Süddeutsche Zeitung

Chronologie zum Fall Oscar Pistorius:18 Monate Wahrheitsfindung

Am Abend des 13. Februar 2013 kommt Reeva Steenkamp zu ihrem Freund Oscar Pistorius nach Hause - dann fallen vier Schüsse. Eineinhalb Jahre später neigt sich der Mordprozess gegen den Athleten dem Ende zu. Ihm drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis. Eine Chronologie.

Der 14. Februar ist gerade angebrochen, Valentinstag 2013. Wenn es hell wird, wird nichts mehr so sein wie es war. Eineinhalb Jahre später erwartet Oscar Pistorius, einst nationale Ikone Südafrikas, die Entscheidung in einem Strafprozess. Ihm droht eine Verurteilung wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp. Eine Chronologie der Ereignisse.

2013

  • 13. Februar: Gegen acht Uhr abends kommt Reeva Steenkamp in den Silver Woods Country Estate. In Haus Nummer 286 besucht sie ihren Freund, Oscar Pistorius. Das Paar verbrngt den Abend zuhause. Sie macht noch einige Yoga-Übungen, er sieht fern.​
  • 14. Februar, zwischen 2 und 3 Uhr morgens

Version von Oscar Pistorius:

Pistorius wacht auf und begibt sich auf den Balkon des Schlafzimmers (er trägt keine Prothesen) um einen Ventilator hereinzuholen. Es ist dunkel. Er hört ein Geräusch im Badezimmer, glaubt an einen Einbrecher. Er greift nach seiner Waffe, schleppt sich ins Bad, feuert dort durch die Toilettentür, ruft Steenkamp, die er im Bett vermutet zu, sie solle die Polizei rufen. Doch da ist Reeva schon tot.

Version der Staatsanwaltschaft:

Es kommt zum Streit zwischen den Partnern. Steenkamp zieht sich an, will womöglich das Haus verlassen, verbarrikadiert sich in der Toilette. Pistorius schnallt sich - vermutlich - seine Prothesen an, greift zur Waffe und folgt Steenkamp ins Bad. Er erschießt seine Freundin kaltblütig.

  • 4. Juni: Die Anhörung wird auf den 19. August vertagt. Weitere Ermittlungen seien notwendig, erklärt das Magistratsgericht in Pretoria. Pistorius bleibt frei. Er wohnt vorübergehend bei seinem Onkel.
  • 19. August: Der Richter gibt bekannt, dass Pistorius sich vom 3. März 2014 an wegen Mordes vor Gericht verantworten muss. (Lesen Sie hier die Anklageschrift in voller Länge)
  • 20. August: Nach einem Medienbericht will sich Pistorius angeblich mit Steenkamps Familie außergerichtlich auf Zahlung von Schadenersatz einigen. So hoffe er, eine drohende Zivilklage abzuwenden.
  • 20. November: Pistorius werden neben dem Vorwurf des Mordes und des illegalen Waffenbesitzes zwei weitere Vergehen angelastet. Bei beiden Zwischenfällen aus den Jahren 2012 und 2013 fielen Schüsse, doch niemand kam zu Schaden.

2014

  • 14. Februar: Ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf Reeva Steenkamp veröffentlicht Pistorius' ein Statement. Er sei "vom Schmerz verzehrt", heißt es darin. "Der Schmerz und die Traurigkeit, insbesondere für die Eltern, Familie und Freunde von Reeva erfüllen mich mit tiefer Trauer."
  • 25. Februar: Richter Dunstan Mlambo entscheidet, dass das Verfahren gegen Oscar Pistorius zu großen Teilen live im Fernsehen und Radio übertragen werden darf.
  • 3. März: In Pretoria beginnt unter den Augen der Weltöffentlichkeit der Prozess gegen Oscar Pistorius.
  • 19. März: Der Ballistiker Chris Mangena belastet den Angeklagten mit seiner Aussage schwer: Demnach hätte die 29-Jährige zwischen den Schüssen Zeit gehabt, zu schreien, bevor sie starb. Pistorius hätte somit wissen können, wer hinter der geschlossenen Toilettentür war.
  • 23. März: Ursprünglich war das Verfahren nur bis 20. März angesetzt. Jetzt wird der Prozess bis zum 16. Mai verlängert.
  • 28. März: Wegen der Erkrankung eines Gerichtsgutachters wird der Prozess bis 7. April unterbrochen.

