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Ausgangsbeschränkungen:Die Parkbank ist zum inkriminierten Unort geworden

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Wer sich überhaupt noch traut, sich auf eine niederzulassen, hockt da wie am Radar eines Kriegsschiffes. Nähert sich etwa jemand? Wie die Corona-Pandemie aus einem Platz für Verliebte das Hauptquartier des Bösen gemacht hat.

"Das Interesse an Corona ist zurzeit sehr gering." Dieser Satz ist so hörens- wie auch staunenswert in Zeiten inflationärer Schreckensmeldungen. Man meint, das Gehörte nur geträumt zu haben. Zur Sicherheit fragt man am Telefon noch mal nach. "Echt jetzt? Corona läuft nicht? Interessiert keinen?" - "Corona passt wohl nicht so recht in die Zeit." Das Osnabrücker Familienunternehmen Runge - "Bänke und Stadtmobiliar aus Metall, Holz und Beton" - produziert seit mehr als 100 Jahren Parkbänke für kommunale Grünflächen. Die Bänke heißen gerne was mit "a" am Ende, also etwa "Estiva", "Floria", "Omnia", "Novia" - oder eben zufälligerweise auch "Corona".

Corona, als Parkbank-Modell schon lange im Programm, mittlerweile aber eher mittelgut verkäuflich, ist ein zwei Meter langer und 84 Kilogramm schwerer Viersitzer, der sich durch "gleichmäßige Spaltmaße" und eine "bequeme Sitzposition" auszeichnet. Die Bank gibt es auch in Tannengrün. Die Ästhetik, gebogene Gussfüße und eine wellenartig elegant geschwungene Sitz- und Lehnfläche, erinnert ganz sympathisch an frühere Jahrhunderte.

Also an eine Zeit, da die rechtwinklige Moderne und die stylish cleane Parkbank noch nicht erfunden waren. Das Sitzen als goethehaftes "Verweilen" galt in öffentlichen Parkanlagen als Errungenschaft eines aufgeklärten Bürgertums. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelten sich Volks- und Stadtgärten aus den vormals nur der Aristokratie zugänglichen Jagd-, Tier- und Schlossgärten. Die Parkbank als wichtigstes Parkmöbel ist ein Kind der Emanzipation und der Aufklärung. Sie ist ein Symbol bürgerlicher Freiheit.

Die Polizei sagt: "Platzverweis"

Wobei diese bürgerliche Freiheit am Münchner Hofgarten derzeit von der Polizei in die Schranken gewiesen wird. Eine Mutter mit zwei Töchtern und Hund erhält an diesem sonnigen Tag einen "Platzverweis". Das gilt auch für den Englischen Garten, ein weltweit bekanntes Beispiel überragender Landschaftsarchitektur. Hier sind es zwei Jugendliche, die eine Bank räumen müssen. Sichtbar wird eine Gravur: "Für Stefan - ein Platz zum Lachen, Lesen, Küssen, Diskutieren, Nachdenken, Vögel beobachten und Pläne schmieden. In Liebe Claudia, 25. Juni 2009". Man ist ehrlich gerührt.

Bevor jetzt jemand in latenter Hysterie "Totalitarismus" oder "Polizeistaat" buchstabiert: Die Polizei agiert in den beobachteten Fällen ausgesprochen höflich und die von den Bänken Gewiesenen reagieren ausgesprochen vernünftig. Im Einzelfall mag das anders und auch bußgeldbescheidartig sein, aber in diesen Tagen hat man jedenfalls in München das Gefühl, die Gesellschaft kann sich im Großen und Ganzen darauf verständigen, dass das Vögelbeobachten für einige Zeit auch mal verzichtbar erscheint.

Dennoch ist der bürokratische Furor bizarr, wonach man zum Beispiel in Bayern kraft der Ausgangsbeschränkungen zwar raus darf zum Spazierengehen, zum Radfahren oder zum Joggen. Und natürlich, um zur Arbeit, zum Lebensmittelladen oder zur medizinischen Infrastruktur zu gelangen. Aber auf der Parkbank sitzen, allein, und ein Buch lesen - das ist staatszersetzend. Würde man dasselbe Buch joggenderweise oder auf dem Bike lesen, so wäre das zwar lächerlicher Unsinn, aber behördlich und virologisch gern gesehen. Die Parkbank ist zum inkriminierten Unort geworden.

Bürgermeister lässt Bänke abmontieren

Das ist auch anderswo zu erleben. Sébastien Leprêtre, Bürgermeister von La Madeleine, einer nordfranzösischen Gemeinde, hat jetzt alle Bänke abmontieren lassen. Laut der Tageszeitung Le Parisien sagt er dazu: "Ich konnte sie jeden Tag aus dem Fenster meines Büros im Rathaus sehen - bei strahlendem Sonnenschein kamen die Einwohner zum Reden. Das ist inakzeptabel." Die Stadtverwaltung montierte schließlich an die 40 Bänke auf Frei- und Grünflächen ab. Wie traurig - in jeder Hinsicht.

Fast wünschte man sich jetzt, ein Berliner zu sein, denn da hat der Senat das bisherige Parkbankverweilverbot entschärft. Von nun an sind "Erholungspausen auf fest installierten Sitzgelegenheiten bei Wahrung des Mindestabstands von 1,5 Metern zulässig, mit Angehörigen des eigenen Haushalts oder mit einer anderen Person, ohne jede sonstige Gruppenbildung". Wobei das Wort "Erholungspausen" in diesem amtssprachlichen Umfeld wie eine Drohung klingt, das Erholen doch gefälligst im zeitlichen Rahmen eines kurzen Durchschnaufens zu halten. Einatmen, ausatmen, weiterlaufen.

Wer weiß, was noch alles passieren wird, wenn jetzt der Frühling endgültig in die Städte einzieht, wo die Parkbank manchmal der einzige Ort für Menschen ist, um ein Stück Natur oder Gesellschaft um sich zu haben. Dabei ist es eigenartig, wie man sich anpasst: Auf Bänken sitzt man nur noch wie am Radar eines Kriegsschiffes. Wachsamkeit ist geboten. Nähert sich da nicht jemand? Will der etwa entern? Hilfe! Ganz schlimm und doch sehr richtig (abgesehen davon, dass jetzt dringend jemand die Polizei rufen sollte): die Distanz oder gar Distanziertheit, mit der die Menschen auf den Bänken hocken, angestrengt in verschiedene Richtungen blickend. Was früher ein Ort für Verliebte war, sieht mit einem Mal verdächtig nach Ehekrise im vorletzten Stadium aus.

Die Parkbank war einmal auch abseits vom Englischen Garten ein Platz "zum Lachen, Lesen, Küssen, Diskutieren, Nachdenken, Vögel beobachten und Pläne schmieden". Jetzt ist sie etwas zwischen No-Go-Area, Seuchenherd und Hauptquartier des Bösen. Erich Kästner dichtete einmal über die Pärchen im Frühling: "Sie hocken Probe auf den Bänken / in den Alleen, wobei sie denken: / ,Raus mit die Gefühle / oder rin mit die Gefühle / oder nicht?'" Der Lenz, so der Poet, "geht diesmal auf die Nerven". Das kann man wohl sagen, aber zum Glück geht das Gedicht "Atmosphärische Konflikte" so weiter: "Na, günstigen Falles / wird doch noch alles / gut."

© SZ/nas
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