Süddeutsche Zeitung

Chile:Anleitung zur Abtreibung

Chile ist eines der wenigen Länder, in denen ein Schwangerschaftsabbruch selbst dann noch illegal ist, wenn eine Frau vergewaltigt wurde. Mit einer schockierenden Kampagne wollen Frauenrechtsorganisationen eine Gesetzesänderung erreichen.

Frauen in Not haben nicht viele Möglichkeiten in Chile. Möglichkeit eins: ein Feuerwehrhydrant und angesägte High-Heels. Möglichkeit zwei: eine viel befahrene Straßenkreuzung. Möglichkeit drei: eine steile Treppe mit möglichst vielen Stufen.

"Hallo Mädels, wie geht's euch, ich werde euch erzählen, wie man es macht", sagt die junge Frau zu Beginn eines Videos. Sie wirkt vergnügt, das Video könnte auch ein Youtube-Tutorial für Frisur- oder Beautytipps sein. Doch es geht um etwas anderes. Auch wenn das Wort in den drei 90-Sekunden-Clips kein einziges Mal fällt: Hier wird der einzige Ausweg gezeigt, wie sich in Chile eine Abtreibung erreichen lässt: mit einem schweren Unfall.

Deshalb sollten die Frauen laut Video darauf achten, dass sie von einem Auto erfasst werden, das gerade beschleunigt. Deshalb sollten sie, nachdem der Absatz gebrochen ist, unbedingt so fallen, dass sie mit dem Bauch auf die Spitze des Wasserhydranten aufprallen. Und deshalb sollten sie sich auf dem obersten Treppenabsatz nicht umdrehen, damit sie nicht auf die Idee kommen, doch noch einen Rückzieher zu machen.

Fünf Jahre Gefängnis drohen

Natürlich sollen diese Videos nicht wirklich zur Selbstgefährdung anstiften. Die von einer Werbeagentur gedrehten Videos sind Teil der von einer Frauenrechtsorganisation im April gestarteten Kampagne "Abortion Tutorials" - "Abtreibungs-Tutorium". Sie sollen darauf aufmerksam machen, in welcher aussichtslosen Situation manche Frauen in Chile sind. In den sozialen Medien haben sie sich weltweit verbreitet und wurden Hunderttausende Mal angesehen.

Das Ziel der Kampagne: die Regierung zu einer Reform des Abtreibungsrechts zu bewegen. Seit Monaten wird darüber heftig diskutiert. Chile zählt zu den weltweit sieben Staaten, in denen eine Abtreibung unter allen Umständen verboten ist. Bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen einer Frau, die ihre Schwangerschaft abbrechen lässt.

Die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet will das ändern. Sie hat Ende Januar einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht. Er sieht vor, Schwangerschaftsabbrüche in drei Ausnahmefällen zu erlauben: Wenn der Embryo schwer geschädigt ist, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist oder wenn die Frau nach einer Vergewaltigung schwanger geworden ist. Ende Januar hat sie den Gesetzentwurf im Parlament eingebracht.

Aktivisten zeigen Plakate mit abgetriebenen Föten

Derzeit berät einen Kommission aus Experten über das Gesetz. Zwar unterstützt eine Mehrheit der Bürger die Reform, doch das streng katholische Land ist gespalten. Die Kirche, die in Chile sehr viel Einfluss hat, versucht die Reform zu blockieren. Abtreibungsgegner fahren mit Kleinbussen übers Land und zeigen großformatige Plakate von abgetriebenen Föten.

So drastisch die Strafandrohung bisher war, sie kann Frauen in Not offenbar ohnehin nicht von einem Schwangerschaftsabbruch abhalten. Die Regierung spricht von 33 000 Fällen pro Jahr, die im Krankenhausakten erfasst werden. Schätzungen der Organisation Human Rights Watch zufolge liegt die Zahl viel höher. Bis zu 160 000 Frauen treiben demnach pro Jahr unter zum Teil gefährlichen Bedingungen illegal ab, davon sind etwa 64 000 jünger als 18 Jahre.

Wie wenig das Verbot juristisch greift, zeigt eine weitere Zahl: Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie ergab, dass es zwischen Januar 2011 und September 2012 lediglich 310 Fälle gab, die strafrechtlich verfolgt wurden.

Altlast aus der Zeit der Militärdiktatur

Das hat auch die Präsidentin erkannt. "Die Daten zeigen, dass die völlige Kriminalisierung nicht dazu beigetragen hat, Abtreibungen zu verhindern", so Bachelet in einem Fernsehinterview.

Mit der Reform würde die Staatschefin eine Altlast aus der Zeit der Militärdiktatur beseitigen. Kurz bevor der Diktator Augusto Pinochet aus dem Amt gedrängt wurde, verschärfte er im Jahre 1989 noch einmal das Abtreibungsrecht und führte eine ultrarestriktive Regelung ein, die zwischen 1874 und 1931 gegolten hatte.

Die Aufarbeitung der Zwangsherrschaft unter Pinochet, der zwischen 1973 und 1990 zahlreiche Gegner verschwinden ließ und bis zu seinem Tod nie zur Verantwortung gezogen wurde, geht in Chile nur sehr langsam voran. Eine neue Verfassung hat das Land bis heute - 25 Jahre nach dem Ende der Diktatur - noch immer nicht.

Viele weitere gesellschaftliche Reformen blieben ebenfalls lange liegen. 2004 war Chile das letzte Land der westlichen Welt, das die Ehescheidung legalisierte. Erst vor wenigen Wochen, im April 2015, wurden eingetragene Partnerschaften zwischen Homosexuellen legalisiert.

Nun fehlt noch ein Gesetz, das verhindert, dass sich Frauen auf Feuerwehrhydranten fallen lassen müssen.

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