Aggressiver Staatsanwalt, weinender Angeklagter

2014

  • 7. April: Oscar Pistorius tritt erstmals selbst in den Zeugenstand und wird von seinem Verteidiger Barry Roux befragt. Er berichtet, wie oft er in der Vergangenheit Opfer und Zeuge von Gewaltverbrechen wurde. Die Aussage soll belegen, dass sich der Angeklagte nicht ohne Grund vor einem Einbrecher in seinem Haus fürchtete.
  • 8. April: Pistorius' zweiter Tag im Zeugenstand geht hochemotional zu Ende. Der 27-Jährige schildert detailliert den Tatabend. Als er zu dem Moment kommt, in dem er sich über die blutende Reeva beugt, beginnt er laut zu weinen. Richterin Thokozile Masipa vertagt die Befragung auf den nächsten Tag.
  • 9. April: Zum ersten Mal nimmt Staatsanwalt Gerrie Nel Pistorius ins Kreuzverhör und setzt ihn unter Druck. Der Ton im Gericht ändert sich deutlich. Nel lässt ein Video zeigen, das Pistorius und seine Freund bei Schießübungen auf eine Melone zeigt. Es ist auch Pistorius' Stimme zu hören. Er sagt, die Melone "sei viel weicher als ein Gehirn" und die Waffe sei ein "Zombie-Stopper". Pistorius bezeichnet das Video im Nachhinein als "schrecklich". ​
  • 10. April: Die Beziehung zwischen Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp ist Thema im Gericht. Nel befragt den Sportler zu einem Vorfall auf einer Verlobungsparty, zu seinen Wutanfällen, Schüssen im Restaurant, zur Whatsapp-Kommunikation des Paares und kommt zu dem Schluss: "Sie haben Reeva erniedrigt. Sie hatte Angst vor Ihnen."
  • 11. April: Staatsanwalt Nel geht Pistorius auch an dessen fünftem Tag im Zeugenstand hart an. Er fragt erneut Details zur Tatnacht ab und treibt den Sportler in die Enge. Seine Fragen konzentrieren sich auf ein wichtiges Tatmerkmal: Absicht. Er unterstellt dem Angeklagten: "Sie wollten schießen." Pistorius bricht erneut schluchzend zusammen. "Ich habe einen Menschen verloren, der mir lieb war. Ich weiß nicht, wie Leute das nicht verstehen können." Richterin Masipa vertagt die Befragung - und ermahnt den Staatsanwalt ob seiner Wortwahl.
  • 12. April: An Pistorius sechstem Tag im Zeugenstand zerpflückt Strafverfolger Nel dessen eidessstaatliche Erklärung. Pistorius gab diese kurz nach der Tat ab, um auf Kaution freizukommen. Nel nutzt Details aus dem Dokument, um Widersprüche in Pistorius' Version der Tatnacht aufzuzeigen.
  • 13. April: An Pistorius' siebtem Tag im Zeugenstand lässt der Staatsanwalt Fotos des blutverschmierten Tatorts zeigen - Pistorius muss sich angesichts der Bilder mehrmals übergeben. Der Angeklagte wird aufgefordert, dem Gericht zu demonstrieren, wie er die Badezimmertür mit einem Kricketschläger aufbrach. Sein Verteidiger Roux bittet ihn, eine Valentinskarte seiner Freundin vorzulesen, die sie ihm am Tag ihres Todes überreichen wollte.
  • 16. April: 2000 Seiten umfasst das Protokoll der ersten 24 Verhandlungstage im Mordprozess, Richterin Masipa vertagt die Verhandlung für zwei Wochen. Die Richterin folgt damit einem Antrag von Staatsanwalt Nel, der Terminprobleme als Begründung angegeben hatte.
  • 17. April: An diesem Tag wird bekannt, dass der von der Verteidigung aufgerufene Gerichtsmediziner Reggie Perumal nicht in den Zeugenstand treten will. Es wird vermutet, dass Perumal nicht aussagt, weil er fürchtet, die Thesen der Anklage weiter zu untermauern. Beobachter sehen in dieser Verweigerung einen Rückschlag für die Verteidigung.
  • 5. Mai: Der Mordprozess gegen Oscar Pistorius wird fortgesetzt. Im Zeugenstand werden nun ein Nachbar und dessen Tochter befragt, die Pistorius nach den tödlichen Schüssen auf seine Freundin angerufen hatte und die noch vor Polizei und Rettungskräften am Tatort eintrafen. "Er schrie, er weinte, er betete", so schildert der Nachbar den Zustand von Pistorius. Seine Erschütterung über den Tod seiner Freundin sei echt gewesen, sagt der Mann aus. Drei weitere Nachbarn stützen am nächsten Tag ebenfalls die Version des Angeklagten: "Wir haben keine Schreie einer Frau gehört."
