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Christentum:Die Kirchenmitgliedschaft wird zum Gegenstand der Kosten-Nutzen-Analyse

Was da passiert, kann man so zusammenfassen: Die Säkularisierungsprozesse in Deutschland gehen weiter, unabhängig davon, wie viele Menschen hierzulande den Papst bewundern oder das Reformationsgedenken gut finden. Vor zehn Jahren startete die evangelische Kirche in Deutschland unter dem Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber einen umfassenden Reformprozess; tatsächlich tritt die Kirche seitdem selbstbewusster in die Öffentlichkeit, Mitglieder verloren hat sie trotzdem.

Vor zehn Jahren tourte auch der 2005 zum Papst gewählte Benedikt XVI. durch seine Heimat Bayern, Hunderttausende jubelten ihm zu, und mancher Autor, Feuilletonist und Soziologe sprach von der "Wiederkehr des Religiösen". Doch trotz der vielen klugen Texte füllten sich die Kirchen nicht. Der Osten Deutschlands ist inzwischen nach Tschechien die am stärksten säkularisierte Region Europas, obwohl es dort ohne mutige Christen 1989 keine friedliche Revolution gegeben hätte.

Das bisschen Glauben, das ich brauche, mache ich mir selber

Die Bindungskräfte an die großen Kirchen haben nachgelassen, analysiert der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster, "das Verhältnis ist lau geworden. Man versteht sich irgendwie als Christ, hat aber auch kein leidenschaftliches Verhältnis zum Glauben mehr." Pollack hat Ausgetretene befragen lassen und festgestellt: Die meisten sind keine Kirchenfeinde, sie werden auch selten zu engagierten Atheisten, Humanisten, Buddhisten oder Esoterikern. Ihnen ist der Glaube einfach weniger wichtig geworden, verglichen mit den innerweltlichen Sinn- und Erfüllungsangeboten wie Familie, Partnerschaft, Beruf, Freizeit, Sport oder Hobbys.

Die Kirchenmitgliedschaft wird für viele zum Gegenstand der Kosten-Nutzen-Analyse: Lohnt sich das für mich? Kommt dann ein Skandal daher oder einfach nur eine Änderung im Lohnsteuergesetz, sagen sich jedesmal viele Mitglieder: Es lohnt sich nicht mehr. Das bisschen Glauben, das ich brauche, mache ich mir selber. Die sozialen Kosten für den Austritt sind inzwischen meist niedrig, vor allem dort, wo eine Mehrheit sagt: Ich glaube nichts - und mir fehlt nichts.

Kirchen in Bayern Katholische und evangelische Kirchen verlieren massiv Mitglieder
Christen in München

Katholische und evangelische Kirchen verlieren massiv Mitglieder

Doch trotz der steigenden Zahl von Austritten gibt es immer mehr Hochzeiten und Taufen in den Gotteshäusern.   Von Christian Krügel

Dieser Prozess hat, mal mehr und mal weniger stark, ganz Westeuropa und inzwischen auch die Vereinigten Staaten erfasst; in Ländern wie Frankreich oder Irland ist die Zahl derjenigen, die sich als religiös bezeichnen, innerhalb von sieben Jahren um mehr als 20 Prozentpunkte zurückgegangen. Und doch verläuft dieser Prozess nicht linear, er ist komplex und auch widersprüchlich. Es gibt Regionen mit nach wie vor hoher Kirchenbindung wie die Gegend um Passau oder das Münsterland. Es gibt Gegenden in Ostdeutschland, in denen nur noch jeder Zehnte Mitglied einer Kirche ist - oft Regionen, in denen die Säkularisierung schon mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann; 40 Jahre DDR haben den Prozess beschleunigt.

Es löst sich zudem die Religiosität zumindest teilweise von der Kirchenzugehörigkeit. Es gibt das faktisch nichtgläubige Paar, das nur deshalb kirchlich heiratet, damit die Großeltern zufrieden sind; und es gibt den Ausgetretenen, der irgendwie doch an Gott glaubt und täglich betet.