzter Gesamtwert: 1,7 Milliarden Euro.

"Lieblingsorte vor der Insolvenz retten"

Jetzt aber sind Gutscheine ein Mittel echter Hilfe. Schon in den ersten Tagen der Corona-Krise las man Aufforderungen auf Twitter: Unterstützt eure Lieblingsbar, eure Stammpizzeria, euren Friseursalon, kauft Gutscheine für die nächsten Monate! Aber nun sind die Läden geschlossen. Wie geht das jetzt noch?

In Berlin kann man auf der Plattform "Helfen.Berlin" Gutscheine für Clubs, Restaurants, private Museen erstehen, etwa 100 Einrichtungen sind gelistet, für andere Städte sind ähnliche Seiten geplant. Man wolle "Lieblingsorte vor der Insolvenz retten, indem wir ihnen jetzt das Geld zur Verfügung stellen, das wir sowieso in den nächsten Monaten bei ihnen ausgeben werden", heißt es auf der Homepage.

Aber auch ohne größere Plattform: Viele Buchläden, Cafés, Nagelstudios haben eigene Internetseiten, auf denen man Gutscheine erstehen kann. Manchmal sieht man nun auch Zettel an Ladentüren: Wer helfen wolle, könne unter folgender E-Mail-Adresse Geld über Paypal überweisen und bekomme dann einen Gutschein über den Wert zugeschickt.

Der Gutschein ist das wahre Wertpapier in der Corona-Krise. Er ist nicht nur eine direkte Unterstützung - sondern auch eine indirekte Geste: Wir denken an euch. Nicht auch jetzt, sondern: besonders jetzt.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten.

© SZ/nas
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