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China:"Abartig"

China: Two young women with bound feet in a lesbian pose, painting by Huang Dasheng, c.1885

Homosexualität war lange Zeit nichts Unnormales und weit verbreitet in China - wie auf dieser Zeichnung von Huang Dasheng aus dem Jahr 1885 zu sehen.

(Foto: dpa/CPA Media Co.)

Diskriminierende Lehrbücher: In dem Werk "Geistige Geundheit für Studenten" heißt es, Homosexualität sei "krank". Eine lesbische Frau zwingt nun das Bildungsministerium vor Gericht.

Von Kai Strittmatter, Peking

Die Studentin Chen Qiuyan ist 20 Jahre alt, eingeschrieben an der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou und liebt Frauen. Sie findet nicht, dass sie das zur Geisteskranken macht. Deshalb zwang sie letzte Woche Chinas Bildungsministerium vor Gericht. Wegen der in China kursierenden Lehrbücher, die - wie das von ihr zitierte Werk "Geistige Gesundheit für Studenten" - noch immer verbreiten, Homosexualität sei "abartig" und ebenso "krank" wie Sex mit Kindern oder Tieren. Die Studentin und Regierungsbeamte trafen sich vor Gericht, die erste Runde des Ringens ist vorüber, und Chinas Homosexuellen-Aktivisten gönnen sich vorsichtigen Optimismus: "Was da letzte Woche passiert ist, war überraschend", sagt Xiao Meili, 26 Jahre alt, eine der bekanntesten Feministinnen des Landes der SZ. "Es sieht so aus, als werde unser Land immer zivilisierter."

Männer, die Männer lieben, Frauen, die mit Frauen zusammen sind - in der Vergangenheit war das in China lange nichts Unnormales. Kaiser besangen ihre Liebhaber, Malerei und Dichtung sind voller homoerotischer Szenen. So gesehen waren die letzten Jahrzehnte der Volksrepublik China eher eine Ausnahme. Phasen der Prüderie hatte es in Chinas Geschichte immer wieder gegeben, bemerkenswerterweise meist unter dem Einfluss fremder Kulturen, so als die Mongolen in der Yuan-Dynastie (1279 bis 1368) China beherrschten, später die Mandschuren (1644 bis 1911). Das Ausmaß an Sexual- und Homosexuellenfeindlichkeit jedoch, das Mao Zedongs Kommunisten nach 1949 ihrem Land verordneten, ist ungewöhnlich in Chinas Geschichte. In der Volksrepublik gab es zwar nie einen offiziellen Anti-Homosexuellen-Paragrafen. Das hinderte die Polizei aber nicht daran, Schwule einfach als "Sittenstrolche" festzunehmen und ins Lager zu stecken.

Nach Maos Tod lüftete die Reform- und Öffnungspolitik das Land ordentlich durch. Die sexuelle Revolution, die China seither erlebt, schuf ein liberaleres Klima auch Homosexuellen gegenüber: 1997 wurde der Sittenstrolch-Paragraf abgeschafft und 2001 strich das Gesundheitsministerium die Homosexualität von seiner Liste der Geisteskrankheiten. Vorurteile hielten sich aber weiter hartnäckig. Einerseits fanden sich mutige schwule und lesbische Paare zu öffentlichen "Hochzeiten" zusammen, um für Toleranz zu werben; die Transsexuelle Jin Xing ist eine der berühmtesten Tänzerinnen und TV-Moderatorinnen des Landes. Andererseits werden bis heute Dutzende Lehrbücher wie das nun angefochtene verlegt, und wer Pech hat wie der 31-jährige Peng Yanhui, der landet noch im Jahr 2014 auf Drängen seiner Eltern in einer Klinik, die verzweifelten Kunden verspricht, sie könne die Homosexualität mit Elektroschocks austreiben.

Peng Yanhui ist heute ein Freund der Studentin Chen, er begleitete sie nach Peking. "Wir wollen die Vorurteile in der Gesellschaft ausrotten", sagte er: "Es ist sehr schwierig, die Generation unserer Eltern dazu zu bringen, uns so zu akzeptieren." Die Homophobie des neuzeitlichen China mag vom westlichen Vorbild inspiriert gewesen sein, sie traf dabei gleichzeitig auf eine Tradition, die es ihr leicht machte: Der Konfuzianismus predigt seit zweieinhalb Jahrtausenden den unbedingten Gehorsam gegenüber den Eltern, der sich zuallererst im Zeugen von Nachwuchs manifestiert. Die Generation der heutigen Einzelkinder spürt den Druck besonders.

China sei ein Land der Widersprüche, sagt Li Yinhe, Chinas bekannteste Sexualforscherin. "Einerseits gibt es den Homosexuellen-Schick, der an den Unis dazu geführt hat, dass sich manche Hetero-Studenten so kleiden wie Schwule", sagt Li. "Gleichzeitig bringen Familien es oft nicht fertig, ihr Kind als homosexuell zu akzeptieren." Sie erzählt von einem verzweifelten Mann, der sie anrief: Sein Sohn habe sich als schwul geoutet, nun wolle sich seine Frau umbringen. "Für chinesische Eltern ist es das größte Unglück, wenn ihnen die Enkelgeneration verwehrt bleibt." Li Yinhe versucht Jahr für Jahr über befreundete Parlamentarier einen Gesetzentwurf zur Homosexuellenehe in den Nationalen Volkskongress einzubringen. Bislang vergeblich. Die Feministin Xiao Meili erzählt, wie sie mehrere Male den Anlauf nahm, um mit ihren Eltern über die Tatsache zu reden, dass sie Frauen liebt. "Es geht einfach nicht", sagt sie. "Eine Kollegin meiner Mutter ist Lesbe. Sie verspotten sie."

Einer Umfrage vom letzten Jahr zufolge outen sich in China bis heute nur sechs Prozent aller Lesben. Schwule und Lesben gehen meist Scheinehen ein, zu dem Zweck gibt es eigene Kuppel-Webseiten.

Hoffnungsfroh stimmt die Aktivisten nun, dass das Pekinger Gericht die Beschwerde der Studentin Chen Qiuyan schnell angenommen hat. Es kam zu keinem Verfahren, das Gericht moderierte vielmehr ein Gespräch zwischen Chen und zwei Ministeriumsbeamten. Abmachungen gab es am Ende keine, die Beamten behaupteten, auf lokale Lehrbücher hätten sie keinen Einfluss, aber sie versprachen, in Zukunft aufzupassen. Chens Anwalt Wang Zhenyu feierte allein das Zustandekommen des Treffens als Erfolg: "Dass wir vor Gericht gehen konnten, dass die Medien darüber berichten, das zeugt von einer langsamen Öffnung."

Es ist ein zäher Kampf: Vor Gericht waren die Reporter einer ganzen Menge chinesischer Medien erschienen, am Ende jedoch fand sich lediglich in dem Portal "The Paper" ein Artikel.

© SZ vom 01.12.2015

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