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Alltagsdesign in Corona-Zeiten:Volle Pulle

Germany Launches Covid-19 Vaccinations Nationwide

Zwei Vials mit dem auf der ganzen Welt ersehnten Corona-Impfstoff unter der Bördelkappe.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Es ist Zeit, endlich ein Behältnis zu würdigen, das von den Kunst- und Designmuseen schlicht ignoriert wird: das Impfstoff-Fläschchen.

Von Martin Zips

Und wieder ist es ein Glas, welches den Menschen Verheißung verspricht. Durchsichtig, zerbrechlich, etwas sehr Wertvolles wie das Covid-19-Vakzin aufbewahrend. Vials nennt man diese Minifläschchen mit Medizin darin, verschlossen werden sie mit der sogenannten Bördelkappe aus Aluminium. In deren Mitte befindet sich das Septum, eine Durchstichmembran, aus der sich über die Kanüle einer Spritze der kostbare Impfstoff aufnehmen lässt.

Glas ist ein uralter Stoff, erste Erwähnungen stammen aus der Zeit um 1600 vor Christus, im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München befindet sich das älteste sicher zu datierende Glasgefäß der Welt: ein Kelch, der um 1450 vor Christus zur Zeit des Pharaos Thutmosis III. entstand.

Die Schöpfer: zwei Apotheker aus Paris und Berlin

Doch während es über die Jahrhunderte vor allem kunstvoll gefertigte Behälter, Fenster und Vasen waren, welche besondere Aufmerksamkeit erregten, so ist es dieser Tage die auf die beiden Apotheker Limousin und Friedländer zurückgehende, weiterentwickelte Glasampulle, die 1886 in Paris und Berlin nahezu gleichzeitig auf den Markt kam. Dank ihrer müssen Injektionslösungen vor der Verabreichung nicht mehr frisch hergestellt werden, sondern können in größeren Mengen in Ampullen - damals allerdings weder mit Bördelkappe noch mit Durchstichmembran - vorproduziert werden.

Ted Ryan

Sie wurde zur Ikone des modernen Glasflaschen-Designs: Die 1915 entwickelte Coca-Cola-Flasche.

(Foto: Branden Camp/AP)

Doch anders als beispielsweise die entscheidend von Earl R. Dean im Jahr 1915 mitentwickelte Coca-Cola-Flasche, die sogar in Werken von Salvador Dalí oder Andy Warhol auftaucht, finden Vials (von der griechischen Gefäßbezeichnung Phiole) in den Glas- und Designmuseen weltweit längst nicht die Beachtung, die sie verdienen. Vielleicht, weil sie optisch weniger auffällig daherkommen als zum Beispiel die nach ihrem Erfinder benannte Molanusflasche, in der seit den 1820er-Jahren das weltbekannte "Kölnisch Wasser" verkauft wird. Zudem sind Injektionsfläschchen und Ampullen, etwa die von Biontech und Moderna, deutlich schlichter gestaltet als etwa das 1964 vom Mailänder Lelo Cremonesi designte Nutella-Glas. Ihre allein für die Bekämpfung der Pandemie produzierte Anzahl allerdings dürfte durchaus mithalten können mit den bisher in Umlauf gebrachten Cola-Flaschen, Nutella-Gläsern oder 4711-Flakons.

Nutella

Vom Mailänder Designer Lelo Cremonesi stammt das berühmte Glas mit der Nuss-Nugat-Creme.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Vielleicht liegt die bis heute geringe Wertschätzung des hygienisch verschlossenen Limousin-Friedländer-Gefäßes ja auch daran, dass medizinisches Design generell als wenig sexy gilt. Deutlich weniger sexy jedenfalls als etwa eine Tiffany-Lampe oder ein hübsches Urlaubsandenken aus Murano-Glas. Behältnisse aus dem Chemielabor (wie der Erlenmeyerkolben oder das Reagenzglas) haben für den Laien stets etwas Frankensteinhaftes und werden daher, im Gegensatz zu Schnaps- oder Parfümfläschchen, vor allem in medizinischen Sammlungen verortet, wie der des Dresdner Hygienemuseums. Auf keinen Fall aber als Teil herausragenden Alltagsdesigns. Zu Unrecht, wie sich noch herausstellen könnte.

© SZ/nas
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