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Kunst und Corona:"So elegant, so hell, so fröhlich!"

Von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA werden Impfstoffe geprüft, klar. Aber was bedeutet eigentlich diese Metall-Skulptur vor dem Haupteingang?

(Foto: Peter Dejong/AP)

Die Skulptur vor der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA ist ständig im Fernsehen zu sehen. Aber was stellt sie eigentlich dar?

Von Martin Zips

Wenn in den Medien mal wieder von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) in Amsterdam die Rede ist - wie jüngst im Zusammenhang mit einem Covid-19-Impfstoff für Jugendliche - so wird meist ein fröhlich geschwungenes Rohr gezeigt, welches vor dem EMA-Gebäude steht. Das Kunstwerk des Niederländers Gijs Assmann ist zu einem Symbol des Kampfes der Wissenschaft gegen die Pandemie geworden. Aber was sagt es eigentlich aus? Ein Gespräch mit dem Künstler.

SZ: Herr Assmann, seit mehr als einem Jahr schon müssen wir uns permanent Ihre Skulptur anschauen. Im Fernsehen, in den Zeitungen, immer, wenn über Impfstoff die Rede ist. Macht Sie das stolz?

Gijs Assmann: Natürlich freut mich das! Es ist doch schön für einen Künstler, wenn er eine solch große Aufmerksamkeit bekommt. Auch wenn es in der Berichterstattung natürlich meist um das Impfen geht.

Als Ihr 54-Meter-Rohr vor dem EMA-Gebäude aufgestellt wurde, also im März 2020, da ging es erst richtig los mit der Pandemie.

Das Thema war damals schon groß! Ich denke aber, dass meine Skulptur dem Betrachter Hoffnung gibt. Trotz ihrer neun Meter Höhe und dem Gewicht von 9000 Kilogramm hat sie doch etwas ungeheuer Leichtes, finden Sie nicht?

EMA Pendulum con Gijs Assmann (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Sieht die Skulptur nicht ein bisschen wie die DNA-Doppelhelix aus?

(Foto: Gijs Assmann/VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Friso Keuris)

Ich weiß nicht, ob sie mich eher an einen Pilz, an einen Faden oder an eine DNA erinnert.

Pilz, das ist gar nicht schlecht! Wissen Sie, einerseits soll mein Kunstwerk die Struktur von Dingen zeigen, die für die Arbeit der Europäischen Arzneimittel-Agentur wichtig sind: Enzyme, Proteine und Moleküle. Die EMA steht ja für hochtechnisierte Forschung sowie die Prüfung und Zulassung von Medikamenten für den europäischen Markt. Anderseits zeigt uns die Behörde, wie europäische Zusammenarbeit funktionieren kann: mit Dynamik, Transparenz und Flexibilität. Auch das habe ich versucht, in meinem Kunstwerk darzustellen.

Und warum nennen Sie es "Pendulum"?

Für Bewegung und Schnelligkeit steht auch das Pendel einer Uhr. Ist es nicht toll, wie sich in ihrem Edelstahl Umgebung und Himmel spiegeln?

Gijs Assmann

Gijs Assmann, 55, studierte an der Akademie für Kunst und Design in Enschede und an der "Rijksakademie van beeldende kunsten" in Amsterdam. Er unterrichtet unter anderem an der Kunsthochschule Arnheim und der Design Academy Eindhoven. Seine Skulpturen sind auf etlichen Plätzen und Straßen der Niederlande zu finden.

(Foto: Friso Keuris)

Herr Assmann, eigentlich heißen Sie mit Vornamen Johannes Carolus Alphonsus Maria. Das klingt nach einer sehr christlichen Familie.

Das haben Sie gut bemerkt! Ich bin in einer katholischen Familie in einer calvinistischen Umgebung aufgewachsen. Beides prägt mich bis heute. Ich bin kreativ und fleißig.

Wie kamen Sie zu diesem Auftrag?

Die niederländische Regierung hatte mich, sowie einige andere Künstler, zur Vorstellung unserer Arbeit eingeladen. Vielleicht hat man mich am Ende ja deshalb ausgewählt, weil ich die Idee hatte, möglichst viele EMA-Mitarbeiter in den Designprozess mit einzubeziehen.