  • 8. Mai: Als Überraschungszeugin tritt die Sozialarbeiterin Yvette van Schalkwyk im Prozess auf. Sie betreute den Angeklagten in der Nacht nach seinen tödlichen Schüssen auf Reeva Steenkamp. "Ich sah einen gebrochenen Mann, der emotional litt", sagt van Schalkwyk. Pistorius habe in der Polizeizelle "tieftraurig" gewirkt.
  • 12. Mai: Die Gutachterin Merryl Vorster bescheinigt Pistorius als Zeugin der Verteidigung eine Angststörung. "Er wollte nicht alleine zu Hause sein", sagt Vorster. Pistorius habe eine "intensive Angst vor Südafrikas hoher Kriminalitätsrate". Die Staatsanwaltschaft kritisiert die Untersuchung und fordert ein neues psychiatrisches Gutachten.
  • 14. Mai: Richterin Masipa ordnet entgegen aller Erwartungen der Prozessbeobachter ein neues Gutachten an, um zu klären, wie groß die Ängste des Athleten wirklich sind und wie es um seine mentale Verfassung bestellt ist.
  • 26. Mai: Einen Monat lang muss sich Pistorius nun für ambulante psychologische Untersuchungen täglich in eine Klinik begeben - für diesen Zeitraum wird der Prozess ausgesetzt.
  • 30. Juni: Der Prozess wird fortgesetzt. Das Ergebnis des psychiatrischen Gutachtens kommt an diesem 34. Prozesstag nur kurz zur Sprache: Der Angeklagte Oscar Pistorius litt demnach während seiner Tat nicht an einer psychischen Krankheit, die sein Handeln beeinflusst hätte. Er gilt als voll schuldfähig.
  • 1. Juli: Pistorius' Manager sagt aus. Peter van Zyl bescheinigt dem Profisportler eine sehr "liebevolle und fürsorgliche Beziehung" zu seiner Freundin Reeva Steenkamp. Pistorius sei außerdem vom Thema Sicherheit besessen und insgesamt sehr schreckhaft, führt er in der Befragung durch die Verteidigung aus.
  • 2. Juli: Zwei Tage nach der Fortsetzung des Prozesses werden doch noch weitere Auszüge aus dem psychiatrischen Gutachten verlesen. Der Angeklagte leidet demnach seit der Tat unter einer schweren posttraumatischen Störung und ist suizidgefährdet.
  • 3. Juli: Der medizinische Betreuer des südafrikanischen Teams bei den Paralympics 2012 in London, Wayne Derman, beginnt mit seiner Aussage. Er ist der letzte von 36 Zeugen, die von der Vertreiddigung befragt werden. Der Arzt schildert den am Unterschenkel amputierten Athleten als gespaltene Persönlichkeit, der sich allen seinen sportlichen Erfolgen zum Trotz wegen seiner Behinderung außergewöhnlich verletzlich fühle.
  • 6. Juli: Ein australischer Fernsehsender strahlt ein Video aus, in dem Oscar Pistorius zu sehen ist, wie er Teile der Tatnacht nachstellt. Das Video diente als Vorlage für eine animierte Version, mit deren Hilfe Pistorius' Anwälte sich auf den Prozess vorbereitet hatten. Die Verteidigung hatte das Video bei einer auf forensische Animation spezialisierten US-Firma in Auftrag gegeben. Pistorius' Anwalt Brian Webber kritisierte, Channel 7 habe sich das Video illegal beschafft und es entgegen Absprachen noch vor Verfahrensende veröffentlicht.
  • 8. Juli: Mit der Aussage des letzten der 36 Zeugen endet die Beweisaufnahme des Prozesses, die Schlussphase des Verfahrens beginnt.
  • 30. Juli: Die Staatsaanwaltschaft um Gerrie Nel übergibt Richterin Masipa unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Zusammenfassung der Beweislage.
  • 4. August: Die Verteidigung lässt dem Gericht ihrerseits eine Zusammenfassung ihrer Variante zukommen. Mithilfe dieser Unterlagen bereitet sich Masipa auf die Schlussplädoyers vor.

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