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Computerspiele:Warum zocken unsere Kinder so gern?

Ein Klassiker, den selbst Eltern kennen: Pac-Man, erstmals veröffentlicht im Jahr 1980.

(Foto: PR)

Auf LAN-Partys speziell für Eltern versuchen Erwachsene, Antworten auf diese Frage zu finden - und wie sie mit der Spiele-Begeisterung ihres Nachwuchses umgehen sollen.

Die Gäste schauen aus neugierigen Erwachsenen-Augen, und Niedersachsens Jugendschutzchefin Andrea Urban kann ihnen versichern, dass die Luft rein ist. Hier, bei der LAN-Party für Eltern in der Hannoverschen Akademie des Sports, können sie unbeschwert eintauchen in die Computerspiel-Welten, die ihnen sonst verschlossen bleiben. Sie können hemmungslos Schlangenlinien fahren beim virtuellen Autorennen oder beim Baller-Match Luftlöcher schießen. "Hier sind Ihre Kinder nicht dabei", sagt Andrea Urban zur Begrüßung, "hier werden Sie nicht ausgelacht." Es herrscht die Ruhe, die manche Mutter und mancher Vater braucht, um zumindest halbwegs zu verstehen, was eigentlich so toll ist am Daddeln im Dschungel des digitalen Zeitvertreibs.

Willkommen beim Jugendschutz des 21. Jahrhunderts: Computer stehen in einem Raum, die Elterngeneration sitzt davor und lässt sich von Fachleuten einführen in die Wirklichkeit neben der Wirklichkeit. Dass Computerspiele ein fester Bestandteil der Jugendkultur sind, ist seit Jahrzehnten ein Allgemeinplatz. Auch LAN-Partys für Eltern sind keine neue Idee. Aber die Welt der Computerspiele wächst. Durchs Internet dehnt sie sich ins Unendliche aus und der technologische Fortschritt wirft neue Fragen auf.

Virtual Reality (VR) ist die nächste Dimension des Computerspielens: Mittels VR-Brillen versetzen sich die Spieler mitten hinein ins Spiel. Die Erfahrung, in eine andere Rolle zu schlüpfen und möglicherweise einem gewalttätigen Umfeld ausgesetzt zu sein, wird so unmittelbar, dass sie manchen Leuten Angst macht. "Uns erreichen viele Fragen von Eltern", sagt Andrea Urban, "sie sagen: Wir wissen gar nicht, was unsere Kinder machen."

Nach jahrelanger Pause sah ihr Amt deshalb die Zeit für eine neue LAN-Party gekommen. Zumal es ja nicht nur darum geht, Erwachsenen Verständnis zu vermitteln für die Leidenschaft ihrer Kinder. Sondern sie auch als Partner im Jugendschutz stark zu machen. Denn die unendliche Vielfalt der virtuellen Räume überfordert die Behörden. Sie können mit Altersbegrenzungen und Verhaltensempfehlungen wichtige Orientierungshilfen geben, aber nicht jeden Abgrund des Computerspielwesens vorwegnehmen. Andrea Urban ist keine Kulturpessimistin, trotzdem sagt sie: "Im Grunde sind wir an der Grenze unseres Jugendschutzsystems." Jede Familie muss auf sich selbst aufpassen. "Je variabler die Medien werden, desto mehr ist die Verantwortung der Eltern gefragt."

Etwa hundert Männer und Frauen sind zur Party gekommen. Etwas unsicher, aber mit gutem Willen bewegen sie bewaffnete Figuren oder sonstige Wesen durch die Computerkulissen. Vor allem an den VR-Brillen sind die Schlangen lang. Die Stimmung ist heiter, aber auch etwas nachdenklich. Den Eltern geht es um ihre Kinder, sie wollen es sich nicht zu leicht machen mit ihrer Skepsis. "Mit meiner Einstellung würde ich ihm das verbieten", sagt eine Mutter, deren siebenjähriger Sohn sich am Tablet mit einfachen Spielen beschäftigt, "aber das wäre meine unreflektierte, uninformierte Reaktion." Sie weiß selbst, dass Computerspiele nicht mehr rauszukriegen sind aus dieser Medienwelt. Eine milliardenschwere Industrie mit viel kreativer Energie hat es geschafft, einen eigenen Kultur- und Wettkampfsportbetrieb rund um die Spiele wachsen zu lassen. Plumpe Ablehnung wäre weltfremd.

Selbst kluge Beschränkungen können an der Lebenswirklichkeit vorbeizielen

Plumpe Begeisterung allerdings auch. Und so sind auch die Fachvorträge an dem Abend getragen von einer Sachlichkeit, die ausdrückt, wie schwierig der Umgang mit der virtuellen Spielwelt ist. Sie fasziniert, sie bringt willkommene Zerstreuung. Aber sie überzieht junge Seelen auch mit einem Gewitter aus Eindrücken, die sie von der wahren Welt entfernen und sie teilweise Gewaltszenarien aussetzen. Zu früh zu viel davon ist nicht gut, klar. Aber wann ist wie viel zu viel? Es gibt Richtwerte. Dreijährige sollten gar nicht am Computer spielen, Drei- bis Fünfjährige nicht länger als eine halbe Stunde täglich, Kinder ab zehn höchstens neun Stunden pro Woche.

Aber selbst kluge Beschränkungen können an der Lebenswirklichkeit des computerspielenden Jugendlichen vorbeizielen, wie Christoph Klimmt, Medienpsychologe von der Hannoverschen Hochschule für Musik, Theater und Medien, sagt. "Sie können ein Kontingent von 2:45 Stunden ausmachen, aber an dem Wochenende, an dem 'Star Wars Battlefront II' rauskommt, ist das leider nicht durchzuhalten." Der richtige Umgang mit dem Zocken des Kindes geht über sklavische Vorgaben hinaus.

Es geht darum, das Hobby Computerspiel im Kern zu verstehen, um nur dann streng zu sein, wenn es sinnvoll ist. Das schreibt sich so leicht hin - aber vor allem wenn die Sprösslinge aus diesem Hobby ihr Geheimnis machen, ist das nicht leicht. Außerdem hat heute fast jedes Kind aus normal situierten Familien ständig ein Smartphone mit Spielen dabei. "Diese Medien machen es schwieriger, weil man ständig dagegen ankämpfen muss", sagt eine Mutter.

"Die Herausforderung ist vielfältig und komplex", sagt Klimmt, "man kann nur versuchen, über permanente Kommunikation am Ball zu bleiben." Am Ende hilft wohl nur ein gutes Verhältnis zum Kind, damit es auf ganz natürliche Weise im Blick behält, dass der Spaß nicht nur im Computer steckt. Sondern auch draußen, in der wirklichen, etwas weniger bunten Welt.

© SZ vom 24.11.2017/eca

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