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Corona und Kirche:Der Heilige Geist ist ein Superspreader

Choristers of St Paul's Cathedral practice in the choir stalls of the cathedral in the City of London

Mit Herz und Mund: Gesang ist in der Kirche mehr als nur schmückendes Beiwerk, er gehört zum Kern der Liturgie. Hier der Knabenchor der St. Paul's Cathedral in London.

(Foto: Suzanne Plunkett/Reuters)

Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen sich massenhaft Gottesdienstbesucher mit Corona infiziert haben - vermutlich, weil gesungen wurde. Warum fällt es den Gläubigen so schwer, auf ihre Kirchenlieder zu verzichten?

Von Klaus Ott und Johan Schloemann

Der Heilige Geist ist ein Superspreader. Bei Pfingstmessen im sonst fast coronafreien Mecklenburg-Vorpommern, genauer: in der katholischen Gemeinde St. Bernhard in Stralsund und Grimmen, war der Priester infiziert. Und nun sitzen etwa 340 Menschen in Quarantäne, eine Kindertagesstätte wurde geschlossen. Ein Brausen soll zu diesem hohen Fest durch die Reihen der Gläubigen gehen, aber so hatte man sich das nicht vorgestellt.

"O komm, du Geist der Wahrheit, / und kehre bei uns ein, / verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein." So heißt es in einem Pfingstlied. Man weiß bisher nicht, ob sich die Frommen an der Ostsee beim Singen infiziert haben oder ob sich das Virus doch eher bei der Eucharistie übertragen hat, also bei der Austeilung der Hostien. "Ich war nicht dabei", hat der zuständige Landrat dem NDR gesagt, es wurde aber beteuert, man habe sich an die Hygieneregeln gehalten.

Trotzdem steht derzeit ein allgemeiner Verdacht gegen den Gemeindegesang wie ein Aerosol im Kirchenraum. Seitdem es vor einigen Wochen, kurz nach der Wiedereröffnung der Kirchen, durch Gottesdienste von Evangeliumschristen-Baptisten in Frankfurt am Main und in Bremerhaven zu Ansteckungsclustern kam, fragt man sich, warum die Gläubigen nicht einfach ihr tröpfchenintensives Tönen unter Kontrolle halten können.

Erweckungserlebnisse in engen Räumen

Doch muss man zunächst zwischen verschiedenen christlichen Bekenntnissen unterscheiden. Jene Gemeinden in Frankfurt am Main und Bremerhaven gehören zu einer ultrakonservativen freikirchlichen Splittergruppe, den sogenannten Darbysten vor allem russlanddeutscher Herkunft. Sie haben offenbar nicht bloß Abstands- und Maskenregeln missachtet, solche charismatischen Evangelikalen singen auch sehr viel und leidenschaftlich, sie suchen intensive Erweckungserlebnisse, dicht an dicht, sie weinen vor Ergriffenheit, und manche praktizieren möglicherweise gar noch die "Zungenrede" ("Glossolalie"), ein verzücktes, sinnfreies urchristliches Stammeln, mit dem schon der Apostel Paulus so seine Probleme hatte. Außerdem sehen ihre Lokale, die eher schlecht gelüftete Gebetsräume als Kirchen sind, ziemlich beengt aus. Kein perfektes Milieu für Infektionssschutz.

Wallfahrt in Kevelaer

Die Angehörigen der traditionell obrigkeitsgläubigen Konfessionen halten sich meist an die Abstandsregeln, zum Beispiel in der Wallfahrtsbasilika im nordrhein-westfälischen Kevelaer.

(Foto: Fabian Strauch/dpa)

Ganz anders läuft es in einem "ordentlichen" protestantischen Gottesdienst, etwa im Lübecker Dom. In einer solchen großen Hallenkirche ist viel Platz, es strömen außer zu Weihnachten schon lange keine Massen mehr hinein, die jetzt ohnehin nicht erlaubt sind, und eine traditionell obrigkeitsgläubige Konfession hält sich an die Hygienekonzepte.

Im Gottesdienst einer evangelischen Münchner Gemeinde kann man das beobachten: Alle tragen Masken und sitzen auf sehr weit auseinandergestellten, streng zugeteilten Stühlen, das Kirchenportal bleibt offen. Die Strophen der Gemeindelieder werden ersatzweise von einer einzelnen professionellen Sängerin vorgetragen, die sonst auch Mundschutz trägt und ihn nur fürs Singen abnimmt. Der Pastor sagt leicht schmunzelnd, ein leises Mitsummen mit geschlossenem Mund unter den Masken sei erlaubt. Die liturgischen Gesänge wie Kyrie, Gloria, Halleluja singt allein der Kantor, also der Kirchenmusiker und Organist, der von dieser Aufgabe her historisch auch seinen Namen hat, denn Kantor heißt Sänger.

