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SZ-Kolumne "Alles Gute":Hoffnung in Pappe

Homeoffice und Corona: Warum es nervt und trotzdem lustig ist

Illustration: Steffen Mackert

Espresso oder Cappuccino aus dem Einwegbecher? Mamma mia! In Italien trank man Kaffee schon immer an der Theke. Dann aber kam Corona, und jetzt ist der "Coffee to go" plötzlich ein Symbol für etwas positives.

Lange haben die Italiener sie ersehnt, die sogenannte "Fase due", wie sie von Ministerpräsident Giuseppe Conte genannt wurde, kleine und vorsichtige Schritte in Richtung einer Art Normalität. Was man auch immer nun unter "Normalität" versteht, eines gehört für die meisten Italiener jedenfalls dazu: der caffè al bar, was man sinngemäß mit "Espresso an der Theke" übersetzen kann.

Der caffè al bar ist bei vielen Italienern eine Gewohnheit, zumindest ein kleiner Moment des Vergnügens, der in der Regel nur ein paar Minuten dauert und weit über das Aroma hinausgeht. Denn natürlich geht es nicht nur um den Geschmack, sondern um das Drumherum: der Zwischenstopp auf dem Weg zur Arbeit oder die kurze Atempause während des Tages, das unverwechselbare Geräusch des Kaffeegeschirrs im Hintergrund, wahlweise ein paar Worte mit dem Barista auf der anderen Seite der Theke. Dass dieses Ritual von den Corona-Maßnahmen weggefegt wurde, versteht sich von selbst. Bis Montag vergangener Woche.

An dem Tag wachte das Land von Bozen bis nach Palermo mit einer neuen Möglichkeit auf: Endlich wieder die kleinen Dinge des Alltags, endlich wieder einen Espresso in der Bar genießen, auch wenn "in der Bar" nicht so ganz stimmt und sich viele Betreiber entschieden haben, wegen des ohnehin reduzierten Kundenkreises die Kaffeemaschine noch nicht einzuschalten. Denn der caffè ist derzeit häufig nur nach telefonischer Reservierung und sowieso immer da asporto, zum Mitnehmen, erlaubt - und wer jetzt mit einem Schulterzucken reagiert, der vergisst die örtlichen Sitten und Gebräuche. In Italien hat sich der Einwegbecher für Espresso oder Cappuccino nie durchgesetzt. Mehr noch: er wird misstrauisch beäugt. In normalen Zeiten toleriert man ihn nur in wenigen Ausnahmen - etwa aus dem Automaten, wenn es in der Nähe keine bessere Alternative gibt, und auf den Partys, wenn die Anzahl der Tassen die der Gäste übertrifft.

Doch das war vor Corona. Seit einer Woche nimmt Italien den caffè mit, es hilft ja nichts. Auf die Frage eines Journalisten, was sie über den Kaffee zum Mitnehmen denke, antwortete kürzlich eine Frau in Mailand samt Pappbecher in der Hand: "Er schmeckt nach Hoffnung." Das ist immerhin etwas.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

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