SZ-Kolumne "Alles Gute":Abenteuer Autokino

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Eigentlich wollte die Freundin eine Geburtstagsparty feiern, dann kam Corona - und die Idee: kontaktfreies Kino in Essen. Mal kurz die Wohnungen verlassen, raus aus der Jogginghose, rein ins Auto.

Von Jana Stegemann

Nach etwa einer Stunde beschlägt die Windschutzscheibe. "Wir atmen zu viel", sagt die Freundin, die an diesem Abend ihren 34. Geburtstag feiern wollte. Statt der Gäste kam Corona - und die Idee: Autokino in Essen! Beide hatten wir noch nie ein Autokino besucht, es erschien uns aber plötzlich wie das aufregendste Abenteuer der Woche. Wenigstens mal kurz die Wohnungen verlassen. Raus aus der Jogginghose, rein ins Auto.

Wir nehmen eine Decke und wischen von innen über die Scheiben. Es hilft nur ein paar Minuten. Auch in anderen Autos sehen wir jetzt Menschen, die mit Tüchern hantieren, andere knutschen oder rauchen.

In Corona-Zeiten erlebt das Autokino seine Renaissance, die Vorstellungen sind für Tage ausverkauft. Um Kontakt zu vermeiden, verleiht das Autokino gerade keine Heizlüfter, es werden auch keine Snacks verkauft. An der Einfahrt ruft die Kassiererin: "Wir scannen die Tickets durchs Fenster." Als alle 500 Autos mit maximal zwei Erwachsenen (eigene Kinder bis 14 Jahren und Haustiere dürfen zusätzlich mit) auf ihren leicht erhöhten Positionen auf dem riesigen Parkplatz im Essener Gewerbegebiet direkt neben dem Rot-Weiß-Stadion stehen, gehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Filmbeginn von Auto zu Auto. Um Tagfahrleuchten mit schwarzen Folien abzudecken und mit Abstand zu sagen: "Bitte nur aussteigen, wenn Sie dringend zur Toilette müssen."

Auch jetzt wollen wir die Türen eigentlich nicht öffnen. Aber wenn wir das Ende des Films nicht nur über unser Autoradio (Frequenz 90) hören, sondern auch noch auf der 15 Meter hohen und 36 Meter breiten Leinwand sehen wollen, ist das die einzige Möglichkeit. Frische Luft strömt ins Innere. Wir haben mehr Essen mitgenommen als für eine siebenstündige Zugfahrt, außerdem Decken und Tee. Trotz einstelliger Außentemperaturen und ausgeschalteter Zündung kühlt das Auto nicht aus.

Eigentlich sollte das 60-jährige Bestehen des ersten Autokinos Deutschlands in diesem Jahr gefeiert werden, doch wie fast alle der 17 anderen im Land wurde das Kino in Gravenbruch geschlossen. Seit die Ausgangsbeschränkungen in Deutschland gelten, dürfen deutschlandweit nur sehr wenige Autokinos unter strengen Auflagen weiter Filme zeigen. Und am Ende eines wunderbaren Abends ohne direkten Kontakt zu anderen Menschen drängt sich diese Frage auf: warum eigentlich?

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/moge/afis
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