Ein Flickenteppich an Regeln

Eine Umfrage von WDR und NDR zum Singen in Kirchen hat kürzlich bestätigt, wie unterschiedlich die Einschränkungen gehandhabt werden. Die beiden Rundfunkanstalten haben Ende Mai alle Bundesländer, die 27 katholischen Bistümer, die 20 evangelischen Landeskirchen sowie elf Dachverbände von orthodoxen und anglikanischen Religionsgemeinschaften und Freikirchen um Auskunft gebeten. Das Ergebnis: In 35 der 58 Kirchengemeinschaften ist der Gesang der Gemeinde entweder nicht erlaubt oder die Kirchen empfehlen dringend, darauf zu verzichten. In 20 Bistümern, Landeskirchen und Kirchenverbänden ist Gemeindegesang jedoch möglich, in der Regel mit Auflagen wie der Pflicht des Tragens von Mund-Nasen-Schutz oder größerem Abstand zwischen den Besuchern als sonst vorgeschrieben. In zwei Religionsgemeinschaften gibt es keine Vorgaben, in einem weiteren Fall fanden bislang noch keine Gottesdienste statt.

Dass sich das Coronavirus beim Singen leicht verbreiten kann, ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens, auch wenn die Bewertungen im Einzelnen noch auseinandergehen. Die Bundesländer und die Religionsgemeinschaften haben Ratschläge und Regeln verfasst, die teils stark voneinander abweichen. Je nach Einschätzung des Risikos sind die Vorgaben mal mehr, mal weniger streng. In Hamburg beispielsweise darf gesungen werden, auch im Gottesdienst, mit 2,5 Metern Abstand. Etwas weiter östlich, in Mecklenburg-Vorpommern, verbietet die evangelische Kirche Chöre und Gesang im Gottesdienst. Im katholischen Erzbistum München und Freising hingegen ist ein "reduzierter Gemeindegesang" möglich. Mit vier Metern Abstand. Unter diesen Umständen sei auch ein Schola-Gesang statthaft.

Ebenfalls kompliziert wird es für Chöre, die in Kirchen singen und proben. Hier gelten bislang meist hohe Hürden. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Sachsen unterscheidet, unter Berufung auf die Verwaltungsberufsgenossenschaft, bei Chören zwischen ungeübten und erfahrenen Musikern. Amateure sollten sechs Meter Abstand einhalten. "Bei professionellen Sängerinnen und Sängern sowie ausgebildeten Bläserinnen und Bläsern" reichten zwei Meter aus. Mancherorts aber, besonders traurig, wird Musik aus der Konserve gespielt.

Warum aber tun sich Christen überhaupt so schwer, eine Zeit lang auf das Singen in der Gemeinde zu verzichten? Nicht weil sie denken, Gottvertrauen ersetze Spuckschutz. Sondern weil der reiche Liederschatz, der sich über Jahrhunderte angehäuft hat, kein schmückendes Beiwerk des sonntäglichen Ritus ist, er gehört vielmehr zum Kern der Liturgie und des Festkalenders, so wie Musik und Religion überhaupt eng zusammengehören.

Evangelisch-Lutherische Kirche

Die Demokratisierung des Kirchenlieds begann mit Luther und der Reformation.

(Foto: Frank Wunderratsch/dpa)

"Ich singe dir mit Herz und Mund ...": Das galt besonders für die reformatorischen Kirchen seit Martin Luther, die das Kirchenlied demokratisierten, worauf aber auch die katholische Kirche reagierte, die den Gemeindegesang und überhaupt die Mitwirkung der Laien spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1965) aufgewertet hat. Ob Happy-clappy-Gitarre oder Choräle aus dem Dreißigjährigen Krieg - nur mit musikalischer Beteiligung stellt sich bei den meisten Gläubigen jenes Gefühl ein, das Religionswissenschaftler "ozeanisch" nennen.

Dieses Eintauchen, jedenfalls das Bedürfnis danach, kann man in den Kirchen nicht so leicht abstellen. Und darum ist es umso kurioser, wenn jetzt unter Corona-Auflagen das Singen wieder nur dem Klerus mit einem Vorsinger gestattet wird. Das ist nämlich eine Praxis zum Zweck des Infektionsschutzes, mit der man ins frühe Mittelalter zurückkehrt. Fehlt bloß noch, dass Gottesdienste wieder nur auf Lateinisch abgehalten werden.

© SZ_nas
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