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SZ-Kolumne "Alles Gute":Na, heute Abend wieder Couch?

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Die Corona-Zeit hat viele junge Menschen unweigerlich ein Stück älter gemacht. Wie gut zu wissen, dass man danach wieder jung und naiv sein kann.

Ja, auch in den Zwanzigern jammert man ganz gerne mal, wie schnell man doch älter wird. Wie ist aus dieser 21 plötzlich eine 25 geworden? Und: Bleibt diese eine Falte jetzt für immer da? Dabei höre ich jedes Mal die Stimme meiner Mutter im Hinterkopf: "Jeder Zweite aus deiner Generation wird 100 Jahre alt!" Stimmt, sieht man es optimistisch, sollte einen das erste Viertel des Lebens nicht in Panik versetzen. Trotzdem ist 25 ein komisches Alter. Nicht mehr ganz jung, aber irgendwie auch nicht ganz erwachsen. Oft begleitet von dem Gefühl, es schon sein zu müssen. Und von Zeit zu Zeit fragt man sich, was das überhaupt heißen soll.

Es liegt irgendwo zwischen fieser Bewerberfrage und typischer Motivationsübung für junge Start-up-Neulinge, sich sein Leben in zehn Jahren vorzustellen. Und egal, ob es das Haus im Grünen inklusive Work-Life-Balance oder die krasse Start-up-Idee werden soll - gut möglich, dass die Corona-Zeit genau das mit vielen jungen Menschen gemacht hat: Sie hat sie zehn Jahre älter gemacht.

Weder Bars noch Clubs sah man während der Kontaktsperre von innen, der Bekanntenkreis wurde schlagartig um ein ganzes Stück verkleinert, und fiel der eigene Geburtstag in diese Zeit, so war einem eher zum Heulen als zum Feiern zumute (nicht, dass es vom 25. Lebensjahr an so weitergehen müsste). Ohne Widerrede, ohne ein Zurück. Was dazu führte, dass man mit 25 schon gefütterte Hausschuhe trägt. Und weiß, nach wie vielen Minuten man sich ein perfektes Frühstücksei zaubert.

Für einige Monate mussten viele deutlich mehr Verantwortung übernehmen als sonst. Das Leben wurde entschleunigt, die "Fomo" (Fear of missing out) wurde von der "Jomo" (Joy of missing out) ersetzt und auch in jungen Kreisen salonfähig. Plötzlich wurde also die Angst, etwas zu verpassen, zu einem Genuss. Zumindest vorerst: In den ersten Wochen hat man noch ohne Reue den Samstagabend mit Chips und Netflix auf der Couch verbracht, anstatt früh morgens in Schlangenlinien nach Hause zu torkeln.

Prägend wie die erste Liebe

Aber: So unwahrscheinlich ist es nicht, dass das Leben in den Dreißigern - aus der Perspektive der Zwanziger - so oder so ähnlich aussehen könnte. Dass es immer die gleiche kleine Gruppe von Menschen ist, mit der man kocht, am Wochenende Gesellschaftsspiele spielt und die Beine übereinanderschlägt, während man einen richtig edlen Rotwein trinkt (jedenfalls verspricht es das Etikett). So schlimm wie gedacht ist es gar nicht. Es ist irgendwie ganz okay.

Eine Besonderheit dieser Krise ist ja, dass sie nicht individuell und vom Zufall abhängig ist. Nein, auf irgendeine Weise trifft sie jeden. Und spart auch diejenigen nicht aus, die sonst nie eine Krise erleben würden oder eigentlich noch zu jung dafür sind. Gut möglich, dass die nachkommenden Generationen für ihr Alter reifer sein werden, als man es damals selbst war. Denn wie die erste Liebe könnte auch die erste Krise die prägendste sein.

Und während man diese Erkenntnis sacken lässt, realisiert man in einem stillen Moment auch, dass man mit Mitte zwanzig für das Ganze dann doch noch nicht bereit ist: selbstgemachte Guacamole statt Sekt zur Party mitzubringen und samstags um 22 Uhr zu behaupten, man sei schon "echt kaputt". Und ist froh, dass auch diese Zeiten eines Tages vorbei sein werden. Und man sich wieder voller Überzeugung den Verlockungen und dem Blödsinn da draußen in die Arme werfen kann.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/muth
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