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Häusliche Gewalt in Frankreich:Hilfe rufen, wenn der Peiniger danebensteht, ist unmöglich

Proteste gegen Femizide in Frankreich

Proteste wie dieser gegen Gewalt gegen Frauen sind wegen der Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen in Frankreich derzeit nicht möglich - doch das Problem ist drängender denn je.

(Foto: collages_feminicides_paris)
  • Seit Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen in Frankreich vor acht Tagen schnellen die Zahlen häuslicher Gewalt in die Höhe.
  • Eine nationale Hilfe-Hotline verzeichnet allerdings einen Rückgang der Anrufe - weniger Frauen trauen sich anzurufen, wenn der gewalttätige Partner mit in der Wohnung oder im Haus ist.
  • Jetzt sollen in Supermärkten Beratungsstellen eröffnen.
  • Und in Apotheken können Betroffene unauffällig per Codewort die Polizei verständigen.

Seit einem guten halben Jahr ist häusliche Gewalt in Paris zu einem unübersehbaren Problem geworden. Dies liegt vor allen Dingen an einem Kollektiv, das jede Nacht mit Kleister und Papier durch die Straßen zieht, und Botschaften an die Hauswände tapeziert. "Marie Amelie, getötet von ihrem Mann", jeder Buchstabe ein DIN-A4-Blatt, Schwarz auf Weiß. Oder: "Sie verlässt ihn, er tötet sie."

Es gab kaum noch eine Straße in Frankreichs Hauptstadt, in der die Feministinnen nicht auf die Gewalt aufmerksam machten, die Frauen innerhalb ihrer Beziehungen erfahren. Doch seit die Regierung am 17. März eine landesweite Ausgangssperre verhängt hat, um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, verblassen die Zettel und keine neuen kommen hinzu. Auf ihrem Instagram-Konto veröffentlichen die Frauen jetzt Fotocollagen, virtuelle Zettel kleben auf abfotografierten Hauswänden. Für die Aktivistinnen gilt dasselbe wie für alle anderen Franzosen: Sie müssen zu Hause bleiben. Gleichzeitig hat sich die Gefahr, auf die sie hinweisen wollen, massiv verschärft.

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Eine Ausgangssperre sei der "perfekte Nährboden" für häusliche Gewalt, warnte die Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter, Marlène Schiappa, vor Beginn der massiven Bewegungsbeschränkungen. Gut eine Woche später lieferte Innenminister Christophe Castaner die passenden Zahlen zur Warnung: Innerhalb von acht Tagen Ausgangssperre verzeichnete die Polizei einen Anstieg von 32 Prozent bei ihren Einsätzen im Bereich der häuslichen Gewalt. Für den Großraum Paris, wo Familien oft besonders beengt leben, wurden sogar 36 Prozent mehr Fälle gemeldet.

Unter Führung der Gleichstellungsbeauftragten Schiappa hatte Frankreich in den vergangenen Monaten eigentlich versucht, zu einer Vorzeigenation im Kampf gegen Gewalt innerhalb von Beziehungen zu werden. Präsident Emmanuel Macron sprach davon, dass in Frankreich Femizide verübt werden, dass also Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Begriffe, die bis dahin vor allem Feministinnen verwendeten, schafften es ins Vokabular der obersten Politiker. Und Schiappa schickte Polizisten und Richter in Sonderschulungen, in denen sie lernen sollten, besser auf Opfer von häuslicher Gewalt einzugehen. Die Plätze in Frauenhäusern wurden erhöht. Eine neue Rufnummer wurde eingerichtet, an die sich alle wenden sollen, die von ihren Partnern oder Expartnern bedroht oder geschlagen werden.

Und was passierte in den ersten Tagen der Ausgangssperre? Die Spezial-Rufnummer war nicht mehr zu erreichen. Der Wechsel der Mitarbeiterinnen ins Home-Office scheiterte an der Technik.

Ein Fehler, der inzwischen behoben wurde. Doch ohnehin zeigt sich, dass eine Telefonhotline wenig bringt, wenn der Peiniger ständig in der Nähe ist. Vor Beginn der Ausgangssperre gingen bei der Nummer für häusliche Gewalt täglich mehr als 400 Anrufe ein. In den vergangenen zwei Wochen waren es nur noch knapp 100. In einem Interview mit Le Parisien stellt Schiappa selbst fest: "Das heißt nicht, dass die Gewalt zurückgegangen ist, sondern dass das Telefon nicht mehr die beste Lösung ist."

Am Montag kündigte Schiappa eine Reihe neuer Maßnahmen an, die betroffenen Frauen helfen sollen. In landesweit 20 Supermärkten, zunächst jedoch nur im Großraum Paris, sollen Beratungsstellen eröffnen. Dieses Angebot ist eine Reaktion darauf, dass man in Frankreich die Wohnung nur noch einmal am Tag verlassen darf. Einkaufen gehört zu den wenigen Tätigkeiten, die noch außerhalb der eigenen vier Wände erlaubt sind.

Seit einer Woche läuft zudem ein Versuch der Direkthilfe in Apotheken. Wer dort nach einer "Maske Nummer 19" fragt, für den soll in der Theorie sofort die Polizei gerufen werden. Apothekern wurde ein entsprechendes Informationsblatt zugeschickt. Unklar ist jedoch, wie schnell sich das geheime Codewort "Maske 19" bei den Betroffenen herumspricht. Laut Schiappa finanziert die Regierung zudem "bis zu 20 000 Hotelübernachtungen", um Familien vor gewalttätigen Partnern zu schützen.

© SZ.de/jobb
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