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Corona-Vorschriften in Japan:Ruhe im Looping!

Coming of Age Day in Japan

Mund zu: Japanische Vergnügungsparks bitten ihre Besucher, beim Achterbahnfahren nicht zu schreien.

(Foto: Kiyoshi Ota/picture alliance / dpa)

In Japan werden die Corona-Beschränkungen gelockert, auch Vergnügungsparks öffnen wieder. Allerdings heißt das nicht, dass dort alles wieder erlaubt ist. Vor allem um eine Sache werden Achterbahnfahrer gebeten.

Folgendes war diese Woche aus Japan zu hören: Das Land lockere seine Corona-Beschränkungen, öffne seine Vergnügungsparks wieder, sei aber dennoch weiterhin vorsichtig in Sachen Corona-Infektionen, weshalb die Besucher der Vergnügungsparks bitte eine ganz bestimmte Sache beachten sollten. Wer Achterbahn fahre, solle möglichst nicht schreien. So steht es tatsächlich in einer gemeinsamen Richtlinie, die eine Gruppe von Parkbetreibern verfasst hat, die Japan Times hat darüber berichtet. Ruhe während des Nervenkitzels als Vorsichtsmaßnahme gegen das Virus.

Das wirft Fragen auf. Was kommt als Nächstes? Sollte, wer seine Arme während der Fahrt hochreißt, dann auch Handschuhe tragen? Und überhaupt: Was soll der Schrei-Verzicht bringen, wenn man ohnehin im gesamten Park Mundschutz tragen muss, der eventuell ausgeschrienen Speichel auffängt?

Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden, schrieb Friedrich Nietzsche einst, fernab von Japan, wo es in Zeiten des Virus ohnehin als besonders sinnvoll gilt, still zu sein, also: den Mund zu halten. Nur, das Konzept der Stille passt eher nicht zum Konzept der Achterbahn, wo man das Leben in vollen Zügen genießt, wenn die Geschwindigkeit das Adrenalin durch den Körper jagt, wenn man kopfüber durch einen Looping saust oder fast senkrecht in die Tiefe stürzt, in den Sitz gepresst von einem schmalen Gurt oder einer Stange. Und wo der Mensch doch gar nicht anders kann, als reflexhaft seinem Ur-Instinkt zu folgen. Oder?

Atmosphäre wie beim Fußball-Geisterspiel

Anruf bei Jochen Peschel. Der 45-jährige Münchner ist weltweit mehr als 1200 Achterbahnen gefahren, die größten, schnellsten und krassesten. Er betrieb mit Coastersandmore sogar ein eigenes Online-Fachmagazin, um über seine Erfahrungen zu berichten. Er sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder normale Besucher während einer Achterbahnfahrt still bleiben kann." Peschel selbst kann sich nicht erinnern, auf einer seiner vielen Fahrten geschrien zu haben, seine Anspannung vor und während einer Achterbahnfahrt hat aber auch mit den Jahren und der Routine nachgelassen. Aber das ist eine Typfrage. "Das Schreien ist ja eine instinktive Reaktion", sagt Peschel. "Das kann man nicht auf Knopfdruck abstellen." Und nicht nur das: "Es ist ein Zeichen der Freude - eine Emotion, die einem die Achterbahn schenkt." Oder, wie der US-Psychologe Frank Farley dem Tagesspiegel einst sagte: "Es gibt fast nichts, Sex eingeschlossen, was dem Körper ähnlich sensorische Erlebnisse bescheren kann."

Ergäbe ein stilles Fahren da überhaupt Sinn? Peschel kennt zumindest die Erfahrung der lautlosen Fahrt, als Mitglied diverser Achterbahn-Fanclubs fährt er oft mit gleichgesinnten Enthusiasten, die alle nicht laut auf die Adrenalinschübe reagieren. Er vergleicht die Atmosphäre mit Fußball-Geisterspielen, die ohne Zuschauer auskommen müssen.

In Deutschland öffnen die Freizeitparks übrigens auch wieder, vergangenen Freitag haben das Phantasialand und der Europapark in Rust erstmals wieder Gäste empfangen. Mit Masken, mit Abstandsregeln, mit Zutrittsbeschränkungen in Achterbahnen, aber auch: mit Schreien.

© SZ
Achterbahn Silverstar im Europa-Park in Rust, Baden-Württemberg

Achterbahnfahren als Reiseziel
:Die Trainhopper

Es gibt Menschen, die sammeln Bücher. Andere sammeln: Fahrten auf möglichst vielen Achterbahnen. Dafür reiben sie zur Not auch die Gleise einer Kinderbahn trocken. Unterwegs mit deutschen Coasterfriends im Stockholmer Freizeitpark Gröna Lund.

Von Silke Bigalke

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