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China:Der Schein siegt

Das Fälschen hat in China eine sehr lange Tradition. Ein Rundgang durch das Land zeigt: Wirklich niemand ist vor chinesischen Hochstaplern sicher - nicht einmal die Chinesen selbst.

In China konnte man schon vor Jahren seine Fritten bei King Burger und McKentucky bestellen, und eine Dose Heimeken bei Pizza Huh trinken. Wie diese Woche herauskam, kann man neuerdings sein Geld auch bei Goldman Sachs anlegen, einem Finanzinstitut mit Sitz in Shenzhen in der Provinz Guangdong, das zwar orthografisch mit dem amerikanischen Original in einer Liga spielt, aber eben auch bloß eine Kopie ist. Ausgerechnet Guangdong, auch als "Kanton" bekannt. "Die Chinesen sind sehr raffiniert in der Imitation", schrieb einmal ein Reisender aus Portugal. "Was auch immer aus Europa sie in die Hände bekommen, das imitieren sie bis zur Perfektion. In der Provinz Kanton haben sie Dinge so exakt nachgeahmt, dass sie sie im Rest des Landes als europäische Waren verkaufen." Der Autor dieser Zeilen, ein Dominikanerpater namens Domingo Navarette, war in China unterwegs: von 1659 bis 1664.

China ist noch immer Weltmeister in den Disziplinen Imitation und Raubkopie, und nicht immer lässt sich den Piraten dabei Kreativität absprechen. Chinesen konnten ein iPhone 6 schon erstehen, Monate bevor die Apple-Chefs es selbst in der Hand hielten, und während Harry-Potter-Fans weltweit nach Erscheinen des siebten Bands in Depressionen verfielen ob des Endes der Serie, durften chinesische Leser sich an gleich mehreren Folgebänden erfreuen ("Harry Potter und der Leopardendrache", zum Beispiel). Mitunter zeitigte die Profitgier der Produktpiraten auch erfreuliche Nebeneffekte; Generationen von Chinesen lernten günstig westliche Pop- und Filmkunst kennen: Billiger kam der Westen selten an Soft Power.

Großbritannien oder China? Ein Brautpaar in Nanjing wünschte sich eine Kopie der königlichen Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton.

(Foto: AP)

2010 veröffentlichte die UN-Behörde für Drogen und Kriminalität eine Untersuchung, derzufolge 70 Prozent der weltweit beschlagnahmten Raubkopien aus China stammten. Was natürlich auch daran liegt, dass China längst die Fabrik der Welt ist: Praktisch alle Marken lassen hier produzieren. Die Regierung führt so regelmäßig wie erfolglos Feldzüge gegen die Fälscher, die im Dschungel des Online-Shoppings ein noch ergiebigeres Ökosystem gefunden haben. Allerdings: Auch Chinas Konsumenten scheinen allmählich des Nachgeahmten überdrüssig zu sein. In einer vor Kurzem veröffentlichten Umfrage in 15 chinesischen Städten erklärten neun von zehn Befragten nicht den Preis, sondern die Echtheit eines Produkts zum wichtigsten Kriterium beim Einkauf, vor einem Jahr waren es nur 78 Prozent. Das mag am steigenden Wohlstand der Städter liegen, aber auch daran, dass ihnen die Fälscher mittlerweile ihr Heiligstes vermiesen: das Essen. Die letzten Jahre machten gefälschte Eier (aus Gips und Gummi) ebenso Schlagzeilen wie gefälschtes Lammfleisch (eine Mischung aus Fuchs und Ratte).

Mit der Skepsis der Konsumenten wächst das Geschick der Hochstapler. Man fälscht nicht mehr nur iPhones, man baut sich gleich den Apple-Store. Nachdem der Schwindel bekannt wurde, schritt auch hier die Regierung ein. Bloß: Sie selbst ist in Sachen Falschetikettierung nicht das beste Vorbild. Diese Woche verkündete das Propagandablatt Global Times, China sei "die größte Demokratie der Welt". Gegen so einen Gaunerstreich sind auch die 28 falschen Apple-Stores in Kunming Peanuts.