Namen:Die Hus von Mailand

People in the street with masks in China Town in Via Paolo Sarpi alarm for Wuhan virus in view of the Chinese New Year (

Mailands zentrale Via Paolo Sarpi ist das Herz einer stetig gewachsenen Chinatown.

(Foto: imago images)

Eigentlich ist Rossi das Müller Italiens. Doch jetzt ist in Mailand zum ersten Mal in der Geschichte nicht mehr ein italienischer Nachname der häufigste, sondern ein chinesischer.

Von Oliver Meiler, Rom

Westliche Großstädte sind wunderliche Mikrokosmen, voll mit kleinen Skurrilitäten der Globalisierung. In Mailand zum Beispiel, der lombardischen Metropole, ist zum ersten Mal in der Geschichte nicht mehr ein italienischer Nachname der häufigste, sondern ein chinesischer, ein kurzer und prägnanter: Hu.

Bei den Männern war das schon vorher der Fall, nun haben auch die "Signore Hu" die Spitze in der alljährlich mit einiger Spannung erwarteten Rangliste des Mailänder Einwohneramtes übernommen. Gefolgt von Rossi, in Italien ungefähr so verbreitet wie Müller in Deutschland - deutlich distanziert dann noch: 4664 Hus gegen 4006 Rossis. Die Zeitung Il Sole 24 Ore beschreibt Rossi als "italianissimo", superitalienisch. Und jetzt einfach überholt. Dann kommen Colombo, Ferrari, Brambilla.

So erstaunlich das auch wirken mag, Statistiker würden wohl nur mit den Schultern zucken, es gibt nämlich eine recht banale Erklärung für die Verbreitung der Hus, eine historische. Die chinesische Gemeinde Mailands hat eine lange Geschichte. Manche der Jüngsten gehören schon zur fünften Generation, sie sprechen Italienisch, sind integriert. Die meisten von ihnen haben den italienischen Pass: China fordert die Weggezogenen nämlich im Alter von 18 Jahren auf, zwischen der chinesischen und der italienischen Staatsangehörigkeit zu wählen. Doppelbürger gibt es nicht.

Und so fühlen sich die Chinesen Italiens wie Italiener, gerade in der Lombardei, wo es 8000 chinesische Unternehmer gibt, die, wie kann es anders sein, mittlerweile auch vielen Italienern Arbeit geben. Auch unter den Firmenbesitzern ist der Name Hu übrigens der häufigste. Mailands zentrale Via Paolo Sarpi ist das Herz einer stetig gewachsenen Chinatown, sie ist längst verwachsen mit der Stadt, ein Teil von ihr.

Das chinesische Neujahr wird dort jeweils begangen, als wäre man in China. Der Fußballverein Inter Mailand gehört einem chinesischen Großkonzern, auch AC Mailand hatte einmal kurz einen chinesischen Besitzer. Das Mailänder Stadtderby war zur chinesischen Affäre geworden. Dann stellte sich heraus, dass Milans angeblich steinreicher Chinese in Wahrheit fast gar kein Geld besaß, aber das ist eine andere Geschichte.

"Wir sind alle hier"

Man kann also sagen, dass Mailand eine lange und intensive Beziehung unterhält zu seiner chinesischen Gemeinde, der eingebürgerten und der nicht eingebürgerten. Doch mit etwas mehr als 30 000 gemeldeten Mitgliedern ist sie gar nicht so groß. Hu, und jetzt kommt's, ist nur deshalb so stark verbreitet, weil die allermeisten Chinesen, die in Mailand und in Italien insgesamt leben, aus derselben Provinz stammen: aus Zhejiang im Südosten Chinas am Ostchinesischen Meer, 55 Millionen Einwohner. Genauer noch: Die "Cinesi d'Italia" kommen großmehrheitlich aus Whenzou, einer Stadt im Süden der Provinz. Und dort, in Whenzou, heißen nun mal sehr viele Menschen Hu. So erklärt sich die Dichte an Hus in Mailand, die natürlich mit jedem Zuzug von Familienmitgliedern etwas zunimmt.

La Repubblica hat nun aus gegebenem Anlass ein Mailänder Ehepaar Hu interviewt, 35 und 37 Jahre alt, fünfte Generation, beide Unternehmer. "In meinem Heimatort in China", sagte Stephane Hu der Zeitung, "lebt fast niemand mehr aus meiner Familie: Wir sind alle hier." Siebzig oder achtzig Onkel, Tanten, Nichten, Enkel, Brüder, Schwestern. Alle Hus, alle daheim in Mailand. Als Corona über die Stadt kam, organisierte Stephane Hu den tonnenweisen Import von Schutzmasken und Schutzkitteln aus China - für die Ärzte und Pfleger in den Mailänder Altenheimen und Krankenhäusern. "Wir mussten unsere Stadt retten, alle zusammen."

Bei der Wahl der Vornamen sind die Chinesen Italiens auch mittlerweile sehr italienisch geworden, "italianissimi" sogar. Das fördert wohl die Integration. Von den Mädchen, die im vergangenen Jahr in der chinesischen Gemeinde auf die Welt gekommen sind, heißen viele Sofia, das ist auch der liebste Vorname der Italiener. Und bei den Jungen decken sich die Vorlieben der Chinesen und der Italiener ganz genau: Keiner schlägt Leonardo, seit Jahren schon.

© SZ/afis
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