Verstehen Apotheker etwas von Kunst?

Ich wollte den Schaffungsprozess möglichst demokratisch gestalten. Also bin ich mehrmals nach London gereist, wo die EMA vor dem Brexit noch ihren Sitz hatte. Dort habe ich in drei Tagen 25 Interviews geführt.

Und heraus kam ein Enzym.

Nach den Gesprächen habe ich insgesamt 18 verschiedene Vorschläge ausgearbeitet. Es ging mir darum, etwas Leichtes zu schaffen. Etwas, das im Amsterdamer Büroviertel zwar auffällt, aber gleichzeitig nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die lustigen Spiegelungen, die sich auf der Röhre ergeben, das erinnert Sie doch sicher an die Zerrspiegel auf dem Jahrmarkt, nicht?

Schon. Aber andere Skulpturen, die von Ihnen auf öffentlichen Plätzen in den Niederlanden zu sehen sind, die sehen ganz anders aus. Irgendwie konkreter.

Die Gegenstände und Lebewesen, die in den meisten meiner Kunstwerke auftauchen, die kennt man aus dem Alltag. Ich arrangiere sie nur anders. Etwa, wenn ich einen Menschen mit einem Hirsch tanzen oder ihn einen Esel huckepack auf den Rücken nehmen lasse. Dieses Spiel mit Balance und Instabilität, das gefällt mir.

EMA Pendulum con Gijs Assmann (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Skulptur "Pendulum" wurde in der Metallgießerei Schmees in Sachsen gefertigt.

(Foto: Gijs Assmann/VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Friso Keuris)

Sagen Sie, Herr Assmann, könnte es sein, dass man, wenn man in zehn oder 20 Jahren Ihre gebogene Röhre noch einmal sieht, sagt: "Verschone mich! Das Ding erinnert mich an Covid-19"?

Das kann sehr gut sein! Kunst muss immer wieder neu gedeutet werden. Sehen Sie: Ich habe diese Figur gezeichnet und war auch oft dabei, als sie in einer sächsischen Manufaktur aus gebürstetem Edelstahl gefertigt wurde ...

In Sachsen? Sie wissen schon, dass Sachsen einer der Hotspots von Impfgegnern und Querdenkern in Deutschland ist?

Ach, da habe ich rein praktisch gedacht. Die Manufaktur in Pirna ist die einzige in Europa, die so etwas in so kurzer Zeit hinbekommt. Und es war ein großartiges Gefühl, als meine Skulptur endlich vor dem Gebäude stand. So elegant, so hell, so fröhlich!

The Knotted Gun

Auch diese Skulptur steht nicht nur vor, sondern auch für eine Institution: Die vom Künstler Carl Fredrik Reuterswärd unschädlich gemachte Pistole vor dem UN-Gebäude in New York.

(Foto: Tim Brakemeier/dpa)

Ihr Kunstwerk steht mittlerweile für die wenigen Skulpturen weltweit, bei denen fast jeder den Kontext kennt. Also so etwas wie die Pistole mit dem verknoteten Lauf von Carl Fredrik Reuterswärd vor dem UN-Gebäude in New York ...

Was für ein schöner Vergleich!

... oder die "Große Kugelkaryatide" von Fritz König, die einst vor dem World Trade Center stand.

Das macht mich stolz, dass Sie das sagen. In meiner Kunst geht es mir vor allem um Optimismus. Wissen Sie, als ich vor einigen Jahren einmal lebensgefährlich erkrankt bin, da habe ich mir noch im Krankenhaus geschworen, dass ich fortan nie wieder klagen möchte. Weder im Leben noch in der Kunst. Und jetzt, wo sich alle impfen lassen, geht es sicher wieder aufwärts.

Stimmt es, dass Sie Ihrer Lebensgefährtin jeden Tag ein kleines Kunstwerk basteln?

Ja, das möchte ich jedem empfehlen! So erinnern wir uns beide daran, dass es etwas sehr Besonderes ist, dass wir uns haben.

© SZ/nas
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