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Zensur in China:Fiktive Liebe, die real bestraft wird

Supporters hold a rainbow flag and signs near the courthouse before the hearing in which a Chinese student lodged a suit against the Ministry of Education over school textbooks describing homosexuality as a mental disorder, in Beijing

"Danmei" nennt sich die Gattung, die sich um Liebesbeziehungen und Sex zwischen Homosexuellen dreht. Hier demonstrierten zwei Chinesinnen vor zwei Jahren dagegen, dass in Schulbüchern Homosexualität als psychische Störung beschrieben wird.

(Foto: Damir Sagolj/Reuters)
  • Ein Gerichts in der ostchinesischen Provinz Anhui hat eine Schriftstellerin zu zehn Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
  • Sie hatte ein Buch über eine fiktive Liebesgeschichte zwischen einem Lehrer und seinem Schüler geschrieben.
  • Seit der Veröffentlichung im vergangenen Jahr hatte es sich gerade ein paar tausend Mal verkauft.

"Ich kann die Filme nicht sehen, die mir gefallen. Die Comics nicht kaufen, die mich interessieren - und nun wird die Literatur verboten, die ich lese": Frustrierte Kommentare wie dieser überschwemmen seit Montag chinesische Internetseiten. Viele Nutzer sind erbost über die Entscheidung eines Gerichts in der ostchinesischen Provinz Anhui, das eine Schriftstellerin zu zehn Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt hat. Sie hatte ein Buch über eine fiktive Liebesgeschichte zwischen einem Lehrer und seinem Schüler geschrieben. "Die Eroberung", so der Titel des Taschenbuches, hatte sich seit der Veröffentlichung im vergangenen Jahr mehr als 7000 Mal verkauft. Im vergangenen Dezember war die Autorin verhaftet worden, deren vollständiger Name nicht öffentlich bekannt ist, die aber unter dem Pseudonym Lady Tianyi schreibt. Das Urteil aus dem Oktober, das nun erst bekannt wurde, lautet auf Herstellung und Verkauf von Pornografie. Das ist in China verboten.

Lady Tianyi ist keine Unbekannte, sondern der Star eines Genres, das in China Tausende Anhänger hat: Danmei nennt sich die Gattung, die sich um homosexuelle Liebesbeziehungen und Sex dreht. Neben Büchern, Filmen und Mangas gibt es viele Onlineforen zu dem Thema. Danmei hat nicht nur homosexuelle Fans. Besonders unter jungen heterosexuellen Frauen sind die Filme beliebt, für die gut aussehende Schauspieler speziell gecastet werden, die auch ihnen gefallen. Das ärgert zwar viele LGBT-Vertreter, die fürchten, dass dadurch Stereotypen gefördert würden. Einige sehen darin aber auch einen Akt der Rebellion gegen die konservative chinesische Kultur, in der Frauen zurückhaltend sein sollen. Sicher ist: Die Popularität ist mit der Grund, warum so viele Internetnutzer nun gegen das Gerichtsurteil protestieren und in sozialen Medien eine Revision des Urteils gegen Lady Tianyi fordern.

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Homosexualität ist in China ein sensibles Thema. Zwar werden LGBT-Gruppen nicht systematisch verfolgt wie in anderen Ländern. Behörden tun sich aber schwer mit Aktivistengruppen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen. Mit der zunehmenden Überwachung von Nichtregierungsorganisationen geraten die Aktivisten unter Druck. Zudem versucht die Kommunistische Partei, das Thema aus den Medien zu verdrängen, da es nicht zu ihren Vorstellungen einer "harmonischen Gesellschaft" passt, die unter Präsident Xi Jinping oberstes Credo geworden ist.

2016 wurden staatliche Richtlinien für die Fernsehbranche öffentlich, in der Homosexualität neben Inzest und Vergewaltigung als "abnormales sexuelles Verhalten" bezeichnet wurde. Im vergangenen Jahr wurde das Thema auf Livestreaming-Plattformen verboten, über die Videoblogger mehrere hundert Millionen Zuschauer erreichen. Im Zuge einer staatlich angeordneten "Säuberung des Internets" hatte jüngst der Kurznachrichtendienst Sina Weibo viele Beiträge zu dem Thema gelöscht. Erst nach massiven Protesten knickte die Plattform ein. Auch dieses Mal hoffen viele Nutzer auf eine Kehrtwende. Ein User schrieb am Dienstag in einem Online-Kommentar: "Ich lese diese Literatur und ich empfehle sie. Bin ich ein Komplize? Dann verhaftet mich!"

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