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Gewalt in der Partnerschaft:1000 Anrufe beim Hilfetelefon pro Woche

Häusliche Gewalt

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 141 792 Menschen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Aber es werden längst nicht alle Fälle angezeigt.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" verzeichnet seit Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich mehr Anfragen. Noch aber gibt es keine verlässlichen Statistiken, ob die Gewalt tatsächlich zugenommen hat.

Von Boris Herrmann, Berlin

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die Anrufe beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" deutlich zugenommen. Während im vergangenen Jahr bei der Hotline etwa 850 Beratungen pro Woche stattgefunden haben, sind es seit März dieses Jahres rund 1000 Beratungen wöchentlich. Das teilte die Leiterin des Hilfetelefons, Petra Söchting, am Dienstag in Berlin mit. "Wir haben inzwischen alle 20 Minuten eine Anfrage zum Thema Gewalt in Partnerschaften und ehemaligen Partnerschaften", sagte Söchting. Sie betonte aber, dass sich daraus noch nicht der Schluss ziehen lasse, dass es durch Corona tatsächlich einen Anstieg der häuslichen Gewalt gegeben habe. Die erhöhte Anzahl von Anrufen könnte zumindest teilweise auch damit zu erklären sein, dass die Telefonnummer seit der Pandemiekrise bundesweit deutlich bekannter sei.

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) hat derzeit noch keine verlässlichen Daten darüber, wie sich Corona und die damit verbundenen vorübergehenden Ausgangsbeschränkungen auf die Gewalt in den eigenen vier Wänden auswirken. Er gehe zwar davon aus, dass in dieser extremen Ausnahmesituation auch das Risiko für häusliche Delikte steige, sagte BKA-Präsident Holger Münch: "Bei der Polizei ist das bislang aber noch nicht messbar."

Fast jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet

Messbares legte Münch am Dienstag aber für das Jahr 2019 vor, gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Demnach wurden im vergangenen Jahr hierzulande 141 792 Menschen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Münch sprach von einem "kontinuierlichen Trend" jährlich steigender Zahlen. Gezählt wurden neben Körperverletzung, Nötigung, Stalking, Vergewaltigung und Zwangsprostitution auch 301 versuchte und 140 vollendete Tötungsdelikte. Giffey nannte die Zahlen "schockierend" und "nicht hinnehmbar". Sie illustrierte das Ausmaß der Gewalt mit der Rechnung: "Fast jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet." Man könne deshalb sagen: "Der Feind liegt im eigenen Bett." Insgesamt waren 81 Prozent der erfassten Opfer Frauen und 19 Prozent Männer.

Die Mehrzahl der Fälle von Gewalt in der Partnerschaft, ob vor oder nach Ausbruch der Corona-Pandemie, bleibt aber ohnehin im Ungewissen - die Fälle all jener Opfer nämlich, die sich erst gar nicht trauen, eine Straftat anzuzeigen oder zumindest beim Hilfetelefon anzurufen. Münch sagte: "Das, was wir im Hellfeld sehen, ist deutlich geringer als das, was wir im Dunkelfeld vermuten."

© SZ/nas

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